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Ausbildung und Studium

Werner Schwarz: „Da geht noch eine Menge“

Ein Interview von Ralph Judisch (rechts) im Bauernblatt Schleswig-Holstein

Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften in der Agrarbranche wächst. Doch sie hat ein Imageproblem. Wie ist die Situation, was tut der Berufsstand, und welche Erwartungen stellen sich an Bewerber, Ausbilder – und Politiker. Darüber sprach das Bauernblatt  mit Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und Vorsitzender des DBV-Fachausschusses für Berufsbildung und Bildungspolitik.
 
Harte, körperliche Arbeit bei Wind und Wetter, vergleichsweise schlecht bezahlt, wohnen fernab von Kultur- und Freizeittempeln – warum sollte ein junger Mensch unter solchen Vorzeichen einen der 14 Grünen Berufe erlernen?
 
Werner Schwarz: Ich sehe diese 14 Berufe differenziert, nicht jeder hat die gleiche Intensität. Aber es ist fast immer Arbeiten in der Natur, im Grünen und das Sehen von Wachstum – es ist eine Form von Erdung. Das halte ich für ganz wichtig. Sicherlich hat man in vielen Dienstleistungsberufen, auch in der Industrie eine erfüllende Aufgabe, aber man verlässt die Arbeitsstätte und ist raus aus dem Geschehen. Der tägliche Umgang mit  Tieren, das Arbeiten mit Hightech und das Erzeugen von Mitteln zum Leben, das sind die drei Punkte, die beim heutigen Beruf Landwirt durchaus eine hohe Attraktivität für die Berufswahl haben.
Das alles kann in der Tat sehr erfüllend sein. Aber die Ansprüche der jungen Generation richten sich auch stark auf Freizeitangebote. Diskotheken, Kinos oder Fitnessstudio  sind oft weit weg vom Hof.

Mobilität ist für die meisten Jugendlichen kein Problem mehr. Klar gibt es auch in Schleswig-Holstein und anderswo in Deutschland entlegene Ecken mit Grünen Berufen. Aber wer abends noch was unternehmen will, hat immer die Möglichkeit dazu, im Zweifel auch mithilfe des öffentlichen Personennahverkehrs.
 
Dennoch sind die Ergebnisse der aktuellen McDonalds-Ausbildungsstudie 2013 für den Berufsstand alarmierend: Das Interesse unter Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren an Grünen Berufen tendiert gegen null. Was läuft schief?
 
Herr Judisch, interpretieren Sie die Ergebnisse der Studie bitte nicht zu düster. 10 % Prozent sind nicht null! Wenngleich die Landwirtschaft mehr Interesse unter den Männern als unter den Frauen findet. Insgesamt sind die Grünen Berufe nicht die Spitzenreiter, das ist völlig klar. Bei den Männern ist der Informatiker der Beruf mit der höchsten Präferenz, bei den Frauen liegt er ganz weit unten. Wir sollten hier geschlechtsspezifisch unterscheiden. Das heißt aber nicht, dass wir nicht durchaus daran arbeiten müssen, das Bild der Grünen Berufe wieder nach vorne zu bringen.
 
Damit sind wir beim Imageproblem.
 
Leider ja – und bei der Frage „Wie stehen die Grünen Berufe, besonders der landwirtschaftliche Beruf in der Öffentlichkeit da und welche Akzeptanz haben sie?“ Wir bekommen  sehr häufig  Anwürfe von Nichtregierungsorganisationen die sagen, dass die Landwirte Luft, Boden und Wasser belasten, dass wir mit Tieren nicht tiergerecht umgehen und so weiter. Solche Vorurteile – auch unter Gleichaltrigen   – dämpfen natürlich die Begeisterung, einen Grünen Beruf zu erlernen. Insofern ist das in der Tat eine Frage des Images, das gebe ich gerne zu.
 
Nicht von ungefähr hat der Deutsche Bauernverband im vergangenen Sommer seine  Ausbildungskampagne aufgefrischt. Sie trägt jetzt den Titel „Meine grüne Zukunft“. Was wird geboten, und wie sind Resonanz und Ergebnis bisher?
 
