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1 Landwirtschaft und Gesamtwirtschaft

1.1 Wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors

Hohe wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft
Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht heute (2012) zwar nur 0,8 Prozent und an den Erwerbstätigen rund 1,6 Prozent aus, doch ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wesentlich größer. Die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei erzielte 2012 einen Produktionswert von 54,5 Milliarden Euro. Das ist erheblich mehr als der Produktionswert des gesamten deutschen Textil-, Bekleidungs- und Schuhgewerbes mit 24,1 Milliarden Euro, der pharmazeutischen Industrie mit 38,0 Milliarden Euro oder des Papiergewerbes mit 39,6 Milliarden Euro.
 
Einkäufe der Landwirtschaft stützen die übrige Wirtschaft
Landwirte fragen viele Betriebsmittel, Investitionsgüter und Dienstleistungen nach. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Höfe nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und produktionstechnischen Fragen, über Wartungsarbeiten bis hin zur Tiergesundheits- und Qualitätsüberwachung. Die produktionsbedingten Ausgaben der deutschen Land-, Forstwirtschaft und Fischerei betrugen im Jahr 2012 43,5 Milliarden Euro, wovon 9,1 Milliarden Euro auf Investitionen in Bauten und Maschinen entfallen. Zu den betriebsbedingten Ausgaben kommen u. a. die privaten Konsumausgaben der Land- und Forstwirte, die sich 2012 auf 7,2 Milliarden Euro beliefen.

Jeder 9. Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung
Das Agribusiness umfasst die gesamte Lebensmittelkette und damit alle Schritte von der Urproduktion bis zum Verbraucher: Die Landwirtschaft gewinnt mit Produktionsmitteln aus den vorgelagerten Wirtschaftsbereichen die pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, die vom Ernährungsgewerbe, also dem Handwerk und der Industrie, weiterverarbeitet werden. Hinzu kommen der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel sowie die Gastronomie. 
 
Das Agribusiness ist einer der bedeutendsten und verlässlichsten Wirtschaftszweige
Das Agribusiness hatte in 2012 in rund 750.000 Betrieben insgesamt 4,5 Millionen Beschäftigte. Damit sind rund 11 Prozent aller Erwerbstätigen direkt oder indirekt damit beschäftigt, Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen bzw. pflanzliche Rohstoffe für Nicht-Nahrungsmittelzwecke zu erzeugen. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze – vor allem in Landwirtschaft, Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel – ist im ländlichen Raum angesiedelt. Mit zahlreichen attraktiven Ausbildungsberufen und -plätzen stellt das Agribusiness jeden 5. Ausbildungsplatz in Deutschland. So starten jedes Jahr rund 300.000 junge Menschen im Agribusiness in ihr Berufsleben. 
 
Landwirtschaft als Schlüsselbranche für die Wirtschaft
Der Erwerbstätigenanteil der Landwirtschaft am gesamten Agribusiness beträgt knapp 14 Prozent. Das heißt: Einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz stehen sieben weitere Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen gegenüber. Das gesamte Agribusiness erbrachte 2012 einen Produktionswert von geschätzten 412 Milliarden Euro oder gut 8 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktionswertes. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agribusiness gut 6 Prozent. 
 
Erwerbstätigenzahl in der Landwirtschaftseit 2008 relativ stabil
In Deutschland übten im Jahr 2012 668.000 Personen oder 1,6 Prozent aller Erwerbstätigen ihre überwiegende Erwerbstätigkeit in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei aus. Gut 50 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sind als eigenständige Unternehmer tätig. Ihr Anteil an den Selbständigen in Deutschland beläuft sich auf 7,4 Prozent. Gemessen am gesamten Arbeitsvolumen der deutschen Wirtschaft beträgt der Anteil der Land- und Forstwirtschaft 2,0 Prozent. Das ist mehr als der landwirtschaftliche Erwerbstätigenanteil mit 1,6 Prozent. 
 
Selbständige arbeiten länger
Ein Arbeitnehmer in der Land- und Forstwirtschaft arbeitete im Jahr 2012 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1.407 Stunden, ein Arbeitnehmer in der Industrie (Produzierendes Gewerbe) 1.405 Stunden und im Baugewerbe 1.525 Stunden. Die Arbeitszeiten der Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft sind mit 2.050 Stunden nahezu identisch mit den Arbeitszeiten von Selbständigen in der übrigen deutschen Wirtschaft. Der Umgang mit Natur, Umwelt und Tieren erfordert in der Landwirtschaft allerdings eine relativ hohe Flexibilität. Der Einsatz moderner Technik hat maßgebend dazu beitragen, dass körperliche Arbeit und Arbeitzeiten in der Landwirtschaft deutlich zurückgegangen sind. 
 
Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft relativ stark gestiegen
Gemessen an der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen hat der Agrarsektor in Deutschland seine Produktivität zwischen 1992 und 2012 fast verdoppelt (+ 86 Prozent). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft stieg die Produktivität um 48 Prozent, doch es bleibt ein Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen. 
 
Leistungssteigerungen, Kosteneinsparungen und Qualitätsverbesserungen
Präzisionslandwirtschaft, computergesteuerte Produktionsprozesse, integrierte Nahrungsmittelketten und Melkroboter stehen für die moderne Landwirtschaft von heute. Der Einsatz dieser kapital- und wissensintensiven Produktionsmittel gilt als eine wichtige Ursache für den rasanten Strukturwandel in der Landwirtschaft. Bessere Fleischqualität, qualitätsgesicherte Ackerkulturen oder neue Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen markieren den Fortschritt.

Hohe Investitionen der deutschen Landwirte in Landtechnik
Eine Branche, die in besonderer Weise von der Landwirtschaft abhängt, ist die Landtechnik. 2012 zählten die über 200 Betriebe der deutschen Landtechnik-Industrie 30.000 Beschäftigte. Deren Umsatz konnte 2012 mit 7,7 Milliarden Euro um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr weiter gesteigert werden. Die Exportquote lag bei 72 Prozent. Für 2013 wird mit einem weiteren Umsatzzuwachs um etwa sieben Prozent gerechnet. Damit würde erstmals die Marke von 8 Milliarden Euro Umsatz aus deutscher Produktion übersprungen. Wichtige Impulse für die Hersteller sind 2013 – neben dem deutschen Markt - vor allem aus Frankreich und den Vereinigten Staaten gekommen. Die Lieferungen nach Russland und in das Vereinigte Königreich sind dagegen deutlich rückläufig gewesen.
 
Auch Landtechnik-Handwerk und -Handel mit Umsatzzuwachs
Die rund 5.600 Landmaschinen-Fachbetriebe machten mit ihren 39.750 Mitarbeitern 2012 einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro (gegenüber Vorjahr plus 8 Prozent). Wie in der Landtechnik-Industrie waren die Umsätze im ersten Halbjahr 2013 weiter gestiegen (+ 4 Prozent). Für das gesamte Jahr 2013 rechnen Landtechnik-Handwerk und -Handel mit einem Umsatzzuwachs von durchschnittlich 2 Prozent. 
 
Lohnunternehmen und Maschinenringe senken die Technikkosten
  Lohnunternehmen sind landtechnische Dienstleister der Landwirte. 3.350 Lohnunternehmer im Haupterwerb mit 17.500 fest angestellten Mitarbeitern und gut 14.000 saisonalen Aushilfen erzielten 2012 einen Umsatz von etwa 3,2 Milliarden Euro, davon 2,1 Milliarden Euro im Einsatz für Land- und Forstwirte. Die Umsätze wachsen bei Aufgaben im Umfeld der Landwirtschaft, zum Beispiel im Bereich Biogasanlagen, bei der Gülleausbringung, in der Komplettbewirtschaftung, aber auch in der Bodenbearbeitung oder Düngung mit Spezialtechnik.
 
Die von Landwirten gegründeten 258 Maschinenringe mit 192.500 landwirtschaftlichen Mitgliedsbetrieben erwirtschafteten 2012 mit ihren rund 2.800 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von gut 1,0 Milliarden Euro. Mit dem Ziel, vorhandene Maschinen in den Betrieben besser auszulasten und zusätzliche Erwerbsquellen zu erschließen, haben sich die Maschinenringe in vielen Regionen zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Landwirtschaft und ländliche Räume sind untrennbar miteinander verbunden
Etwa 90 Prozent der Fläche Deutschlands zählen zu den ländlichen Räumen. Mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands lebt in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land. Ländliche Räume in Deutschland erfüllen viele verschiedene Funktionen. Sie sind Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Sie umfassen land- und forstwirtschaftliche Nutzräume ebenso wie Natur- und Erholungsräume. 
 
Bevölkerungsgewinne und -verluste
Viele Gebiete stehen angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung vor allem junger Menschen vor der Aufgabe, eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und eine ausreichende Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Auch für die landwirtschaftlichen Betriebe wird es vor allem in Regionen mit rückläufigem Arbeitskräftepotential schwieriger, Berufsnachwuchs zu finden.

Feld und Wald sind auch wertvoll für Freizeit und Tourismus
Auf der Skala der Erholungsaktivitäten rangieren die landschaftsbezogenen Freizeitaktivitäten vorn, wie Spazierengehen, Spielen im Freien, Wandern und Radfahren. Die Land- und Forstwirtschaft erhält und pflegt 29,6 Millionen Hektar Feld und Wald. Das sind 82 Prozent der Fläche Deutschlands, die durch Jahrhunderte währende Arbeit von Land- und Forstwirten als Kulturlandschaft geprägt wurden. 
 
