Pressemeldungen  | 19.08.2016

„Getreide- und Rapsernte enttäuscht auf ganzer Linie“

Bauernpräsident Rukwied zieht vorläufige Bilanz der Ernte 2016

Die Getreide- und Rapsernte fällt für die deutschen Bauern in diesem Jahr enttäuschend aus und bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Auch wenn die Getreideernte aufgrund der wiederholten Regenschauer noch nicht abgeschlossen werden konnte, zeichnet sich für Deutschland eine Erntemenge von 43,5 Millionen Tonnen ab. Damit wird das Vorjahresergebnis um 5,3 Millionen Tonnen bzw. 11 Prozent verfehlt. Auch die Rapsernte fällt mit 4,5 Millionen Tonnen deutlich niedriger als im vergangenen Jahr aus. Dies geht aus dem dritten und letzten Erntebericht des Deutschen Bauernverbandes (DBV) hervor, der auf den Meldungen der Landesbauernverbände über die bisher geernteten Flächen und Mengen beruht.

 

„Die Getreide- und Rapserträge bleiben deutschlandweit deutlich hinter den Ernteergebnissen des letzten Jahres. Ertragseinbußen in diesem Ausmaß haben wir vor der Ernte nicht erwartet,“ kommentierte DBV-Präsident Joachim Rukwied das enttäuschende Ergebnis der diesjährigen Ernte. „Ein kühles und nasses Frühjahr verheißt in der Regel gute Erträge. In diesem Jahr standen die Feldbestände in weiten Teilen Westdeutschlands regelrecht in übersättigten und damit kalten Böden. Zudem fehlte durch die ständigen Niederschläge und die Unwetterereignisse die für die Ertragsbildung wichtige Sonneneinstrahlung,“ erläuterte Bauernpräsident Rukwied. Im Nordosten hätten dagegen die Folgen von Auswinterungsschäden und eine sich anschließende Trockenheit für massive Ertragsminderungen von bis zu 30 Prozent bei den wichtigen Winterkulturen Weizen, Gerste und Raps geführt.

 

In den vielfach staunassen und somit sauerstoffarmen Böden hat sich das Wurzelsystem der Kulturpflanzen vielfach nicht voll entwickeln können, was die Nährstoffaufnahme der Pflanzen negativ beeinträchtigt. Daher sind Betriebe auf Hochertragsstandorten, die in Jahren mit durchschnittlichen Niederschlagsmengen ihren Vorteil des besseren Wasserhaltevermögens der Böden in hohe Erträge umwandeln, von besonders deutlichen Ertragsrückgängen betroffen. Auch verhinderten die Niederschläge eine optimale Bestandsführung. So war entweder die Befahrbarkeit der Flächen nicht gegeben oder die andauernden Niederschläge verhinderten die termingerechte Durchführung von Pflanzenschutzmaßnahmen. Der infolge dessen aufgetretene erhöhte Krankheits- und Schädlingsdruck verursachte ebenfalls Ertragseinbußen. Die bis zuletzt immer wiederkehrenden Niederschläge bereiten den Bauern auch in der bisher nicht abgeschlossenen Getreideernte erhebliche Probleme. Zwiewuchs beim Getreide, durchwachsendes Unkraut und ins Lager gegangene Getreidebestände erschweren aktuell den Fortgang der Erntearbeiten. In den wenigen regenfreien Stunden trocknen die Bestände nicht ausreichend ab und müssen mit zu hohen Feuchtigkeitsgehalten gedroschen werden. Abgeknickte Ähren können nicht mehr geerntet werden und führen zu weiteren Ertragsverlusten.

