dbk-Monatsmagazin

dbk 12/11

Thema des Monats: 
Agrikultur - die Provinz lebt!
weitere Themen:
GAP-Reform und Agrikultur
Der Verbraucher sucht nach Heimat
Mehr Flächenschutz!
Wirtschaftliche Lage deutlich verbessert
 
„Heimat ist das neue Bio“
Deutsche Bauern Korrespondenz: Interview zur Romantisierung der Landwirtschaft
 
„Wir befinden uns im dritten Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise. Psychologisch betrachtet, handelt es sich um eine Glaubens- und Vertrauenskrise. Die Menschen haben das Gefühl, dass unsere Maximierungskultur abgewirtschaftet hat. Zwar funktioniert oberflächlich noch alles, der Arbeitsplatz ist noch vorhanden, der Geldautomat wirft noch Geld aus. Gleichzeitig schwelt aber das Gefühl, dass uns der Absturz droht.“ Das sagte Stephan Grünewald, Psychologe und Mitbegründer des Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen in Köln im aktuellen Interview der Dezemberausgabe der Deutschen Bauern Korrespondenz (dbk). Dieses offenbar erschütterte Vertrauen in das Wirtschaftssystem und zum Teil auch in die politischen Akteure, analysierte Grünewald weiter, würde von den Menschen mit einer Rückkehr in die regionale Überschaubarkeit kompensiert. „Heimat“ sei dabei „das neue Bio“, weil Heimat für einen überschaubaren Kosmos stehe. Mit Heimat verbinde man auch fürsorgliche Qualitäten und die Suche nach Regeln oder neuer Moral. So  achteten die Verbraucher beim Einkauf verstärkt auf regionale Produkte und ob die Hersteller Nachhaltigkeitsregeln befolgt hätten, so Grünewald. Auch seien die Menschen durchaus bereit, für solche Produkte, die mit dieser „heimatlichen Fürsorglichkeit“ verbunden würden, einen höheren Preis zu bezahlen.
 
Die Landwirte als Produzenten der Nahrungsmittel müssten sich aber bewusst machen, dass die Verbraucher in sich widersprüchlich seien: „Einerseits feilscht der Verbraucher im Discounter um jeden Cent und kauft die Wurst zu Dumpingpreisen, will aber gleichzeitig das Gefühl haben, dass das gekaufte Fleisch von einem einzelnen Tier ist, das auf der Weide stand.“ Dabei konstruiere er ein romantisches Bild von Landwirtschaft, wie es auf einigen Wurstverpackungen zu finden sei, wo der Bauernhof in hügeliger Landschaft liege und sich Rind und Schwein in friedlicher Eintracht auf den Weiden tummeln. Der Verbraucher sehe die Bauern dabei in der Fürsorgepflicht für alles was wächst und gedeiht, während der Konsument selber die Hoffnung hege, dass diese friedvolle Harmonie über den Verzehr der Produkte in das eigene Leben einkehre. Andererseits bekämpfe der Verbraucher alles, was die Romantisierung und sein konstruiertes Idyll störe.
 
Entscheidend sei deshalb, so Grünewald im Gespräch mit der dbk, dass der Verbraucher bei allen Formen der Tierhaltung einen Ausgleich zwischen Effizienz und verträglichen Lebensbedingungen für die Tiere empfinde. Ebenso wichtig sei, dass die Realität kein ungutes Gefühl beim Verbraucher verursache. Voraussetzung dafür ist nach Ansicht Grünewalds „eine gewisse Ästhetik“, die aber nicht erst per Bildbearbeitung entstehe dürfe, sondern bereits in der realen Tierhaltungswelt vorhanden sein müsse. Denn, so Grünewald, es könnten nur die Tiere „schön“ dargestellt werden, denen es auch gut gehe. Letztendlich müssten sich die Landwirte an den Haltungsbedingungen in ihren Ställen messen lassen.
 
 
 
 
Ausgewählte Artikel zum Download:
Von ausgewählten Artikeln der dbk-Dezember-Ausgabe erhalten Sie hier eine Leseprobe:
 
 
GAP-Reform und Agrikultur
In Brüssel und Straßburg, in der EU-Kommission, dem Agrarministerrat und dem Europaparlament, im Bundestag und Bundesrat in Berlin, allerorten hat eine breit angelegte parlamentarische
und öffentliche Debatte über die Vorstellungen von Agrarkommissar Ciolo¸s
zur Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2013 eingesetzt. Nach der zweiten
vertieften Diskussionsrunde im EU-Agrarrat sah man einen verdutzten und sichtlich
„angefressenen“ Agrarkommissar sogar bemüht, mit Hilfe seiner Kochkünste umfänglichen
Erklärungsbedarf zu befriedigen. Den vielen, zumeist kritischen Nachfragen zu seinen
Greening-Vorschlägen aus allen EU-Mitgliedsländern begegnete er mit dem Hinweis,
seine Ideen seien wie der Aufbau einer Lasagne zu begreifen, die ja auch aus vielen Schichten
bestehe und doch am Ende jedem ein geschmackliches Ganzes liefern solle.
 
Kulturlandschaft – die Provinz lebt!
Aus dem Blickwinkel der Stadt gehört die Kultur im ländlichen Raum zu den „blinden Flecken“
in der Kulturlandschaft. Oft wird Kultur auf dem Land, in der Provinz, mit provinziell
gleichgesetzt und mehr oder weniger belächelt. Vermeintlich findet „echte“ Kultur auf
dem Lande nicht statt. Bezeichnend dafür ist, dass es vor wenigen Jahren in der Enquetekommission
des Deutschen Bundestages zur „Kultur in Deutschland“ anfänglich eine heftige
Diskussion darüber gegeben hat, ob man sich auch dem ländlichen kulturellen Erbe
und den kulturellen Aktivitäten auf dem Lande widmen solle. Die Vorsitzende dieser Kommission,
die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, setzte sich durch und daher wurde
in dem umfassenden Bericht auch der „Kultur in ländlichen Regionen“ ein eigenes Kapitel
zugewiesen.
 
 
Der Verbraucher sucht nach Heimat
Eine Vielfalt hochwertiger Lebensmittel füllt an 365 Tagen im Jahr unsere Teller. An ebenso
vielen Tagen produzieren die Landwirte dafür hochwertige Rohstoffe. Dennoch anerkennen
viele Verbraucher die Leistungen der Landwirtschaft nicht in dem Ausmaß, wie sich
die Bauernfamilien dies wünschen. Stattdessen romantisieren viele die Landwirtschaft
und haben immer größere Erwartungen an Produkte und Produktionsweisen. Weshalb
das so ist, hat Stephan Grünewald, Psychologe und Mitbegründer von rheingold, Institut
für qualitative Markt- und Medienanalysen, Köln, im Gespräch mit der Deutschen Bauern
Korrespondenz erläutert.
 
 
 
 
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