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1 Landwirtschaft und Gesamtwirtschaft

1.1 Wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors

Hohe wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft
Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht heute (2013) zwar nur 0,9 Prozent und an den Erwerbstätigen rund 1,5 Prozent aus, doch ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wesentlich größer. Die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei erzielte 2013 einen Produktionswert von 54,2 Milliarden Euro. Das ist erheblich mehr als der Produktionswert des gesamten deutschen Textil-, Bekleidungs- und Schuhgewerbes mit 22,3 Milliarden Euro, des Papiergewerbes mit 38,1 Milliarden Euro oder der pharmazeutischen Industrie mit 42,0 Milliarden Euro.
 
Einkäufe der Landwirtschaft stützen die übrige Wirtschaft
Landwirte fragen viele Betriebsmittel, Investitionsgüter und Dienstleistungen nach. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Höfe nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und produktionstechnischen Fragen, über Wartungsarbeiten bis hin zur Tiergesundheits- und Qualitätsüberwachung. Die produktionsbedingten Ausgaben der deutschen Landwirtschaft betrugen im Jahr 2013 46,2 Milliarden Euro, wovon 9,5 Milliarden Euro auf Investitionen in Bauten und Maschinen entfallen. Zu den betriebsbedingten Ausgaben kommen u. a. die privaten Konsumausgaben der Land- und Forstwirte, die sich 2013 auf 8,1 Milliarden Euro beliefen.
 
Jeder 9. Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung
Das Agribusiness umfasst die gesamte Lebensmittelkette und damit alle Schritte von der Urproduktion bis zum Verbraucher: Die Landwirtschaft gewinnt mit Produktionsmitteln aus den vorgelagerten Wirtschaftsbereichen die pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, die vom Ernährungsgewerbe, also dem Handwerk und der Industrie, weiterverarbeitet werden. Hinzu kommen der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel sowie die Gastronomie.
 
Das Agribusiness ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige
Das Agribusiness hatte in 2013 in rund 750.000 Betrieben insgesamt 4,6 Millionen Beschäftigte. Damit sind rund 11 Prozent aller Erwerbstätigen direkt oder indirekt damit beschäftigt, Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen bzw. pflanzliche Rohstoffe für Nicht-Nahrungsmittelzwecke zu erzeugen. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze – vor allem in Landwirtschaft, Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel – ist im ländlichen Raum angesiedelt. Mit zahlreichen attraktiven Ausbildungsberufen und -plätzen stellt das Agribusiness jeden 5. Ausbildungsplatz in Deutschland. So starten jedes Jahr rund 300.000 junge Menschen im Agribusiness in ihr Berufsleben.
 
Landwirtschaft als Schlüsselbranche für die Wirtschaft
Der Erwerbstätigenanteil der Landwirtschaft am gesamten Agribusiness beträgt knapp 14 Prozent. Das heißt: Einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz stehen sieben weitere Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen gegenüber. Das gesamte Agribusiness erbrachte 2013 einen Produktionswert von geschätzten 427 Milliarden Euro oder gut 8 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktionswertes. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agribusiness gut 6 Prozent.
 
Erwerbstätigenzahl in der Landwirtschaft nur leicht rückläufig
In Deutschland übten im Jahr 2013 646.000 Personen oder 1,5 Prozent aller Erwerbstätigen ihre überwiegende Erwerbstätigkeit in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei aus. 49 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sind als eigenständige Unternehmer tätig. Ihr Anteil an den Selbständigen in Deutschland beläuft sich auf 7,0 Prozent. Gemessen am gesamten Arbeitsvolumen der deutschen Wirtschaft beträgt der Anteil der Land- und Forstwirtschaft 1,9 Prozent.
 
Selbständige arbeiten länger
Ein Erwerbstätiger in Deutschland arbeitete im Jahr 2013 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt 1.363 Stunden. Überdurchschnittlich hoch fällt die Stundenzahl in der Land- und Forstwirtschaft mit 1.664 Stunden aus. Grund dafür ist vor allem der mit 49 Prozent hohe Anteil der Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft. Mit 2.003 Stunden liegen die Arbeitszeiten von Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft nahezu gleich hoch wie bei den Selbständigen in der übrigen Wirtschaft mit 1.969 Stunden. Der Einsatz moderner Technik hat maßgebend dazu beitragen, dass körperliche Arbeit und Arbeitszeiten in der Landwirtschaft deutlich zurückgegangen sind. Der Umgang mit Natur, Umwelt und Tieren erfordert allerdings eine relativ hohe zeitliche Flexibilität.
 
Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft relativ stark gestiegen
Gemessen an der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen hat der Agrarsektor in Deutschland seine Produktivität zwischen 1993 und 2013 fast verdoppelt (+ 96 Prozent). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft stieg die Produktivität um 44 Prozent, doch es bleibt ein Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen.
 