 

Nach Einschätzung des DBV wurden die einzelnen Kulturen in folgenden Mengen geerntet:

 

Winterweizen ist mit einer Anbaufläche von 3,14 Millionen Hektar die in Deutschland am häufigsten angebaute Getreideart. Die widrigen Erntebedingungen haben dazu geführt, dass verbreitet erst drei Viertel der Fläche geerntet werden konnten. In Schleswig-Holstein, den Küstenregionen Niedersachsens und in Sachsen steht noch deutlich mehr Winterweizen auf dem Halm. Die bisherigen Druschergebnisse sind sehr unterschiedlich und streuen breit, in manchen Regionen liegen sie 20 bis 25 Prozent unterhalb des Vorjahresertrages. Der Durchschnittsertrag dürfte 7,3 Tonnen pro Hektar erreichen. Damit liegen die Winterweizenerträge nicht nur 11 Prozent unterhalb des Vorjahresergebnisses, sondern fallen auch gegenüber dem bundesweiten Fünfjahresdurchschnitt in Höhe von 7,9 Tonnen pro Hektar ab. Hinzu kommt der Rückgang der Anbaufläche um zwei Prozent. Insgesamt verringert sich die Erntemenge gegenüber dem Vorjahresergebnis um knapp 3,3 Millionen Tonnen auf rund 22,9 Millionen Tonnen. Die Qualität des Winterweizens fällt sehr unterschiedlich aus. Von Bedeutung für die Verwendung des Weizens als Brotweizen sind die Rohproteingehalte und die sogenannten Fallzahlen zur Bestimmung der Backqualität. Vor allem die Fallzahlen nehmen aufgrund der ungünstigen Witterungsbedingungen und der folglich verzögerten Ernte immer weiter ab. Landwirte sind daher in Sorge, ihren noch zu erntenden Weizen nur als günstigeren Futterweizen vermarkten zu können. Um weitere Qualitätseinbußen zu vermeiden, nehmen Landwirte mittlerweile in Kauf, den Winterweizen mit Feuchtigkeitsgehalten von mehr als 18 Prozent zu ernten. Eine Einlagerung ist jedoch nur bei einer Feuchtigkeit von 14,5 Prozent möglich, sodass die geernteten Mengen zunächst getrocknet werden müssen. Dies verursacht bei den ohnehin nicht wirtschaftlichen Preisen von 140 Euro pro Tonne bis 155 Euro pro Tonne Weizen zusätzliche Kosten.

 

Die Getreideernte beginnt naturgemäß mit der Ernte der Wintergerste, die bereits abgeschlossen werden konnte. Auf einer gegenüber dem Vorjahr knapp zwei Prozent größeren Anbaufläche von 1,28 Millionen Hektar ist eine Gesamtmenge von 8,7 Millionen Tonnen Wintergerste herangewachsen. Die Erntemenge des Jahres 2015 in Höhe von 9,6 Millionen Tonnen wird somit um fast 900.000 Tonnen verfehlt. Wie auch beim Winterweizen ist dies auf die massiven Ertragseinbußen um regional mehr als ein Drittel gegenüber der letztjährigen Ernte zurückzuführen. Im Bundesdurchschnitt liegt der Wintergerstenertrag bei 6,8 Tonnen pro Hektar (minus 11 Prozent gegenüber Vorjahr), was in etwa dem Durchschnittsertrag der Jahre 2011 bis 2015 entspricht. 

 

Bei der Sommergerste, die vor allem als Braugerste Verwendung findet, ist der Anbau zur Ernte 2016 um knapp acht Prozent (minus 27.800 Hektar) auf 341.000 Hektar eingeschränkt worden. Mit Erträgen von 5,3 Tonnen pro Hektar (minus 3 Prozent gegenüber 2015) werden in diesem Jahr leicht unterdurchschnittliche Erträge erzielt. Bedingt durch die deutliche Einschränkung der Anbaufläche fällt die Erntemenge auf rund 1,8 Millionen Tonnen Sommergerste zurück. Gegenüber der bundesweiten Durchschnittsernte der Jahre 2011 bis 2015 in Höhe von fast 2,3 Millionen Tonnen entspricht dies einem Rückgang von über 20 Prozent.

 

Auch Roggen verfehlt mit einer Erntemenge von rund 3,1 Millionen Tonnen das Vorjahresergebnis von 3,5 Millionen Tonnen (minus 12 Prozent). Zurückzuführen ist dies gleichermaßen auf die Verringerung der Anbaufläche und auf die schlechteren Erträge. So wurde die Anbaufläche um fast 41.000 Hektar auf gut 575.000 Hektar verringert. Im Bundesdurchschnitt verfehlen die Erträge mit 5,3 Tonnen pro Hektar das letztjährige Ergebnis um sechs Prozent. Je nach Region bewegen sich die Mindererträge auch beim Roggen in Größenordnungen von 15 Prozent bis 20 Prozent.

