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5 Fakten zur wirtschaftlichen Lage der Landwirtschaft

5.1 Konjunkturentwicklung

Konjunkturelle Erholung setzt sich fort
Die konjunkturelle Erholung in Deutschland und im Euro-Raum hat sich 2015 fortgesetzt. Gedämpft wird die wirtschaftliche Entwicklung durch ein gebremstes Wachstum in den Schwellenländern, insbesondere in China und den rohstoffexportierenden Ländern Südamerikas. Für das Jahr 2015 erwartet der Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem Herbstgutachten vom November 2015 eine Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent, für das Jahr 2016 von 1,6 Prozent. Wesentlicher Antriebsfaktor ist die Binnennachfrage. Der deutsche Staat wird 2016 im dritten Jahr einen Haushaltsüberschuss erreichen.

Wirtschaft des Euro-Raums mit leichtem Wachstum
Die Weltwirtschaft expandierte im Verlauf des Jahres 2015 nur moderat. Dies geht vor allem auf ein schwächeres Wachstum in den Schwellenländern zurück. Im Vergleich hierzu stellt sich die Wirtschaftsentwicklung in den Industrieländern günstiger dar. In den Vereinigten Staaten setzte sich der konjunkturelle Aufschwung fort. Im Euro-Raum verbessert sich die wirtschaftliche Lage ähnlich wie in Deutschland. Der Sachverständigenrat erwartet für den Euro-Raum Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent im Jahr 2015 und 1,5 Prozent in 2016.

Ähnliche Konjunkturverläufe in Landwirtschaft und Gesamtwirtschaft
In den vergangenen Jahren zeigte sich ein weitgehender Gleichlauf der Trends in der Landwirtschaft und der Gesamtwirtschaft. Dies zeigt ein Vergleich des Konjunkturbarometer Agrar mit dem ifo Geschäftsklimaindex. Häufig ist die Konjunktureinschätzung der Landwirte zeitlich etwas nachlaufend zur Gesamtwirtschaft. 2015 aber hat sich die Stimmung der Landwirte im Vergleich zur Gesamtwirtschaft deutlich ungünstiger entwickelt.

Verhaltene Investitionsbereitschaft
Die seit einigen Jahren zu beobachtende Verlangsamung des Produktivitätswachstums in Deutschland und anderen Industriestaaten hängt vor allem mit einem Rückgang der Investitionsquoten zusammen. Der Sachverständigenrat empfiehlt daher, die Rahmenbedingungen für private Investitionen und Innovationen zu verbessern und sieht erhebliche Spielräume für effizienzsteigernde wirtschaftspolitische Weichenstellungen vor allem in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Wettbewerb, Außenhandel, Energie und Steuern. In diesem Zusammenhang kommt auch der erfolgreichen Umsetzung des digitalen Wandels eine große Bedeutung zu.
In der Landwirtschaft haben ungünstige Preis- und Marktentwicklungen auf den meisten Märkten in 2015 zu einer starken Investitionszurückhaltung geführt. Das zeigen die Ergebnisse des Konjunkturbarometer Agrar.

Angespannte Liquiditätslage der Landwirte
18 Prozent der Landwirte gaben nach Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar im September 2015 an, dass die Liquiditätslage ihrer Betriebe angespannt oder sehr angespannt ist. Im Juni waren es noch entsprechend 13 Prozent. Jeder vierte Futterbaubetrieb klagt über eine angespannte oder sehr angespannte Liquiditätssituation. Mit entsprechend 19 Prozent ist der Anteil aber auch in den Veredlungsbetrieben relativ hoch. Damit nähert sich die Situation für einige Betriebe dem Krisenjahr 2009.

Stark rückläufige Investitionen in der Landwirtschaft
Die angespannte Liquiditätslage in vielen Betrieben führt zu einem drastischen Rückgang der Investitionsbereitschaft. Nach den Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar vom September 2015 fällt das für das kommende halbe Jahr geplante Investitionsvolumen mit 3,9 Milliarden Euro auf einen neuen Tiefpunkt. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum sind das 1,6 Milliarden Euro, gegenüber dem Stand von vor zwei Jahren sogar 2,0 Milliarden Euro weniger. Die Investi-
tionen in Wirtschaftsgebäude sind im Jahresvergleich um die Hälfte auf 1,5 Milliarden Euro eingebrochen. Nur 28 Prozent der Landwirte wollen in den kommenden sechs Monaten investieren; ein Jahr zuvor waren es noch 34 Prozent, vor zwei Jahren 39 Prozent. Die Investitionszurückhaltung betrifft alle Betriebs-
zweige.

Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft leicht gesunken
Nach Schätzung des Sachverständigenrates nimmt die Zahl der Erwerbstätigen in der Gesamtwirtschaft in den Jahren 2015 und 2016 um jeweils mehr als 300.000 Personen zu. Demgegenüber verringert sich die Zahl der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft in 2015 gegenüber Vorjahr, und zwar von 651.000 in 2014 auf schätzungsweise 633.000 in 2015.  Über die letzten 10 Jahre hat sich die Zahl der landwirtschaftlichen Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft relativ stabil gehalten.

Niedrigere Agrarpreise schlagen kaum auf die Nahrungsmittelpreise durch
Die Inflationsrate in Deutschland, gemessen am Verbraucherpreis-
index, wird nach voraussichtlich 0,3 Prozent im Jahr 2015 auf über ein Prozent im Jahr 2016 ansteigen. Trotz erheblich niedrigerer landwirtschaftlicher Erzeugerpreise steigen auch die Preise für Nahrungsmittel leicht an.

Stimmungslage der deutschen Landwirte weiter deutlich verschlechtert
Die Ergebnisse des Konjunkturbarometer Agrar für den Monat September 2015 zeigen eine weiter deutlich verschlechterte wirtschaftliche Stimmungslage in der deutschen Landwirtschaft. Im September 2015 ist der Konjunkturindex gegenüber der vorangegangenen Erhebung (Juni 2015) von 20,2 auf 14,7 Punkte stark zurückgegangen. Von Ende 2010 bis Mitte 2014 lag dieser Wert stets bei über 30 Punkten, in der Spitze sogar bei 37 Punkten. Die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Situation hat sich im September gegenüber Juni erheblich verschlechtert, besonders in den Futterbau-, aber auch in den Veredlungsbetrieben. Die Preissituation auf Märkten für Milch, Rinder und Schweine hinterlässt hier deutliche Spuren. Relativ niedrige Getreidepreise drücken allerdings auch die Stimmungslage der Ackerbaubetriebe. Einen starken belastenden Einfluss schreiben die Landwirte unverändert hohen Pachtpreisen zu.

Positivere Zukunftserwartungen
Die Zukunftserwartungen haben sich entgegen der Einschätzung der aktuellen Lage gegenüber Juni 2015 etwas verbessert. Bei den Futterbaubetrieben ist ein gewisser Zweckoptimismus unverkennbar („es kann nicht schlechter werden“). Die Zukunftserwartungen der anderen Betriebsformen bleiben im Herbst 2015 gegenüber dem Sommer 2015 nahezu unverändert. Mit dem Wert von 3,06 wird die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung im Durchschnitt der Betriebe positiver beurteilt als die aktuelle Lage (3,25 auf der Notenskala von 1 bis 5).

Entscheidend sind die Entwicklungen auf den Märkten
Die Einschätzungen der landwirtschaftlichen Erzeuger hängen in hohem Maße von der Preisentwicklung auf den Agrar- und Betriebsmittelmärkten, aber auch von den politischen Rahmenbedingungen und den Wettbewerbsverhältnissen ab. Im Jahresvergleich haben vor allem die Milch-, aber auch die Schweine-
und Ferkelpreise die Stimmung der Landwirte eingetrübt, ebenso höhere Futter- und Düngemittelpreise. Die Beurteilung der Ernte fällt deutlich schlechter aus als vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt. Entlastungen sehen die Landwirte dagegen vor allem bei den Energiekosten. Unverändert ungünstig werden hohe Pachtpreise und die politischen Rahmenbedingungen bewertet. Offensichtlich tragen die anstehende Novellierung der Dünge-Verordnung sowie die kritische öffentliche Diskussion über eine moderne Landwirtschaft derzeit zusätzlich zur Verunsicherung der Landwirte und ihrer starken Investitionszurückhaltung bei.