Hohe Investitionen der Landwirte in moderne Landtechnik
Eine Branche, die in besonderer Weise die Produktivität der Landwirtschaft befördert, ist die deutsche Landtechnik-Industrie, in der über 200 Unternehmen mit rund 31.000 Beschäftigten tätig sind. 2013 wurden in Deutschland rund 36.000 neue Traktoren, 3.500 selbstfahrende Arbeitsmaschinen sowie 45.000 Anbaugeräte verkauft.
Schwerpunkte der Produktion in den deutschen Fabriken sind Traktoren und Erntemaschinen. Ein Fokus der gegenwärtigen technologischen Entwicklung liegt auf der Vernetzung von Arbeitsprozessen mittels elektronischer Steuerung und dem Einsatz neuer Datenmanagementsysteme.
Mit 8,4 Milliarden Euro wurde 2013 ein neuer Rekordumsatz erzielt. Der Anteil an der weltweiten Produktion konnte mit rund neun Prozent gefestigt werden. Die Exportquote der Branche liegt bei ca. 70 Prozent. Im Jahr 2014 verzeichnete die Branche nach einer sehr dynamischen dreijährigen Wachstumsphase wieder ein rückläufiges Umsatzvolumen, vor allem im Export. Langfristige Wachstumschancen liegen für die Landtechnikindustrie in den großen Schwellenländern, unter anderem China und Indien.
 
Umsätze von Landtechnik- Handwerk und -Handel weiter auf hohem Niveau
Die rund 5.600 in den Handwerksrollen eingetragenen Landmaschinen-Fachbetriebe machten mit ihren knapp 42.000 Mitarbeitern 2013 einen Umsatz von rund 9 Milliarden Euro (gegenüber Vorjahr plus 4 Prozent). Für 2014 rechnen Landtechnik-Handwerk und -handel mit einem Umsatzplus von ein bis zwei Prozent.
 
Lohnunternehmen und Maschinenringe senken die Technikkosten
Lohnunternehmen sind landtechnische Dienstleister der Landwirte. 3.400 Lohnunternehmer mit 18.400 fest angestellten Mitarbeitern und gut 15.000 saisonalen Aushilfen erzielten 2013 einen Umsatz von etwa 3,45 Milliarden Euro, davon 2,25 Milliarden Euro im Einsatz für Land- und Forstwirte. Die Aufgaben werden anspruchsvoller, zum Beispiel im Bereich Biogasanlagen, bei der Gülleausbringung, in der Komplettbewirtschaftung, aber auch in der Bodenbearbeitung oder Düngung mit Spezialtechnik.
Die von Landwirten gegründeten 259 Maschinenringe mit 193.000 landwirtschaftlichen Mitgliedsbetrieben erwirtschafteten 2013 mit ihren rund 2.500 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von gut 1,1 Milliarden Euro. Mit dem Ziel, vorhandene Maschinen besser auszulasten und zusätzliche Erwerbsquellen zu erschließen, haben sich die Maschinenringe in vielen Regionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.
 
Landwirtschaft und ländliche Räume sind untrennbar miteinander verbunden
Etwa 90 Prozent der Fläche Deutschlands zählen zu den ländlichen Räumen. Mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands lebt in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land. Ländliche Räume sind Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Sie umfassen land- und forstwirtschaftliche Nutzräume ebenso wie Natur- und Erholungsräume.
 
Umfrage: Auf dem Land werden Traditionen gelebt
Familienleben statt Single-Dasein, nachbarschaftliches Miteinander statt anonymes Nebeneinander: Auf dem Land haben diese traditionellen Werte eine große Wertschätzung. Dieser Meinung sind 73 Prozent der vom Medienforschungsinstitut TNS Infratest in 2014 befragten Bewohner ländlicher Regionen. Im Vergleich: Nur 45 Prozent der Städter denken, dass traditionelle Werte ihr urbanes Umfeld besonders prägen.
 
Bevölkerungsgewinne und -verluste
Viele Gebiete stehen angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung vor allem junger Menschen vor der Aufgabe, eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und eine ausreichende
Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Auch für die landwirtschaftlichen Betriebe wird es vor allem in Regionen mit rückläufigem Arbeitskräftepotential schwieriger, Berufsnachwuchs zu finden.
 
Feld und Wald sind auch wertvoll für Freizeit und Tourismus
Auf der Skala der Erholungsaktivitäten rangieren die landschaftsbezogenen Freizeitaktivitäten vorn, wie Spazierengehen, Spielen im Freien, Wandern und Radfahren. Die Land- und Forstwirtschaft erhält und pflegt 29,6 Millionen Hektar Acker, Wiesen und Wald. Das sind 82 Prozent der Fläche. Deutschland ist damit als Kulturlandschaft geprägt.
 