 

Winterraps ist die in Deutschland am häufigsten angebaute Ölpflanze. Die Anbaufläche zur Ernte 2016 beträgt 1,33 Millionen Hektar. Im Vergleich zur letztjährigen Ernte wurde der Anbau von Winterraps somit wieder um 50.000 Hektar ausgedehnt. Auswinterungsschäden im wichtigsten Rapsanbaugebiet Mecklenburg-Vorpommern und die sich anschließende Trockenheit in den nord- bzw. nordöstlichen Landesteilen führten dort zu Ertragseinbrüchen von bis zu 40 Prozent. Im Bundesdurchschnitt werden Rapserträge von lediglich 3,4 Tonnen pro Hektar erreicht, was gegenüber der vergangenen Ernte einem Ertragsrückgang von 14 Prozent gleichkommt. Ursächlich hierfür sind der hohe Krankheits- und Schädlingsdruck während der Vegetationsperiode bei gleichzeitig ungünstigen Witterungsbedingungen zum Zeitpunkt der erforderlichen Pflanzenschutzmaßnahmen bzw. das Fehlen geeigneter Pflanzenschutzmittel wie die neonicotinoide Saatgutbeizung. Vor diesem Hintergrund beträgt die diesjährige Rapsernte nur 4,5 Millionen Tonnen. In Relation zum letzten Jahr entspricht dies einem Rückgang um 11 Prozent, der Mittelwert der Jahre 2011 bis 2015 wird sogar um 13 Prozent verfehlt.

 

Mais und Zuckerrüben

Mais und Zuckerrüben befinden sich derzeit noch in der Wachstums- und Ertragsbildungsphase. Da beide Kulturen erst in den Herbstmonaten geerntet werden, könnten sich bei wärmeren Temperaturen und entsprechender Sonneneinstrahlung die Erträge, d.h. der Kornertrag des Körnermaises und der Zuckergehalt der Zuckerrüben noch positiv verändern. Sofern die Maisbestände nicht unter zu hohen Niederschlagsmengen leiden, haben die Bestände in ihrer Entwicklung nach dem relativ kühlen Frühjahr zuletzt deutlich aufgeholt. Allerdings fehlen den wärmeliebenden Maispflanzen vor allem höhere Temperaturen und die zur Kolbenausbildung notwendige Sonneneinstrahlung. Auch die Zuckerrüben lassen derzeit nur eine durchschnittliche Ernte erwarten. Regional leiden die Bestände unter der übermäßigen Wasserversorgung, weswegen Fäulen auftreten. Ein „Goldener Oktober“ könnte sich bei den spät zu rodenden Beständen jedoch noch positiv auf den Zuckergehalt auswirken.

 

Wirtschaftliche Situation der Ackerbaubetriebe spitzt sich zu

Die Erzeugerpreise für Getreide sind seit geraumer Zeit nicht wirtschaftlich. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erträge deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben und die Ernte durch den schleppenden Fortgang der Druscharbeiten und die notwendige Trocknung des Getreides arbeits- und kostenintensiv ist.

Die desaströse Weizenernte in Frankreich könnte den deutschen Landwirten für gute Weizenqualitäten zwar Exportchancen in Richtung Nordafrika – den klassischen Exportdestinationen Frankreichs – eröffnen. Das durch die massiven Ertragseinbußen in Frankreich und in Deutschland verringerte europäische Weizenangebot kann auf den internationalisierten Getreidemärkten jedoch kaum Preissteigerungen bewirken. Da Getreide und Ölsaaten intensiv gehandelt werden, lässt sich ein hierzulande verringertes Angebot leicht durch die Rekordernten in den USA und in der Schwarzmeerregion ausgleichen. Hinzu kommt, dass sich die weltweiten Märkte nach mehreren aufeinanderfolgenden hohen Weizen- und Maisernten durch hohe Lagerbestände auszeichnen, die nach den jüngsten Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums zum Ende des Wirtschaftsjahres 2016/17 auf 253 Millionen Tonnen Weizen (plus 11 Millionen Tonnen) und 221 Millionen Tonnen Mais (plus 11,5 Millionen Tonnen) steigen könnten.