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1 Landwirtschaft und Gesamtwirtschaft

1.1 Wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors

Hohe wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft
Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht heute (2011) zwar nur 0,9 Prozent und an den Erwerbstätigen rund 1,6 Prozent aus, doch ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wesentlich größer. Die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei erzielte 2011 einen Produktionswert von 52,9 Milliarden Euro. Das ist erheblich mehr als der Produktionswert des gesamten deutschen Textil- und Bekleidungsgewerbes mit 21,6 Milliarden Euro, der pharmazeutischen Industrie mit 36,4 Milliarden Euro oder des Papiergewerbes mit 37,2 Milliarden Euro.   
 
 
Einkäufe der Landwirtschaft stützen die übrige Wirtschaft
Die Landwirtschaft ist ein guter Kunde: Landwirte fragen viele Betriebsmittel, Investitionsgüter und Dienstleistungen nach. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Höfe nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und produktionstechnischen Fragen, über Wartungsarbeiten bis hin zur Tiergesundheit und Qualitätsüberwachung. Damit sind Bauern wichtige Nachfrager im industriell-gewerblichen sowie im Dienstleistungsbereich und sichern dort Tausende von Arbeitsplätzen. Die produktionsbedingten Ausgaben der deutschen Land-, Forstwirtschaft und Fischerei betrugen im Jahr 2011 40,2 Milliarden Euro, wovon 8,8 Milliarden Euro auf Investitionen in Bauten und Maschinen entfallen. Zu den betriebsbedingten Ausgaben kommen u. a. die privaten Konsumausgaben der Land- und Forstwirte, die sich 2011 auf 7,1 Milliarden Euro beliefen.
 


Jeder 9. Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung

Das Agribusiness umfasst die gesamte Lebensmittelkette und damit alle Schritte von der Urproduktion bis zum Verbraucher: Die Landwirtschaft gewinnt mit Produktionsmitteln aus den vorgelagerten Wirtschaftbereichen die pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, die vom Ernährungsgewerbe, also dem Handwerk und der Industrie, weiterverarbeitet werden. Hinzu kommt der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel. Ein großes Marktangebot bietet außerdem die Außer-Haus-Verpflegung mit Gastronomie, Hotels, Imbissen, Kantinen und Catering.
 


Das Agribusiness ist einer der bedeutendsten und verlässlichsten Wirtschaftszweige

Das Agribusiness hatte in 2011 in rund 750.000 Betrieben insgesamt 4,6 Millionen Beschäftigte. Damit sind gut 11 Prozent aller Erwerbstätigen direkt oder indirekt damit beschäftigt, Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen bzw. pflanzliche Rohstoffe für Nicht-Nahrungsmittelzwecke zu erzeugen. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze – vor allem in Landwirtschaft, Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel – ist im ländlichen Raum angesiedelt. Mit zahlreichen attraktiven Ausbildungsberufen und -plätzen stellt das Agribusiness jeden 5. Ausbildungsplatz in Deutschland. So starten jedes Jahr rund 300.000 junge Menschen im Agribusiness in ihr Berufsleben.


Landwirtschaft als Schlüsselbranche für die Wirtschaft
Der Erwerbstätigenanteil der Landwirtschaft am gesamten Agribusiness beträgt knapp 14 Prozent. Das heißt: Einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz stehen sieben weitere Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen gegenüber. Das gesamte Agribusiness erbrachte 2011 einen Produktionswert von geschätzten 405 Milliarden Euro oder gut 8 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktionswertes. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agribusiness rund 7 Prozent. 


Erwerbstätigenzahl in der Landwirtschaft stabil
In Deutschland übten im Jahr 2011 667.000 Personen oder 1,6 Prozent aller Erwerbstätigen ihre überwiegende Erwerbstätigkeit in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei aus. 52 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sind als eigenständige Unternehmer tätig. Ihr Anteil an den Selbständigen in Deutschland beläuft sich auf knapp 8 Prozent.
 


Landwirte arbeiten länger

Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg arbeiteten die Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei im Jahr 2011 durchschnittlich 1.740 Stunden lang. Das Pensum liegt deutlich über dem Durchschnitt aller Erwerbstätigen (1.406 Stunden pro Jahr). Gemessen am gesamten Arbeitsvolumen der deutschen Wirtschaft beträgt der Anteil der Land- und Forstwirtschaft 2,0 Prozent. Dieser Anteil liegt damit deutlich höher als der landwirtschaftliche Erwerbstätigenanteil (1,6 Prozent).
 


Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft relativ stark gestiegen

Gemessen an der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen hat der Agrarsektor in Deutschland seine Produktivität zwischen 1991 und 2011 mehr als verdoppelt (+ 123 Prozent). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft stieg die Produktivität um 59 Prozent, doch es bleibt ein Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen.