Urlaub auf dem Bauernhof erfreut sich großer Beliebtheit
Deutschland ist unverändert das Urlaubsziel Nummer eins bei den Deutschen. Dabei nimmt der Urlaub auf dem Bauernhof einen Marktanteil von 6 Prozent an allen Urlaubsreisen im Inland ein. Mit Urlaub auf dem Bauernhof suchen Gäste das Erleben von intakter Natur und Ruhe, aber auch die Vermittlung und das Verständnis für die Wertschätzung gesunder Lebensmittel. Familien mit Kindern und Jugendlichen sind die wichtigste Gästegruppe.
 
4,5 Millionen Bauernhofurlauber jährlich
Für etwa 25.000 landwirtschaftliche Betriebe bietet Urlaub auf dem Bauernhof ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein. Die Betriebe leisten mit ihren Angeboten über die Landwirtschaft hinaus einen wichtigen Beitrag zur Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in der Region. Die Betriebe erwirtschaften mit dem Angebot von Übernachtung und Verpflegung insgesamt rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz. 69 Prozent der Ferienhöfe, die in der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland organisiert sind, sind nach den „Sternen“ des Deutschen Tourismusverbandes (DTV) qualitätsgeprüft.
 
Landwirtschaft genießt hohes Ansehen
Nach einer in 2013 durchgeführten repräsentativen Infratest-dimap-Umfrage sehen 91 Prozent der Bevölkerung die Stärken der deutschen Landwirtschaft in der Erzeugung qualitativ hochwertiger Lebensmittel. 82 Prozent sehen die deutsche Landwirtschaft als „Bestandteil von Heimat und Brauchtum“, nach Meinung von 78 Prozent leistet sie „einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege“. 68 Prozent der Bundesbürger sehen die „Arbeitsplätze auf dem Land“ als wichtigen Faktor. Für 57 Prozent ist auch die Sicherung der Ernährung außerhalb Deutschland ein wichtiger Aspekt.
 
Landwirtschaft wird vertraut
In 25 Ländern hat die Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK) Ende 2013 Menschen gefragt, welchen Berufen sie vertrauen. Ganz oben stehen in 15 Ländern die Feuerwehrleute. In Deutschland zählen auch Landwirte zur Spitzengruppe. Helfende Berufe genießen in besonderem Maße das Vertrauen der Menschen. In allen Ländern belegen neben den Feuerwehrleuten Sanitäter, Pflegkräfte und Ärzte die vorderen Plätze. In Deutschland rangieren im Vertrauensranking auch Piloten, Apotheker und Landwirte ganz oben: Gut 81 Prozent der Deutschen vertrauen den Landwirten.
 
Starkes Interesse an landwirtschaftlichen Themen
Fast 60 Prozent der Bundesbürger sind nach einer Emnid-Umfrage aus 2014 der Auffassung, dass derzeit an den Schulen kein realistisches Bild der Landwirtschaft vermittelt wird. Sie wollen der schulischen Vermittlung von Wissen über das Leben in der Landwirtschaft und deren Bedeutung für die Gesellschaft einen höheren Stellenwert beimessen. In den Medien vorherrschende Themen wie „Massentierhaltung“, „Subventionen“ oder „Antibiotika“ stehen dagegen nicht im Vordergrund. Lediglich 1 bis 5 Prozent der Befragten sind der Ansicht, derartige Themen gehörten in den Unterricht.
 
Hohe Verbraucheransprüche an die Landwirte
Die Erzeugung preiswerter Lebensmittel und die Orientierung der Landwirtschaft am technischen Fortschritt werden in den Augen der Bürger mehr als erreicht. Dennoch können die Landwirte im Soll-Ist-Vergleich den hohen Ansprüchen der deutschen Verbraucher nur bedingt gerecht werden. Insbesondere bei der Tierhaltung, dem verantwortungsvollen Umgang mit Boden, Wasser und Luft sowie der Qualität von Nahrungsmitten klaffen die Erwartungen und die gefühlten Realitäten der Bundesbürger auseinander. Die Ergebnisse heben hervor, dass in den Augen vieler Verbraucher ethische und ökologische Erwägungen in der deutschen Landwirtschaft zu kurz kommen.
 
Hohe Ansprüche, niedrige Zahlungsbereitschaft
Die hohen Erwartungshaltungen der Verbraucher gehen aber nur bedingt mit einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft einher. Zu diesem Ergebnis gelangt die Allensbach-Studie aus 2012 über das Ernährungsverhalten der deutschen Gesellschaft. Demnach empfinden etwa zwei Drittel aller Bundesbürger den Verzicht auf Gentechnik oder eine artgerechte Tierhaltung als besonders wichtig. Gleichzeitig würden aber weniger als ein Drittel mehr Geld dafür ausgeben.
 
Bewusstsein für Probleme der Landwirte
Die Hofnachfolge, der internationale Wettbewerb sowie die unsichere Einkommens- und Preissituation werden von knapp 80 Prozent der Bürger als starke bis sehr starke Herausforderungen angesehen. Geringe Ausgleichszahlungen durch den Staat werden noch bei knapp über der Hälfte der Befragten als Problem wahrgenommen.