Im Rahmen des Relaunchs wurden die Informationsangebote mit neuen, modernen Anhängen unterlegt, sprich stärker bebildert und mit Videoclips sowie Broschüren zu einzelnen Berufen ergänzt. Es wird einfach, aber deutlich verständlich dargestellt, wie vielfältig die Grüne Branche für Arbeitnehmer ist. Allerdings sind wir als Deutscher Bauernverband damit aus Gründen knapper Ressourcen erst am Anfang. Das Ergebnis zu messen, ist schwierig. Immerhin bieten wir die Möglichkeit, sich zu informieren und Anschauungsmaterial zu bekommen. Insgesamt würde ich mir eine noch bessere Resonanz wünschen.  Da geht noch eine ganze Menge – auf beiden Seiten.
 
Die Grünen Berufe sind attraktiv, sagen Sie. Trotzdem gibt es dieses Akzeptanzproblem. Liegt es vielleicht auch daran, dass die Grünen Berufe unter Lehrern und Schülern insbesondere in den Städten viel zu wenig bekannt sind?
 
Das ist ganz bestimmt ein Grund. Ein Beispiel: Beim Tag der Ausbildung auf der Internationalen Grünen Woche im vergangenen Jahr waren Lehrer von Berliner Schulen eingeladen. Die haben keinen Schimmer von der Agrarbranche und darüber, was es neben dem Unternehmer Landwirt noch in der ganzen beruflichen Breite alles gibt.
 
Also müssten die Lehrpläne vorsehen, dass Schulklassen, eben aus den Städten,  mal zum Landwirt oder zum Lohnunternehmer fahren, damit die Lehrer und Schüler hautnah sehen können, was da in der Praxis wirklich läuft?
 
Die Aktion Schulklassen auf dem Bauernhof gibt es ja schon länger. Wir müssen uns jedoch fragen, ob wir bei der Zielgruppe immer richtig sind. In die entscheidende Sekundarstufe II, wo die Berufswahl entwickelt wird, hineinzukommen, erweist sich als schwierig. Wir führen auf Landesebene Gespräche, dass unsere Berufsgruppe in den Lehrplänen berücksichtigt wird. Lehrpläne sind Landeshoheit. Auf Bundesebene ermutigen wir natürlich die Vertreter der Landesverbände, ihre Kultusministerien ebenfalls für die Unterstützung der Nachwuchsgewinnung in den Grünen Berufen zu begeistern.
 
Im Bundesgebiet sind im aktuellen Ausbildungsjahr 2013/2014 noch etwa 3.000 Grüne Ausbildungsplätze unbesetzt. Wie groß sind in den nächsten Jahren der Arbeitskräftebedarf und die Qualifikationserfordernisse in der Grünen Branche?
 
Der Bedarf nimmt ganz klar zu, besonders in der Tierhaltung. Das ergibt sich aus einem Strukturwandel, bei dem die Höfe wachsen. Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, dass die Betriebe viel häufiger Arbeitskräfte brauchen als heute, nicht zuletzt, um die Belastung des Einzelnen nicht noch weiter überzustrapazieren. Bei den landwirtschaftlichen Einzelunternehmern ohne Mitarbeiter stellen wir als Verband fest, dass die psycho-emotionalen Erschöpfungszustände leider zunehmen. Also: Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften steigt, was allerdings auch heißt, dass die Betriebsleiter ein gewisses Umdenken entwickeln müssen.
 
Aber 3.000 Ausbildungsplätze unbesetzt! Ist das nicht alarmierend?
 