Leistungssteigerungen, Kosteneinsparungen und Qualitätsverbesserungen
Präzisionslandwirtschaft, computergesteuerte Produktionsprozesse, integrierte Nahrungsmittelketten und Melkroboter stehen für die moderne Landwirtschaft von heute. Der Einsatz dieser kapital- und wissensintensiven Produktionsmittel gilt als eine wichtige Ursache für den rasanten Strukturwandel in der Landwirtschaft. Bessere Fleischqualität, qualitätsgesicherte Ackerkulturen oder neue Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen markieren den Fortschritt. Weil nicht jede Innovation zu jedem Hof passt, muss der einzelne Landwirt immer schneller Trends erkennen und sie sinnvoll für seine Betriebsabläufe nutzen.
 


Hohe Investitionen der deutschen Landwirte in Landtechnik

Eine Branche, die in besonderer Weise  von der Landwirtschaft abhängt, ist die Landtechnik. 2011 zählten die über 200 Betriebe der deutschen Landtechnik-Industrie 27.000 Beschäftigte. Deren Umsatz konnte 2011 mit 7,0 Milliarden Euro um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert werden. Die Exportquote lag bei knapp über 70 Prozent. Für 2012 wird mit einem weiteren Umsatzzuwachs um etwa sieben Prozent auf 7,5 Milliarden Euro gerechnet, womit das Niveau des bisherigen Rekordjahres 2008 leicht übertroffen wird. Neben der hohen Nachfrage aus Deutschland spielt dabei die Erholung im wichtigsten Exportmarkt, Frankreich, sowie in den meisten osteuropäischen Märkten eine zentrale Rolle.
 


Auch Landtechnik-Handwerk und -Handel mit Umsatzzuwachs

Die rund 5.600 Landmaschinen-Fachbetriebe machten mit ihren 39.750 Mitarbeitern 2011 einen Umsatz von 8,0 Milliarden Euro (gegenüber Vorjahr plus 9 Prozent). Wie in der Landtechnik-Industrie waren die Umsätze im ersten Halbjahr 2012 weiter gestiegen. Für das gesamte Jahr 2012 rechnen Landtechnik-Handwerk und -handel mit einem Umsatzzuwachs von etwa 5 Prozent.


Lohnunternehmen und Maschinenringe senken die Technikkosten
Lohnunternehmen sind landtechnische Dienstleister der Landwirte. 3.350 Lohnunternehmer im Haupterwerb mit 17.000 fest angestellten Mitarbeitern und gut 13.000 saisonalen Aushilfen erzielten 2011 einen Umsatz von etwa 3,1 Milliarden Euro, davon knapp 2,0 Milliarden Euro im Einsatz für Land- und Forstwirte. Die Umsätze wachsen bei Aufgaben im Umfeld der Landwirtschaft, zum Beispiel im Bereich Biogasanlagen, aber auch in der Bodenbearbeitung oder Düngung mit Spezialtechnik.
Die 259 von Landwirten gegründeten Maschinenringe mit 193.700 landwirtschaftlichen Mitgliedsbetrieben erwirtschafteten 2011 mit ihren rund 2.500 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von fast 1,1 Milliarden Euro. Mit dem Ziel, vorhandene Maschinen in den Betrieben besser auszulasten und zusätzliche Erwerbsquellen zu erschließen, haben sich die Maschinenringe in vielen Regionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.
 


Landwirtschaft und ländliche Räume sind untrennbar miteinander verbunden

Rund 40 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben in Kleinstädten und Landgemeinden, davon 18 Prozent in eher peripher gelegenen Regionen. Wie eine Umfrage des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt, sind die Menschen in den ländlichen Gebieten besonders stark mit ihrem Wohnort verwurzelt. Begründet wird dies mit einer relativ hohen Eigentumsquote, traditionellen Werten wie Familie, Nachbarschaft und ausgeprägter regionaler Identität. Dabei ist die ländliche Bevölkerung weitgehend auf das Auto als Mobilitätsmittel angewiesen.
 


Bevölkerungsgewinne und -verluste

Viele Gebiete stehen angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung vor allem junger Menschen vor der Aufgabe, eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und eine ausreichende Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Auch für die landwirtschaftlichen Betriebe wird es vor allem in Regionen mit rückläufigem Arbeitskräftepotential schwieriger, Berufsnachwuchs zu finden.
 


Feld und Wald sind auch wertvoll für Freizeit und Tourismus

Auf der Skala der Erholungsaktivitäten rangieren die landschaftsbezogenen Freizeitaktivitäten vorn, wie Spazierengehen, Spielen im Freien, Wandern und Radfahren. Die Land- und Forstwirtschaft erhält und pflegt 29,6 Millionen Hektar Acker, Wiesen und Wald. Das sind 82 Prozent der Fläche Deutschlands.
 


