© koch/rohr
2 Ressourcenschutz in Land- und Forstwirtschaft

2.4 Moderne Tierhaltung: Beispiel Milchviehhaltung

Ökonomie, Ökologie und Tiergerechtheit
Triebfedern für innovative Weiterentwicklungen sind in der Regel Leistungssteigerungen und/oder Kosteneinsparungen. Mit der Umsetzung von Innovationen sind grundsätzlich auch qualitative Verbesserungen, z. B. mehr Tierwohl, bessere Fleischqualität oder Minderung von negativen Umweltwirkungen verbunden. Auch wenn nicht jede Innovation zu jedem Betrieb passt, ist es für den einzelnen Landwirt wichtig, die Trends zu erkennen und sinnvoll zu nutzen. Die nachstehend aufgezeigten Entwicklungen von Innovationen am Beispiel der Milchviehhaltung basieren auf Ausarbeitungen des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL).
 
Züchterische Erfolge sind nicht alles
In den letzten vierzig Jahren hat sich die biologische Leistung der landwirtschaftlichen Nutztiere erheblich gesteigert. In der Milchviehhaltung hat sich die Leistung der Kühe im bundesweiten Durchschnitt etwa verdoppelt. Basis dafür sind die züchterischen Erfolge. Die Züchtung allein ist aber kein Garant für diese Entwicklung, vielmehr sind es veränderte Haltungsverfahren, die das biologische Potenzial besser für Leistungszuwächse nutzen und dabei das Tierwohl fest im Blick haben.
 
Haltungsverfahren ändern sich
Wichtige Meilensteine der letzten vierzig Jahre in der Milchviehhaltung waren die Einführung von Flüssigmistverfahren und Rohrmelkanlagen und der Bau von Laufställen, die den Anbindeställen im Hinblick auf Tierkomfort und Wirtschaftlichkeit in vielfacher Sicht überlegen sind. Aktuell sind Melkkarusselle und vor allem automatische Melksysteme (AMS) typisch. Die Tiere bestimmen hier ihren Tagesrhythmus selbst. Für die Zukunft ist die Automatisierung weiterer Vorgänge wie z. B. der Fütterung und der Reinigung zu erwarten. Für die Kühe ist das kein Nachteil. Verhaltensforschern zufolge wollen Kühe die Berechenbarkeit von Dingen, die um sie herum passieren.
 
Neuinvestitionen fördern auch das Tierwohl
Auf die Erzeugung von 1.000 Kilogramm Milch kamen 1990 noch Investitionskosten pro Jahr von 118 Euro. Schätzungen gehen davon aus, dass es im Jahre 2020 nur etwa die Hälfte davon sein wird. Dieser Effekt ist auch wesentlich auf eine Vergrößerung der Bestände zurückzuführen. Die Tierhaltung wurde mit komfortablen Liegeboxen, breiten Lauf- und Fressgängen, offenen Ställen mit guter Luftführung und viel Licht deutlich verbessert. Hinzu kommen Spezialbereiche für abkalbende und frisch in die Laktation startende Kühe. Ein zusätzliches Wohl der Tiere hängt also ganz wesentlich von der Investitionsbereitschaft der Landwirte ab.
 
Umsetzung von Neuentwicklungen dauert
Von der Idee bis zur Etablierung einer Innovation vergehen häufig Jahrzehnte. Dies gilt insbesondere für die Tierhaltung, in der Investitionen langfristig getätigt werden. Auf wechselnde Anforderungen und Akzeptanzen hinsichtlich Umwelt- und Tierschutz können Tierhalter häufig nur mittelfristig reagieren. Die wesentlichen Innovationsschübe erfolgen bei Bestandsaufstockungen oder im Rahmen des Generationswechsels der Familienbetriebe.
 
Nachrüstung und Umbau
Ein Grund, weshalb sich automatische Melksysteme seit der Markteinführung 1992 trotzdem zügig etabliert haben, liegt in der Flexibilität der Systeme; sie bieten sich auch für Umbaulösungen an. 
 
Kostensenkung auch als Grundlage für Betriebswachstum
Die frei werdenden Arbeitskapazitäten werden auch in Wachstum investiert. Konnte sich ein Landwirt 1970 um bis zu 600 Mastschweine kümmern, sind es heute gut dreimal und in zehn Jahren vermutlich viermal so viele. In der Milchviehhaltung werden es fünfmal so viele Kühe wie 1970 sein. Fortschritt und Innovation stehen nicht zuletzt deshalb mit Strukturwandel in engem Zusammenhang. Gleichzeitig bieten die größeren Ställe noch mehr Tierkomfort.
 
