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Milch und Rind

„Milcherzeuger fordern und fördern!“

Beitrag dbk 03/2013 - Thema des Monats

Autor: Udo Folgart
 
„Milcherzeuger fordern und fördern!“, so treffend hat es mein Kollege Heinz Korte, Milcherzeuger und Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen, auf unserem DBV-Fachforum Milch anlässlich der Internationalen Grünen Woche formuliert. Fordern heißt: Wir Milcherzeuger stehen vor großen Herausforderungen im Markt und in der Gesellschaft. Fördern heißt: Wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die auf die Entwicklung unserer Milcherzeugung fördernd und nachhaltig positiv wirken. Mit den notwendigen politischen Rahmenbedingungen für die Milchviehhaltung haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. Unsere Forderungen an die Politik sind in den Milchpolitischen Forderungskatalog des Deutschen Bauernverbandes geflossen, der auf unserem Fachforum Milch im Januar eingehend diskutiert und bestätigt wurde.

Das Wahljahr 2013 stellt uns vor wichtige Weichenstellungen in der Politik. Um unsere Forderungen an den Mann und an die Frau zu bringen ist es wichtig, dass wir uns deutlich positionieren.
 
 
Marktorientierung ist alternativlos

In unserem Milchpolitischen Forderungskatalog haben wir ein klares JA zur Marktorientierung und ein klares NEIN zu jedweden staatlichen oder allgemeinverbindlichen Systemen der Mengensteuerung formuliert. Die Mengenabstimmung bzw. -prognose gehört in die Hände der Marktakteure, also der Milcherzeuger und Molkereien. Wir wollen keine Einschränkung der unternehmerischen Handlungsfreiheit unserer Milcherzeuger. Staatssekretär Peter Bleser hat auf unserem Fachforum diese Position noch einmal bestätigt: Es gibt keine Alternative zur begonnen Marktorientierung. Der 2003 von EU-Kommissar Franz Fischler vorgezeichnete Weg muss weitergegangen werden.

Auch wenn manche Berufskollegen lieber die Augen vor den Realitäten verschließen möchten, der Markt ist bei uns Milchviehhaltern und unseren Molkereien längst angekommen. Das spüren wir bereits deutlich an den Preisschwankungen in den letzten Jahren – sowohl auf der Absatz- als auch auf der Einkaufsseite. Wer in Zukunft Milch erzeugen will, muss sich diesem Umstand stellen und überlegen, wie er seinen Betrieb wetterfest macht. Dazu gehört auch der Blick auf die Absatzseite. Da gibt es auf der einen Seite die Möglichkeit, seine Milch als Genosse abzuliefern und sich als Miteigentümer der Molkerei in die Gestaltung der Milchliefersatzungen einzubringen. Auf der anderen Seite kann der Milcherzeuger als freier Lieferant seine Verträge mit den privaten oder genossenschaftlichen Molkereien direkt aushandeln bzw. sein Milchangebot über Erzeugergemeinschaften bündeln. Das Milchpaket auf europäischer und das Agrarmarktstrukturgesetz auf nationaler Ebene bieten ausreichend Spielräume zur Milcherzeugerbündelung und Stärkung der Verhandlungsposition von Milcherzeugern. Diese Möglichkeiten gilt es zu nutzen!
 
 
Flankenschutz bleibt weiterhin unverzichtbar

Der Deutsche Bauernverband hat sich bereits in der Vergangenheit immer wieder für einen politischen Flankenschutz im Zuge der Marktorientierung eingesetzt. Das wird er auch weiter tun. Zurzeit werden in Brüssel die Maßnahmen, die sich im Rahmen der Einheitlichen Gemeinsamen Marktordnung wiederfinden, kontrovers diskutiert. Wir fordern unverändert ein unteres Sicherheitsnetz aus öffentlicher Intervention und Privater Lagerhaltung. Da Krisen sich nicht an Zeiträume und Produkte halten, sprechen wir uns für eine zeitlich offene Intervention und eine Erweiterung der Privaten Lagerhaltung auf Magermilchpulver aus. Gerade vor dem Hintergrund der erfreulich zunehmenden Exportorientierung unserer Molkereien gewinnen auch staatlich abgesicherte Export- bzw. Hermesbürgschaften an Bedeutung. Wichtig ist auch, dass der Staat als Türöffner bei der Erschließung neuer Absatzmärkte fungiert: Bei Verhandlungen über neue Freihandelsabkommen muss das Thema Milch als Exportschlager auf der Agenda der staatlichen Verhandlungsführer weit oben rangieren.
 
 
Auch Warenterminbörsen zur Risikoabsicherung

Das sind Handlungsoptionen auf dem Markt. Aber auch auf einzelbetrieblicher Ebene brauchen wir Möglichkeiten, Risiken besser abzudecken. So kann ein Mix aus steuerneutraler Risikoausgleichsrücklage sowie Terminabsicherung und Vorverträgen für den Milchverkauf für unsere Milcherzeuger hilfreich sein, Krisen besser zu bewältigen. Vor allem die zwei letztgenannten Punkte müssen noch eingehender mit den Molkereien diskutiert werden. Wir brauchen eine liquide Warenterminbörse für wichtige Milchprodukte. Es ist durchaus vorstellbar, dass Molkereien unseren Milcherzeugern zusätzlich zum klassischen Preismodell auch börslich abgesicherte Preise anbieten - zumindest für Teilmengen. Im Ergebnis kann das eine Anpassung der Auszahlungspreissysteme bedeuten. Daraus resultieren mehr Planungssicherheit und mehr Risikostreuung. Dazu kommt der Wunsch vieler Milcherzeuger, Lieferlaufzeiten zu flexibilisieren, um besser auf Veränderungen am Markt reagieren zu können.
 