Das glaube ich nicht. Wenn es wirklich eine Not gäbe, würden sich die Berufskollegen rühren. Das sind vielmehr rein statistische Angaben, die auf der Zahl jener Betriebsleiter basieren, die irgendwann einmal eine Ausbildereignungsprüfung gemacht haben und die nun nicht melden, ob sie noch ausbilden oder nicht. Neu aber ist, dass wir bei der Ausbildung in einem Bewerbermarkt sind. Soll heißen: Der Bewerber  sucht sich den seiner Meinung nach besten Ausbildungsbetrieb aus. Das war vor acht oder zehn Jahren noch umgekehrt. Heute muss der Ausbilder um die Auszubildenden werben. Das heißt, im Zweifelsfalle muss der Einzelbetrieb sich bewerben oder der Berufsstand muss Werbung für die Branche machen, damit möglichst viele junge Menschen auch von außen reinkommen, die Interesse an den Grünen Berufen haben.
 
Von den Betriebsleitern hört man immer wieder, dass es gerade in der Tierhaltung sehr schwer ist, qualifiziertes Personal zu finden…

…Ganz genau. Deshalb ist es definitiv notwendig, stärker und vielleicht auch noch besser in Richtung Spezialisten auszubilden. Aber auch der Allrounder wird in der Zukunft weiterhin gebraucht. Wir sollten uns intensiver mit dualen Ausbildungssystemen befassen, in denen Landwirte ihre Mitarbeiter, wenn sie denn eingestellt sind, weiter auf einem zweiten Weg fortbilden, wie es beispielsweise die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) anbietet.
 
Schon an die Auszubildenden sind die Anforderungen hoch, wenn man nur an den heute üblichen Umgang mit modernster Technik auf dem Feld und im Stall denkt. Hat man als Bewerber mit Hauptschulabschluss überhaupt Chancen auf einen Ausbildungsplatz?
 
Ich würde das ungern an der Vorbildung festmachen. Viele junge Männer haben Spaß an der Technik, sie machen Learning by Doing und sind nachher hochqualifizierte Schlepperfahrer. Aus meiner eigenen Erfahrung als Ausbildungsbetrieb kann ich berichten: Die persönliche Kompetenz ist mir fast wichtiger, als das gestochene Realschulzeugnis. Sehr zu empfehlen sind im Übrigen möglichst viele Praktika, um sich in Betrieben vorzustellen, sich Wissen um den Ausbildungsplatz anzueignen. Diese Möglichkeiten bieten immer mehr Höfe. Die Landwirte sagen, „komm drei Tage auf den Betrieb“. Dann kann ich als Ausbilder meist schon beurteilen, wie es mit demjenigen läuft.
 
Es gibt Stimmen, die sagen, unser Schulsystem fördert zwar das theoretische Lernen, aber nicht das praktische Arbeiten. Kritik gibt es auch am sogenannten agrarischen Bildungssystem. Was sagen Sie?
 
Das System ist ja nicht starr, es entwickelt sich ständig weiter. Allerdings wäre zu überlegen, in der Ausbildung zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer noch stärker zu variieren. Bauernsöhne, die einen Betrieb übernehmen, sollten dabei von den Ausbildungsinhalten her ein wenig anders behandelt werden, als jene, die später zweiter Mann im Betrieb sind. Es gilt, den Ansprüchen gerechter zu werden.
 
Das müssen Sie genauer erklären.
 
Wichtig ist, dass zunächst die Erstausbildung breit bleibt, nicht zuletzt, damit auch die Auszubildenden, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, erst einmal einen Überblick bekommen. Sodann muss es ab einem gewissen Stadium die Möglichkeit geben, sich zu spezialisieren oder aber unmittelbar in die Praxis zu gehen. Ich denke, wir sind diesbezüglich auf einem guten Weg. Aber vor dem Hintergrund, dass zunehmend Arbeitnehmer in Landwirtschaft und Gartenbau gefragt sind, sollte hierbei durchaus noch mehr Engagement stattfinden.
 
Betriebe wachsen und spezialisieren sich, müssen Fremdarbeitskräfte einstellen, die immer seltener ihre Wurzeln auf Höfen haben. Vor welche Herausforderungen stellt das die ausbildenden Betriebsleiter?