Urlaub auf dem Bauernhof erfreut sich großer Beliebtheit

Tourismus-Forscher stellen seit Längerem eine Rückbesinnung der Deutschen auf die Schönheit, Vielfalt und Preiswürdigkeit ihres Heimatlandes fest. Deutschland ist mit einem Marktanteil von etwa einem Drittel das beliebteste Reiseziel der Deutschen.  Dabei schätzen die Gäste besonders die Nähe zur Natur und die Schönheit der Kulturlandschaft. Das unmittelbare Naturerleben erhöht gerade bei Kindern und Jugendlichen das Verständnis für Umweltbelange und die Wertschätzung gesunder Lebensmittel. Urlaub auf dem Bauernhof und Urlaub auf dem Land stellen für viele landwirtschaftliche Betriebe eine wichtige zusätzliche Einkommensquelle dar.
Der Marktanteil von Bauernhofurlauben an allen Urlaubsreisen in Deutschland liegt bei 5 Prozent (Urlaubsreisen) bzw. 4 Prozent (Kurzurlaubsreisen). Zwischen Mitte 2010 und Mitte 2011 haben 4,5 Millionen Bundesbürger (6,4 Prozent der Bevölkerung Deutschlands über 14 Jahre) 7,2 Millionen Bauernhofurlaube unternommen, davon 5,1 Millionen im Inland. Rund 25.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland bieten Urlaub auf dem Bauernhof an, davon knapp die Hälfte in Bayern. Sie erzielen mit dem Angebot von Übernachtung und Verpflegung einen Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro.


Landwirtschaft genießt hohes Ansehen
Nach einer im Februar  2012 durchgeführten Emnid-Untersuchung teilen 78 Prozent der Bundesbürger die Auffassung, dass eine funktionsfähige Landwirtschaft eine Grundvoraussetzung für die Lebensfähigkeit und Lebensqualität darstellt. Fast genauso viele Bürger sind der Ansicht, dass das bäuerliche Leben eine elementare Rolle in der deutschen Kultur einnimmt. Der Landwirt wird außerdem zu den drei wichtigen und zukunftsweisenden Berufen für die Gesellschaft gezählt.


Wachsendes Interesse an landwirtschaftlichen Themen
Laut Emnid-Umfrage ist der Anteil derjenigen Bürger, die großes Interesse an der Landwirtschaft bekunden, in den letzten fünf Jahren von 33 auf 46 Prozent angewachsen. Acht von zehn Deutschen (79 Prozent) würden zudem eine größere Berichterstattung über die Arbeiten von Landwirten begrüßen. Der Fokus der Verbraucher richtet sich dabei überwiegend auf Fragen der Lebensmittelsicherheit und Produktqualität sowie den Umgang mit Tieren.


Hohe Verbraucheransprüche an die Landwirte
Die Erzeugung preiswerter Lebensmittel und die Orientierung der Landwirtschaft am technischen Fortschritt werden in den Augen der Bürger mehr als erreicht. Dennoch können die Landwirte im Soll-Ist-Vergleich den hohen Ansprüchen der deutschen Verbraucher nur bedingt gerecht werden. Insbesondere bei der Tierhaltung, dem verantwortungsvollen Umgang mit Boden, Wasser und Luft sowie der Qualität von Nahrungsmitten klaffen die Erwartungen und die gefühlten Realitäten der Bundesbürger auseinander. Die Ergebnisse heben hervor, dass in den Augen vieler Verbraucher ethische und ökologische Erwägungen in der deutschen Landwirtschaft zu kurz kommen.
 
 
Hohe Ansprüche, niedrige Zahlungsbereitschaft
Die hohen Erwartungshaltungen der Verbraucher gehen aber nicht mit einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft einher. Zu diesem Ergebnis gelangt die Allensbach-Studie aus 2011 über das Ernährungsverhalten der deutschen Gesellschaft. Demnach empfinden etwa zwei Drittel aller Bundesbürger den Verzicht auf Gentechnik oder eine artgerechte Tierhaltung als besonders wichtig. Gleichzeitig würden aber weniger als ein Drittel mehr Geld dafür ausgeben. 


Bewusstsein für Probleme der Landwirte
Die Hofnachfolge, der internationale Wettbewerb sowie die unsichere Einkommens- und Preissituation werden von knapp 80 Prozent der Bürger als starke bis sehr starke Herausforderungen angesehen. Geringe Ausgleichszahlungen durch den Staat werden noch bei knapp über der Hälfte der Befragten als Problem wahrgenommen.
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Herausgegeben vom Deutschen Bauernverband mit Unterstützung von: