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Öko-Landbau

Wie nachhaltig ist der Öko-Landbau?

Dr. Heinrich Graf von Bassewitz

Nachhaltigkeit heißt, dass wir so produzieren sollten, dass wir unseren Enkeln nicht die
Chance nehmen, in 60 Jahren genauso zu leben wie wir heute. Mehr ist es eigentlich nicht.
Eine genauere Standortbestimmung abzustecken, wie nachhaltig der Ökologische Landbau ist, stellt schon deswegen eine Herausforderung dar, da der Begriff der Nachhaltigkeit nicht klar definiert und obendrein nicht statisch ist. Wir Landwirte sollen mit unserer Produktion nicht nur einen kleineren CO2-Fußabdruck hinterlassen, die Biodiversität fördern, weniger Wasser verbrauchen, weniger Stickstoff und Pflanzenschutzmittel einsetzen und mehr für den Tierschutz tun, nein wir sollen auch mehr Lebensmittel und zusätzlich noch Energie produzieren. Das mutet wie die Quadratur des Kreises an.
Bislang verbrauchen wir nicht erneuerbare Ressourcen und zu einem großen Teil auch Umweltgüter, das oft auch im Öko-Landbau. Wir sind uns darüber im Klaren - und genau aus diesem Grund ist das Wort Nachhaltigkeit heute in aller Munde - dass wir in Zukunft mit unseren Ressourcen sparsamer umgehen müssen. Problematisch wird es besonders dann, wenn unser Ressourcenverbrauch „externe Kosten“ verursacht, die also nicht in den Produktkosten am Markt enthalten sind. Die Landwirtschaft ist dabei natürlich nur ein Aspekt. Ich war bis vor 20 Jahren mit genau so großer Begeisterung konventioneller Landwirt wie heute ökologischer. Meine Funktion im DBV sehe ich ganz besonders darin, die Gräben zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft zu überwinden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Für die Nachhaltigkeitsdebatte, die immer die gesamte Landwirtschaft betrifft, ist es interessant, die Leistungen des Ökologischen Landbaus zu betrachten. Diese resultieren vor allem aus dem Kreislaufprinzip der Nährstoffe, das wiederum aus dem Verbot mineralischer Stickstoffverbindungen und chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel folgt. Die Wasserwerke der Stadt Leipzig zahlten den Landwirten, die über ihrem Wasserreservoir wirtschaften, lange Jahre etwa 500 Euro je Hektar, wenn sie ökologisch wirtschaften und damit keinen chemisch–synthetischen Stickstoff sowie Pflanzenschutzmittel einsetzen. Sauberes Trinkwasser ist es also offenbar wert, dass etwa 30 Prozent des landwirtschaftlichen Ertrages von den Wasserwerken übernommen werden.
 
Bewertungssysteme für Nachhaltigkeit
Wenn man verschiedene Konzepte für nachhaltige Landwirtschaft in Deutschland miteinander und mit dem Nachhaltigkeitskonzept der Bundesregierung vergleicht, stellt man fest, dass noch kein System so ausgereift ist, dass es als Nachhaltigkeitsstrategie nicht noch verbessert werden könnte. In der landwirtschaftlichen Diskussion befi nden sich vor allem folgende Bewertungssysteme: Das Thüringer Kriteriensystem Nachhaltige Landwirtschaft (KSNL) ist ein System für die Beratung und bewertet den Status Quo der Nachhaltigkeitsleistungen eines Betriebes. Das DLG-Zertifizierungssystem wird bislang bei ca. 30 Ackerbaubetrieben angewendet. Die Ausgereiftheit der säulenspezifischen Indikatoren ist sehr unterschiedlich. Das DLG-System ist für den Ackerbau ausgelegt und für klassische Familienbetriebe ohne Mitarbeiter und mit Viehhaltung ungeeignet und offenbar für die Praxis noch sehr kompliziert. Beide Systeme, das KSNL aus Thüringen und das der DLG berücksichtigen nicht die Kreislaufwirtschaft als zentrales Thema des Ökologischen Landbaus; des ökologischen Landbaus entsprechend der Richtlinien der deutschen Bio-Anbauverbände muss es richtigerweise heißen. EU-Bio erlaubt die Teilbetriebsumstellung und hohe Importe konventioneller Wirtschaftsdünger und kann deshalb nicht als Kreislaufwirtschaft bezeichnet werden. Ich bewirtschafte meinen Betrieb nach den Richtlinien des Bioparkverbandes und berücksichtige zusätzliche Naturschutzleistungen in Kooperation mit dem WWF. Meine Motivation ist, dass ich den alten Familienbesitz neu aufbaue und ihn an meine Kinder übergeben kann. Der Generationenvertrag ist meines Erachtens frei nach von Carlowitz, dem Erdenker der Nachhaltigkeit, eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften. Das wichtigste Nachhaltigkeitskriterium ist für mich das Wirtschaften in geschlossenen Nährstoff- aber auch in Energiekreisläufen. Danach rangieren alle weiteren Kriterien wie Verzicht auf den Einsatz von Chemie, Förderung der Biodiversität, artgerechte Tierhaltung und die Nutzung alter Gebäude.
 
Nachhaltigkeit und Cross-Compliance
Die Richtlinien aller deutschen Bio-Anbauverbände wie Bioland, Biopark, Naturland, Demeter, Gäa und Biokreis fordern über die Kreislaufwirtschaft hinaus die aktive Gestaltung des Lebensraumes und arbeiten mit Begrenzungen. Es fehlen allerdings Wirkungsindikatoren für die Überprüfbarkeit. Die Verbandsrichtlinien haben im Wasser- und Abfallbereich deutliche Stärken, fallen aber in den Bereichen Klima, Ökonomie und Soziales deutlich ab. Wenn man das Indikatoren-Set der verschiedenen Ansätze zusammenbringt und die Zielerreichung ungewichtet vergleicht, zeigt sich, dass auch für den Ökologischen Landbau noch viel zu tun bleibt. Bei dieser einfachen Bewertung erreichen die Richtlinien des Biolandverbandes 42 Prozent, die KSNL 37 Prozent und die DLG 30 Prozent. Aber diese einfache Auswertung zeigt, dass alle vorhandenen Systeme noch entwicklungsfähig sind. Cross Compliance ist als Katalog von europäischen Standards von vornherein nicht auf den Anstoß zu einem ständigen Verbesserungsprozess der Betriebe angelegt. Dementsprechend lässt sich Cross Compliance auch gar nicht mit einem Nachhaltigkeitssystem direkt vergleichen. Es kann nur ein Mindeststandard unterhalb dieser Systeme sein.
 
Organisationsfähigkeit des Betriebsleiters ist entscheidend
Interessant sind auch die Ergebnisse des Verbundforschungsprojektes von Thünen-Institut und TUM Weihenstephan „Klimawirkungen und Nachhaltigkeit von Landbausystemen - Untersuchungen in einem Netzwerk von ökologischen und konventionellen Pilotbetrieben“. In dem vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft geförderten Forschungsprojekt wurden in enger Kooperation von Forschung, Beratung und Praxis in verschiedenen deutschen Agrarräumen 40 ökologische und 40 konventionelle „Betriebspaare“ untersucht. Als Ergebnis wurde sichtbar, wie stark die organisatorischen Fähigkeiten des Betriebsleiters die Nachhaltigkeit eines Betriebes beeinfl ussen. So übertreffen gut geführte konventioneller Betriebe durchschnittliche Öko-Betriebe in ihren Nachhaltigkeitsleistungen bzw. die Überlappungsbereiche sind sehr groß. Insgesamt ist festzuhalten, dass der Ökologische Landbau als echte Kreislaufwirtschaft mit geringem externen Energieinput betrieben, ein zukunftsweisender Ansatz für eine nachhaltige Landwirtschaft sein kann, dass aber auch Öko-Betriebe nach derzeitiger Zertifizierung bei weitem noch nicht alle Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Das sollten sie in Zukunft aber können, um nicht von einfachen Nachhaltigkeitssiegeln wie z.B. vom „Pro Planet“ Siegel der Rewe, die es sich einfach machen und nur wenige Parameter aufgreifen, öffentlich überholt zu werden. Als Rudolf Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts seine Ideen zum ökologischen Landbau niederschrieb, gab es keine Probleme mit der Biodiversität, keinen CO2-Fußabdruck, keine Stickstoffauswaschung. Der Ökologische Landbau hat Potenziale zu einem „Goldstandard“ für Nachhaltigkeit entwickelt zu werden, ist es aber noch nicht. Dazu sollte geprüft werden, wie Kriterien, die die Nachhaltigkeit verbessern und überprüfbar machen, in die Richtlinien aufgenommen werden können.
 
