dbk-Monatsmagazin

dbk 03/10

Thema des Monats:
Märkte und Markmechanismen
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Herausforderung Markt
Risikomanagement und Sicherheitsnetze
WTO - wie geht es weiter?
Die neue EU-Kommission
 
 
Agrarforschung wieder deutlich ausbauen

„Enorme Produktivitätssteigerungen in der Weltlandwirtschaft haben dazu geführt, dass Nahrungsgüter für immer mehr Menschen zu immer geringeren Preisen bereitgestellt werden konnten.“ Während sinkende Preise den Einkommenseffekt der Produktivität und Produktionssteigerung für den Landwirt jedoch erodiert hätten, sei der Nutznießer dieser Entwicklung hauptsächlich der Verbraucher gewesen. Das betonte Professor Dr. sc. agr. Dr. h. c. Harald von Witzke, Fachgebietsleiter für internationalen Handel und Wirtschaftsentwicklung an der Humboldt-Universität zu Berlin im Aktuellen Interview „Ende der landwirtschaftlichen Tretmühle“ in der Märzausgabe der Deutschen Bauern Korrespondenz (dbk).

Die Jahrtausendwende markiere nun aber eine Megatrendwende auf den Weltmärkten. So steige seither die weltweite Nachfrage nach Agrargütern tendenziell stärker als das Angebot gesteigert werden könne, sagte Professor von Witzke, der in den kommenden Jahrzehnten mit höheren Weltmarktpreisen für Agrarprodukte rechnet - allerdings mit starken Schwankungen um den langfristigen Trend.   Deutliche Kritik übte Professor von Witzke im Gespräch mit der dbk am Rückgang der Agrarforschung, die sich mit Produktivitätszuwachs befasse. Diese sei weltweit stark eingeschränkt worden: „Von 1960 bis 1990 lag der weltweite Produktionszuwachs bei etwa 4 Prozent pro Jahr. Heute liegen wir bei knapp 1 Prozent mit weiter sinkender Tendenz.“ Dies ist nach Aussage des Wissenschaftlers von Witzke ein entscheidender Grund dafür, dass der größte Teil der hungernden und mangelernährten Menschen auf der Welt Kleinbauern sind. Von Witzke wörtlich: „Sie verfügen über nicht genügend Produktionskapazität, um sich selbst zu ernähren, geschweige denn einen Überschuss für den Markt zu erzeugen.“ Die Gründe, dass die Entwicklungsländer ihr Produktionspotenzial nicht ausnutzen, sind nach Ansicht von Witzkes politisch und technisch zugleich: „Neben fehlendem Zugang der Kleinbauern zu modernen Produktionsmitteln und der nur rudimentären Agrarforschung, was es den Bauern wiederum schwer macht, sich neuen Bedingungen anzupassen, findet eine allgemeine Vernachlässigung der Agrarwirtschaft in diesen Ländern statt.“ Zu vergessen sei auch nicht die so genannte „ Bad Governance“, die dafür verantwortlich sei, dass in vielen Teilen der Welt Kleinbauern kein Grundbuch und damit auch keine Eigentumsrechte an Grund und Boden haben. Da sie von jedem vertrieben werden können, investieren sie nach Ansicht von Witzkes weniger in die Landwirtschaft als dies andernfalls der Fall wäre.  
 
Zudem befänden sich die ärmsten der armen Länder gerade in agroklimatischen Zonen, die am deutlichsten negativ vom Klimawandel betroffen sein würden. Die Importlücke der armen Länder, die sich voraussichtlich von 2000 bis 2030 verfünffachen werde, könne nur dann geschlossen werden, wenn auch in Europa mehr produziert und mehr exportiert werde. Laut von Witzke lebe Deutschland verschiedenen Klimamodellen zufolge in einer privilegierten Situation. Im Gegensatz zu den ärmsten Ländern der Welt „haben wir das Potenzial zu mehr Produktion, allerdings haben auch wir politische Beschränkungen, die die Agrarforschung, zum Beispiel im Bereich gentechnischer Verfahren, stark behindern“, so Professor von Witzke im dbk-Gespräch.
 
Eine klare Absage erteilte der Wissenschaftler der Notwendigkeit, Börsenspekulationen auf den Agrarmärkten international zu regulieren. Zwar hätten die institutionellen Anleger die Agrarmärkte vor zwei Jahren entdeckt, für die hohen Preise von 2007/2008 seien die Spekulanten aber nicht verantwortlich. Vielmehr seien die Spekulanten wichtig für die Preisfindung und das Funktionieren von Märkten und die Preisblase 2007/2008 sei die Folge eines jahrelangen Produktionsdefizits gewesen. Als eigentliche Ursache stellte von Witzke heraus, dass die Politik selber in China, Indien, Argentinien und in vielen anderen Ländern dazu beigetragen habe, dass die Preise in der Spitze besonders hoch waren. So hätten die Politiker in dem Versuch, die Nahrungsgüterpreise für ihre heimische Bevölkerung niedrig zu halten, diese hohen Preise im Inland nicht wirksam werden lassen. Damit habe den Bauern der Anreiz gefehlt, mehr zu produzieren. 
 
Das vollständige Interview erhalten Sie hier als Dokument zum Download.
 
Ausgewählte Artikel zum Download:
Von weiteren ausgewählten Artikeln der dbk-März-Ausgabe erhalten Sie hier eine Leseprobe:
 
Der Markt - die Herausforderung für die Bauern!
Die Marktliberalen des 19. Jahrhunderts (nicht die heutigen) haben das schöne Bild der unsichtbaren Hand geprägt, die es auf offenen Märkten fast auf magische Weise schafft, Angebot und Nachfrage immer wieder geräuschlos auszugleichen. Sie waren überzeugt davon, dass alle Marktbeteiligten letztendlich davon profitierten und Märkte deshalb ohne staatlichen Einfluss am besten funktionierten. Adam Smith wörtlich: „Das allgemeine, gesellschaftliche Glück wird maximiert, indem jedes Individuum versucht, sein persönliches Glück zu erhöhen.“ Wie selbstverständlich ging er damals aber davon aus, dass alle Menschen nach weitgehend identischen Wertvorstellungen (einschließlich sozialer Verantwortung) handelten.
 
 
Markt und Marktinformation
Nach dem Boom der Vorjahre hat sich an den Agrarmärkten Ernüchterung breit gemacht. Auf den fast dreijährigen Anstieg der Agrarpreise folgte ein Absturz, der deutlich gemacht hat, dass sich Märkte mitsamt den Preisen nicht kontinuierlich nach oben entwickeln können. Das Jahr 2009 bedeutete eine nachhaltige Rückkehr zu den fundamentalen Faktoren Angebot und Nachfrage, nachdem sie zu Zeiten des Booms nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen schienen, schreibt Manfred Rinderer, Geschäftsführer der AMI Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH. 
 
 
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