 
Anreize für Stallneu ist gelebter Tierschutz

Für die Bewältigung von Anforderungen im Bereich der Tierhaltung und des Umweltschutzes ist die strukturelle Förderung unserer Milchviehbetriebe wesentlich. Wir sind uns darin einig, dass eine starke Basisförderung für betriebliche Investitionen unbedingt notwendig ist. Wir brauchen Bedingungen, die positive Anreize für Stallneu- bzw. –umbau setzen. Dazu zählt neben der Investitionsförderung auch der Erhalt des privilegierten Bauens im Außenbereich. Das ist gelebter Tierschutz. Deutschland ist ein Land mit den weltweit höchsten Standards zur Erzeugung sicherer und qualitativ hochwertiger Milchprodukte. Kaum ein Land hat eine ausdifferenziertere Produktpalette als Deutschland. Ich erwähne hier nur die regionalen und ökologisch erzeugten Produkte. Da ist für jeden Verbraucher etwas dabei. Das wird in der Diskussion um politische Profilierung – gerade im Wahljahr 2013 – allzu oft vergessen.
 
Beim Thema Greening fordern wir von der Politik, dass nicht neue Flächenstilllegungsprogramme entwickelt werden. Wir Bauern brauchen jeden Hektar zur Produktion. Die momentan diskutierten Anforderungen im Greening würden auch die Milchviehhaltung in Grünlandstandorten deutlich schwächen. Daher müssen Grünlandbewirtschaftung und freiwillige Agrarumweltmaßnahmen als äquivalent zum Greening anerkannt werden.
 
 
Gesellschaftspolitische Tierschutzforderungen müssen stimmig sein
 
Praxisbezogen und vor allem wissenschaftlich fundiert müssen auch die Forderungen im Tierschutz bzw. beim Thema Tierwohl sein. Von einer "Kuschellandwirtschaft" ist noch keiner satt geworden. Die Sorge unserer Milcherzeuger um das Tierwohl bei ihren Kühen versteht sich von selbst. „Kuhkomfort“ ist hier das Stichwort, das wir Bauern verinnerlicht haben und uns nicht neu beigebracht werden muss. Nur gesunde Tiere schöpfen ihr Leistungspotenzial aus, erleichtern unsere Arbeit und helfen am Ende des Tages, den Betrieb wirtschaftlich zu entwickeln. Dabei kommt es weniger auf die Herdengröße als viel mehr auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Einzeltieres an. So ist es uns Milchviehhaltern z. B. äußerst wichtig, dass der Fördergrundsatz „Maßnahmen zur Verbesserung der genetischen Qualität landwirtschaftlicher Nutztiere“ in der GAK - Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ - erhalten bleibt. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich auch die finanzielle Basis für unser monatliches Milchviehmonitoring. In diesem werden so wichtige Daten wie Fett-, Eiweiß- und Harnstoffwerte jeder einzelnen Kuh erfasst. Unsere Milchviehhalter nutzen diese Daten zur Gesundheitskontrolle ihrer Kühe und Feinjustierung einer wiederkäuergerechten Fütterung. Damit ist das Milchviehmonitoring ein wichtiger Baustein zur Sicherstellung und Entwicklung von Tiergesundheit und -robustheit. Fest steht: Wir Milchviehhalter sind Tierkenner und -könner und müssen das auch so in die Gesellschaft transportieren.
 
Auch im Umweltbereich stehen wir vor verschiedenen Baustellen. Gerade auf den Grünlandstandorten mit ihren hohen Erträgen brauchen wir eine ausreichende Nährstoffzufuhr. Demzufolge muss die Ausnahmeregelung für die Stickstoffobergrenze aus Wirtschaftsdünger entsprechend dem Spielraum der EU-Nitratrichtlinie verlängert werden. Genauso wichtig ist für unsere Milchviehhalter ein vollumfänglicher Bestandsschutz für JGS–Anlagen (Jauche, Gülle, Silagesickersaft). Anforderungen an Neuanlagen müssen praxistauglich und verhältnismäßig sein. Hier darf es aus Wettbewerbsgründen keine Verschärfungen geben. Wir sprechen uns aber für eine Förderung von Anlagen zur Gülleaufbereitung, wie Separation, Fest-Flüssig-Trennung oder Güllelagerung aus.
 
 
Herausforderungen annehmen

Wir haben große Zukunftsaufgaben vor uns. Die größte ist wohl der Ausstieg aus der Milchquotenregelung. Damit ist endlich die Chance für jeden Milcherzeuger von uns gegeben, die Menge zu produzieren, die für ihn wirtschaftlich sinnvoll ist. Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Worauf es ankommt, ist, dass wir uns der Herausforderung bewusst werden und dass wir sie bestehen wollen.“ Diesen Weg beschreiten unsere Milcherzeuger und unsere Milchwirtschaft. Sie sind erfolgreich auf den regionalen, nationalen und zunehmend auch auf den globalen Märkten tätig. Die Milchbranche steht für eine Zukunftsbranche - wettbewerbsorientiert und unternehmerisch. Ihre Grundlage sind mehrheitlich unsere bäuerlichen Familienbetriebe. Diese brauchen ermutigende Signale seitens Politik und Gesellschaft durch günstige Rahmenbedingungen.

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Die Deutsche Bauern Korrespondenz (Ausgabe 03/2013) mit dem Schwerpunktthema "Milchwirtschaft - marktorientiert und nachhaltig" können Sie hier bestellen >>>