Auch soziale Aspekte beeinflussen Innovationen
Automatische Melksysteme kommen den Bedürfnissen der Landwirte nach mehr Lebensqualität besonders entgegen. Das zwei- oder dreimalige Melken zu festen Zeiten an sieben Tagen in der Woche, oftmals mit zwei Personen, entfällt. 
 
 
Effizienzsteigerung ist auch Klimaschutz
Höhere Milchleistungen führen zu einem positiven Effekt für Klima und Umwelt. Eine Milchkuh produziert täglich ca. 200 bis 400 Gramm Methan. Mit steigender Leistung sinkt die Methanbildung pro Kilogramm erzeugter Milch. Beispiel: Bei einer Tagesleistung von 10 Liter Milch je Kuh beträgt die Methanemission bis zu 40 Gramm je Liter; bei einer Milchleistung von 30 Liter je Tag werden nur 15 Gramm Methan je Liter Milch freigesetzt. Auch angepasster Stallbau mit weiterer Verbesserung der Tierleistungen, N-angepasste Fütterung, hohe Nährstoffausnutzung sowie Wärmeverwertung unterstützen den Klimaschutz.
 
Innovationen brauchen Akzeptanz
Eine aktuelle Emnid-Studie belegt die hohen Erwartungen der Bürger an die Landwirtschaft. Die Orientierung am technischen Fortschritt wird nur von einer Minderheit erwartet. 50 Prozent der Befragten haben großes Interesse an der Landwirtschaft im Allgemeinen, aber nur 10 Prozent an der Technik in der Landwirtschaft. Hingegen ist 90 Prozent der Befragten der Umgang mit den Tieren und die Transparenz bei der Lebensmittelproduktion wichtig. Technische Innovationen müssen damit gesellschaftlich akzeptiert und letztendlich politisch unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund sollten sich Innovationen in der Tierhaltung künftig noch mehr am wachsenden Wohlbefinden der Tiere messen lassen.  
 
Verstärkte Anstrengungen in der Wissenschaft
Die Evaluierung, Entwicklung und Einführung von Indikatoren zur Tiergerechtheit stehen im aktuellen Fokus der Wissenschaft. Zum Forschungsbedarf für die Nutztierhaltung hat die Deutsche Agrarforschungsallianz (dafa) 2012 eine breit angelegte Strategie erarbeitet.
 
Neuentwicklungen in der Milchviehhaltung
Auf der EuroTier 2012 sind von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft e.V. (DLG) Neuheiten ausgezeichnet worden, die zeigen, dass Informationstechnologien für den Fortschritt in der Tierhaltung nicht mehr wegzudenken sind. Ein angenehmer Arbeitsplatz für Mensch und Tier ist Trend im Stallbau.
 
IT auch im Stall
Milchviehbetriebe mit automatischen Melksystemen zeigen das Potenzial der Informationstechnologie (IT): Schon heute lassen sich über die Eigenschaft und Zusammensetzung der Milch tagesaktuelle Daten zur Produkt- und Prozessqualität und zur Tiergesundheit gewinnen. Über Sensoren am und im Tier sowie im gesamten Stall wird das Tierverhalten erfasst, so dass Schlüsse auf das Wohlbefinden jedes einzelnen Tieres und des Bestandes gezogen werden können. Der Landwirt erhält Auffälligkeiten auf dem Smartphone angezeigt.
 
Sensoren schärfen das Auge des Tierhalters
Neue Sensorgenerationen ermöglichen die automatische Datenerhebung in allen Stallbereichen. Ob Pansenaktivität, Blutanteil in der Milch, Fettansatz, Lautäußerungen, Anwesenheit von Keimen, Aufenthaltsort und Beschäftigung – technisch sind der Erhebung von Daten kaum Grenzen gesetzt. Was sich dem Mensch früher verschloss oder von ihm im direkten Kontakt mit dem Tier subjektiv wahrgenommen wurde, lässt sich heute automatisch objektiv erfassen und dokumentieren. Heute besteht die Herausforderung in der Auswertung der Daten.