Zukunftsvisionen einer nachhaltigen Landwirtschaft
Man stelle sich vor, wir hätten - ähnlich wie bei den regenerativen Energien - Technologien zur Verfügung, mit denen wir zu gleichen Stückkosten wie heute Lebensmittel nach den Standards der Nachhaltigkeitskriterien produzieren könnten. Wie könnte eine Zukunftsvision aussehen? Auf diese Frage ist von Helmut Schmidt das Zitat bekannt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Aber ohne Zielvorstellungen geht es eben auch nicht. Diese könnten für die Landwirtschaft 2030 wie folgt aussehen: Im Jahr 2030 ist Soja an unsere Klimaverhältnisse angepasst und Lupinen produzieren auf schwachen Standorten 5 Tonnen pro Hektar. Beide Leguminosen wachsen auf 25 Prozent unserer Fläche und liefern Eiweißfutter und Stickstoff. Eiweißimporte konnten eingestellt werden. Die Tierproduktion ist wieder in die Betriebe integriert, da die Diversifizierung Marktrisiken ausgleicht. Mit dem Mist der Ställe und dem Gras von naturgeschützten Grünlandflächen sowie mit Kleegras vom Acker wird Biogas und Elektrizität produziert. Die Traktoren fahren mit Biogas, aus den Gärresten wird Grunddünger und AHL im geschlossenen Kreislauf hergestellt. Die Betriebe sind komplett energieund düngerautark und beliefern darüber hinaus Dörfer und Städte mit Energie aus Biogasund Solaranlagen, sowie Wind. Die Kulturpflanzen wurden nicht mehr auf die bestmögliche Verwertung von granuliertem Stickstoff sondern auf Krankheitsresistenz und eine bessere Ausnutzung der Bodennährstoffe über ihr Wurzelsystem selektiert. GPS- und computergesteuerte Groß-Hacken mit Laser und Foto- Auge, die Unkraut von den Kulturpflanzen unterscheiden können, erledigen die Arbeit genau so schnell wie früher die Feldspritzen und verbilligen die mechanische Unkrautbekämpfung. Mähdrescher sterilisieren den Unkrautsamen bevor er mit dem Stroh wieder auf die Fläche fällt. Organische Pilzbekämpfungsmittel sind genau so effizient wie die heutigen Fungizide. Mit Pheromonen werden zur richtigen Zeit die Nützlinge angelockt. Wer wäre gegen ein solches High-Tech-System, das den Nachhaltigkeitskriterien entsprechen und zudem den Ansprüchen der Verbraucher an Produktqualität gerecht werden würde? Wir haben mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung mit dem Projekt „Dialog Zukunftsvision 2050“ die persönlichen Visionen von ca. 100 Jugendlichen unter 27 Jahren erfragt, die 2050 pensioniert werden. Zu Lebensmitteln sagen die Jugendlichen folgendes: „Unsere Lebensmittel kommen meist aus der umliegenden Region, sind zu 100 Prozent biologisch und werden absolut ressourcen- und umweltschonend produziert.“
 
Forschung für Effizienzsteigerung
Die heutige Standardtechnologie über chemische Dünger, Pfl anzenschutzmittel und den Einsatz von Medikamenten hat die Welternährung und Nahrungsmittelsicherheit sicher erst ermöglicht und war damit in seiner Zeit wegweisend. Dieser Weg des chemischen Fortschrittes hat aber bekanntlich Nebenwirkungen. Heute gibt es andere Ansätze und Technologien, die so weiter entwickelt werden könnten, dass sie hohe Produktivität mit Nachhaltigkeit verbinden. Vor 30 Jahren haben wir noch Überschüsse produziert und aus diesem Grund die öffentliche Forschung zu Produktivität weitgehend eingestellt und der Pfl anzenschutz- und Saatgutindustrie überlassen. Nicht kommerzielle Agrar-Forschung fehlt heute fast völlig. Aber wir benötigen sie, um nachhaltige Produktionsverfahren mit hoher Produktivität zu entwickeln. Ökologischer Landbau und nachhaltige Produktionsverfahren haben nur dann eine Chance, wenn sie am Markt wettbewerbsfähig werden. Dazu muss die Effi zienz steigen. Es fehlt ein technologischer „big bang“, wie wir ihn in den letzten Jahren bei der alternativen Energieproduktion angeschoben haben. Dafür ist kein Einspeisegesetz für nachhaltig produzierten Weizen notwendig, aber massiv Forschung für nachhaltige Produktionsverfahren.