Urlaub auf dem Bauernhof erfreut sich großer Beliebtheit
  Tourismus-Forscher stellen seit Längerem eine Rückbesinnung der Deutschen auf die Schönheit, Vielfalt und Preiswürdigkeit ihres Heimatlandes fest. Deutschland ist mit einem Marktanteil von etwa einem Drittel das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Dabei schätzen die Gäste besonders die Nähe zur Natur und die Schönheit der Kulturlandschaft. Das unmittelbare Naturerleben erhöht gerade bei Kindern und Jugendlichen das Verständnis für Umweltbelange und die Wertschätzung gesunder Lebensmittel. Urlaub auf dem Bauernhof und Urlaub auf dem Land stellen für viele landwirtschaftliche Betriebe eine wichtige zusätzliche Einkommensquelle dar. 
 
25.000 landwirtschaftliche Betriebe mit Urlaub auf dem Bauernhof
Der Marktanteil von Bauernhofurlauben an allen Urlaubsreisen in Deutschland liegt bei 5 Prozent (Urlaubsreisen) bzw. 4 Prozent (Kurzurlaubsreisen). Nach zuletzt für den Zeitraum Mitte 2010 bis Mitte 2011 vorliegenden Angaben haben 4,5 Millionen Bundesbürger (6,4 Prozent der Bevölkerung Deutschlands über 14 Jahre) 7,2 Millionen Bauernhofurlaube unternommen, davon 5,1 Millionen im Inland. Rund 25.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland bieten Urlaub auf dem Bauernhof an, davon knapp die Hälfte in Bayern. Sie erzielen mit dem Angebot von Übernachtung und Verpflegung einen Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro.

Landwirtschaft genießt hohes Ansehen
Nach einer im Januar 2013 durchgeführten repräsentativen Infratest-dimap-Umfrage sehen 91 Prozent der Bevölkerung die Stärken der deutschen Landwirtschaft in der Erzeugung qualitativ hochwertiger Lebensmittel. 82 Prozent sehen die deutsche Landwirtschaft als „Bestandteil von Heimat und Brauchtum“, nach Meinung von 78 Prozent leistet sie „einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege“. 68 Prozent der Bundesbürger sehen die „Arbeitsplätze auf dem Land“ als wichtigen Faktor. Für 57 Prozent ist auch die Sicherung der Ernährung außerhalb Deutschlands ein wichtiger Aspekt. 
 
Wachsendes Interesse an landwirtschaftlichen Themen
  Laut Emnid-Umfrage aus 2012 ist der Anteil derjenigen Bürger, die großes Interesse an der Landwirtschaft bekunden, in den letzten fünf Jahren von 33 auf 46 Prozent angewachsen. Acht von zehn Deutschen (79 Prozent) würden zudem eine größere Berichterstattung über die Arbeiten von Landwirten begrüßen. Der Fokus der Verbraucher richtet sich dabei überwiegend auf Fragen der Lebensmittelsicherheit und Produktqualität sowie den Umgang mit Tieren. 
 
Hohe Verbraucheransprüche an die Landwirte
Die Erzeugung preiswerter Lebensmittel und die Orientierung der Landwirtschaft am technischen Fortschritt werden in den Augen der Bürger mehr als erreicht. Dennoch können die Landwirte im Soll-Ist-Vergleich den hohen Ansprüchen der deutschen Verbraucher nur bedingt gerecht werden. Insbesondere bei der Tierhaltung, dem verantwortungsvollen Umgang mit Boden, Wasser und Luft sowie der Qualität von Nahrungsmitteln klaffen die Erwartungen und die gefühlten Realitäten der Bundesbürger auseinander. Die Ergebnisse heben hervor, dass in den Augen vieler Verbraucher ethische und ökologische Erwägungen in der deutschen Landwirtschaft zu kurz kommen.

Hohe Ansprüche, niedrige Zahlungsbereitschaft
Die hohen Erwartungshaltungen der Verbraucher gehen aber nicht mit einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft einher. Zu diesem Ergebnis gelangt die Allensbach-Studie aus 2012 über das Ernährungsverhalten der deutschen Gesellschaft. Demnach empfinden etwa zwei Drittel aller Bundesbürger den Verzicht auf Gentechnik oder eine artgerechte Tierhaltung als besonders wichtig. Gleichzeitig würden aber weniger als ein Drittel mehr Geld dafür ausgeben. 
 
Bewusstsein für Probleme der Landwirte
Die Hofnachfolge, der internationale Wettbewerb sowie die unsichere Einkommens- und Preissituation werden von knapp 80 Prozent der Bürger als starke bis sehr starke Herausforderungen angesehen. Geringe Ausgleichszahlungen durch den Staat werden noch bei knapp über der Hälfte der Befragten als Problem wahrgenommen.