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7 Internationale Agrarentwicklung

7.4 Auswirkungen eines „Brexit“

Britische Regierung noch ohne klare Aussage zum wirtschaftspolitischen Ziel der Austrittsverhandlungen
Die nach dem Referendum vom 23. Juni 2016 neu gebildete Regierung des Vereinigten Königreiches hat erklärt, bis Ende März 2017 bei der Europäischen Union einen Austrittsantrag zu stellen. Unklar ist dabei zunächst, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union künftig gestaltet werden sollen. Politische Beobachter erwarten, dass der britische Wunsch nach Begrenzung des freien Personenverkehrs zur Hürde für den Verbleib im EU-Binnenmarkt wird. Im Bereich der Gemeinsamen Agrarpolitik hat die britische Regierung angekündigt, die derzeitige EU-Förderpolitik bis 2020 fortsetzen zu wollen.
 
Austrittsverhandlungen werden zwei Jahre oder länger dauern
Die Austrittsverhandlungen der Briten mit dem Ministerrat der Europäischen Union dauern nach dem EU-Vertrag zwei Jahre. Diese Frist kann auch einstimmig verlängert werden. Ab dem Austritt gilt das EU-Recht für das Vereinigte Königreich nicht mehr, außer es wird eine teilweise Fortgeltung ausdrücklich vereinbart
 
Vereinigtes Königreich ist großer Nettoimporteur von Nahrungsmitteln
Das Vereinigte Königreich importiert Agrar- und Ernährungsgüter im Wert von ca. 50 Milliarden Euro jährlich, dem stehen britische Agrarexporte von ca. 25 Milliarden Euro jährlich gegenüber. Die wichtigsten Netto-Importgüter des Vereinigten Königreiches im Handel mit den EU-Mitgliedstaaten sind Fleisch (2,5 Mrd. Euro Nettoimporte), Gemüse (2,4 Mrd. Euro), Milchprodukte (2,0 Mrd. Euro) und Fleischprodukte (1,8 Mrd. Euro). Etwa 10 Prozent der britischen Agrarimporte stammen aus Deutschland.
 
Vereinigtes Königreich ist für Deutschland das wichtigste Netto-Agrarexportland
Die Exporte der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft in das Vereinigte Königreich belaufen sich zuletzt auf ca. 4,8 Milliarden Euro (2015), das entspricht einem Anteil an den gesamten Exporten von knapp 6 Prozent. Der Agrarhandel vom Vereinigten Königreich nach Deutschland beträgt ca. 1,4 Milliarden Euro. Damit ist das Vereinigte Königreich für Deutschland das Land mit dem größten Nettoagrarexport-Saldo von 3,4 Milliarden Euro.
 
Fleischwaren, Backwaren und Milchprodukte wichtige Exportgüter
Von Bedeutung ist der Agrarexport Deutschlands in das Vereinigte Königreich vor allem bei Fleischwaren (777 Mio. Euro in 2015), Backwaren (580 Mio. Euro), Milchprodukten (508 Mio. Euro) und Obst und Gemüse (358 Mio. Euro). Umgekehrt ist das Vereinigte Königreich vor allem bei Spirituosen ein bedeutender Lieferant nach Deutschland (317 Mio. Euro).
 
Unsicherheit über neue Hürden im Agrarhandel
Marktexperten befürchten nach einem „Brexit“ eine Beeinträchtigung des Agrarhandels. Vor allem neue britische Anforderungen an Nachweise über die Einhaltung veterinärer und phytosanitärer Standards könnten den Handel behindern. Die Brexit-Verhandlungen können für Unternehmen im Export also neue Unsicherheit schaffen.

Auswirkungen auf den EU-Haushalt
Das Vereinigte Königreich ist trotz des „Briten-Rabatt“ ein beträchtlicher Nettozahler in den EU-Haushalt: Die Einzahlungen übersteigen die Rückzahlungen im Durchschnitt der Jahre 2013 bis 2015 um ca. 7,7 Milliarden Euro. Bei einer proportionalen Kürzung der Haushaltskapitel würde das EU-Agrarbudget in der übrigen EU-27 um über 3 Milliarden Euro gekürzt werden müssen.
 
Abwertung des Pfund verteuert die britischen Importe
Seit dem Referendum im Juni 2016 ist eine deutliche Abwertung des Pfund gegenüber dem Euro eingetreten. Damit wurde die britische Kaufkraft für Importe aus Deutschland und anderen Ländern geschmälert und britische Exporte gestärkt; in der Tendenz ist mit höheren Erzeuger- und Verbraucherpreisen für Lebensmittel im Vereinigten Königreich zu rechnen.
Auswirkungen auf die britische Landwirtschaft
Für die britischen Landwirte stellt sich die Frage, wie sich ihre Wettbewerbsfähigkeit nach dem Austritt aus der EU entwickelt und welche nationale Agrarförderpolitik betrieben wird. Werden die Direktzahlungen noch fortgeführt? Gerade extensive Wirtschaftssysteme in Berggebieten und benachteiligen Gebieten (Rinder-, Schafbeweidung) könnten mit einer starken Verringerung oder sogar Abschaffung der Direktzahlungen in existentielle Probleme geraten. Marktexperten sehen aber auch viele Entwicklungshindernisse in denjenigen Bereichen, in denen die britische Landwirtschaft prinzipiell wettbewerbsfähig ist, z.B. Milchvieh- und Schweinehaltung. Zu diesen Hindernissen zählen die Genehmigung von Stallbauten und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Damit ist auch nach einem „Brexit“ wohl nicht mit einer wesentlichen Ausweitung der britischen Agrarerzeugung zu rechnen.