Hier trifft wieder zu, was ich schon am Anfang im Zusammenhang mit Erdung gesagt habe. Wenn jemand geerdet ist und weiß, dass er mit lebenden Tieren, mit wachsenden Pflanzen arbeitet und gern damit umgehen mag, dann kann  ich ihm als Ausbilder  das nötige Fachwissen und die erforderlichen Fertigkeiten auch beibringen. Wichtig zu vermitteln ist außerdem, dass wir als Landwirte eine Fürsorgepflicht haben – sowohl für die Pflanze als auch für das Tier –, und nicht um halb Fünf den Hammer fallen lassen können, wenn eine Kuh kalbt. Wer es schafft, die Verbundenheit mit dieser Arbeit, die wir als Bauernsöhne mit der Muttermilch kriegen, dem Auszubildenden in einem oder zwei Jahren zu vermitteln, ist genau auf dem richtigen Weg. Das ist die Voraussetzung, den Beruf als Berufung zu sehen.
 
Notwendig ist eine kluge Bewerberauswahl. Worauf kommt es an?
 
Das Wichtigste ist das Bewerbungsgespräch. Dabei kann man fachliche und persönliche Qualifikationen erkennen. Zudem sollte ein Betriebsrundgang stattfinden. Und gerade um die ‚Kinderstube’ zu erkennen, lade ich die Bewerber auf unserem Hof zum Mittagessen mit meiner Familie und unseren Angestellten ein. Bei Tisch sieht man viel. Und wie schon gesagt: Bei mir steht die persönliche Qualifikation über der Note im Abschlusszeugnis.
 
Ein schwieriges Feld sind Beschäftigungskonditionen und Entlohnung. Ausbildungsbetrieben und künftigen Arbeitgebern der Grünen Branche fällt es aus wirtschaftlichen Gründen häufig schwer, hier im Vergleich zur übrigen Wirtschaft, beispielsweise der Landtechnikindustrie, mitzuhalten. Sehen Sie eine Lösung?
 
Das Risiko, mit dem ich als Arbeitgeber lebe ist, dass ich meinen Arbeitnehmern, meiner Unterstützung im Betrieb nicht das bieten kann, was gefragt ist. Wenn ich ganz krass bin, dann sage ich, wir müssen mehr Geld auf den Tisch legen! Dann bekommen wir jeden Mitarbeiter. Es gibt keine generelle Lösung. Die Produktivität der Arbeitsleistung auf landwirtschaftlichen Betrieben ist sehr schwankend, muss sich aber widerspiegeln in der Aufgabe und in der Bezahlung des Arbeitnehmers. Wir haben in der Landwirtschaft häufig Arbeiten, die gemacht werden müssen, aber nicht produktiv sind,  die keinen finanziellen Ertrag bringen. Insofern spielt hier ein Stück weit die Passion mit rein, und zwar wenn jemand sagt, ich verzichte auf die letzten 50 Cent bei meinem Stundenlohn. Wir können aber auf Dauer nicht Landwirtschaft unter ausbeutungsähnlichen Bedingungen betreiben. Deshalb geht es in erster Linie darum,  politische Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen es dem Landwirt ermöglicht wird, ein Familieneinkommen zu erwirtschaften, das es ermöglicht, die notwendigen Fremdarbeitskräfte angemessen zu entlohnen.
 
Die Große Koalition setzt einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich Bildung. Wie lauten diesbezüglich Ihre Wünsche und Forderungen an Schwarz-Rot?
 
Das Thema Bildung ist nach wie vor aktuell, und es steht ja auch so im Koalitionsvertrag drin. Allein mir fehlt im Moment der Glaube an die Umsetzung. Das Geld ist knapp. Trotzdem wünsche ich mir, dass wieder stärker daran gearbeitet wird, Institutionen, die sich mit Ausbildung oder Fortbildung – wie die Andreas-Hermes-Akademie –  in den Grünen Berufen befassen, eine entsprechende öffentliche Förderung erfahren. Mir ist völlig klar, dass dies nicht die große Gießkanne sein kann. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten, zielgenau zu fördern. Auf meine Wunschliste an die Politik gehört auch, dass die Stellen in Ministerien und anderen Einrichtungen, die für Ausbildung, sprich Zukunft zuständig sind, nicht noch weiter zusammengestrichen werden.