© sturm/pixelio/rohr
6 Erzeugung und Märkte

6.1 Agrarpreise und Agrarrohstoffmärkte

Knappe Versorgungssituation und relativ hohe Agrarpreise
Seit dem weitgehenden Abbau der EU-Agrarpreisstützung werden die heimischen Erzeugerpreise immer mehr von der Situation auf den internationalen Agrarmärkten geprägt. Infolgedessen haben sich die Preisschwankungen (Volatilitäten) an den europäischen Agrarmärkten in den letzten Jahren deutlich erhöht.
Angesichts der relativ knappen globalen Versorgungssituation mit Agrarrohstoffen hat sich das Erzeugerpreisniveau in der europäischen Landwirtschaft in 2012 auf relativ hohem Niveau gefestigt. Die globalen Fundamentaldaten deuten darauf hin, dass sich daran vorerst wenig ändern wird.


Höhere Agrarpreise, aber auch höhere Betriebsmittelpreise
Der Index der Erzeugerpreise landwirtschaftlicher Produkte in Deutschland lag im Wirtschaftsjahr 2011/12 um knapp 5,6 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Besonders bei Rindern, Schweinen, Eiern, Getreide und Raps erhöhten sich die Erzeugerpreise deutlich. Aber auch die Einkaufspreise landwirtschaftlicher Betriebsmittel stiegen mit 5,5 Prozent kräftig an. Weit überdurchschnittlich zogen vor allem die Preise für Düngemittel, Treibstoffe sowie Saat- und Pflanzgut an.


Zu Beginn der Wirtschaftsjahres 2012/13 gefestigte Erzeugerpreise
Im ersten Quartal des laufenden Wirtschaftsjahres 2012/13 haben sich die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise tendenziell weiter gefestigt. Der Index der Erzeugerpreise landwirtschaftlicher Produkte lag im Zeitraum Juli bis September 2012 um knapp 3 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Aber auch der Anstieg der Betriebsmittelpreise war hoch. Er lag nach Angaben für den Monat Juli bei plus 5 Prozent. Besonders verteuerten sich Futter- und Düngemittel.


AMI-Agrarrohstoff-Index weiterhin auf hohem Niveau
Der Agrarrohstoff-Index der Agrarmarkt Informations-GmbH für die 13 wichtigsten in Deutschland erzeugten Agrarprodukte erreichte im Oktober 2012 mit 148 Punkten einen neuen Höchstwert. Für den Rest des Jahres  2012 gehen die Marktbeteiligten von einer weiterhin festen Entwicklung der Milch-, Rinder- und Getreidepreise aus. Dagegen könnten die Schweinepreise leicht unter Druck geraten.


Global feste Preistendenz für Agrarrohstoffe
Die internationalen Preise für Agrarrohstoffe behalten nach Analysen der FAO ihre feste Tendenz bei. Auch wenn sie in den ersten 10 Monaten des Jahres 2012 insgesamt um 8 Prozent unter dem Stand des Vorjahres liegen, ist das Preisniveau im Langfristvergleich nach wie vor relativ hoch. Im Oktober 2012 blieb der FAO-Index um 2 Punkte oder 1 Prozent hinter dem Vorjahresstand zurück. Von Juli bis Oktober 2012 haben sich die Preise nur wenig verändert.


Aktuelle Preistendenzen uneinheitlich
Der FAO-Preisindex für Fleisch entwickelte sich von Januar bis Oktober 2012 stabil und konnte das relativ hohe Vorjahresniveau halten, mit leichten Preisabstrichen für Schaf- und Geflügelfleisch. Die Preisdelle von März bis August bei Milch scheint überwunden. Im Oktober erreichten die globalen Milchpreise fast wieder Niveau von Anfang des Jahres. Das seit Juli 2012 besonders hohe Getreidepreisniveau erreichte im Oktober einen Indexwert von 259. Das sind 12 Prozent mehr als im Oktober 2011 und gegenüber dem im April 2008 erreichten Spitzenwert von 274 Punkten nur 5 Prozent weniger. Im Jahresvergleich weniger günstig sieht dagegen die globale Preisentwicklung bei Ölen/Fetten sowie Zucker aus. Hier wurden zum Teil erhebliche Preiseinbußen verzeichnet.


Starke Preisschwankungen bei industriellen Rohstoffen
Bei den Energie- und Metallrohstoffen sind Preisschwankungen (so genannte Volatilitäten) tendenziell stärker. Die weltweiten Rohstoffpreise bewegen sich seit 2011 auf einem relativ stabil hohen Niveau, gerade was Energie und Agrarrohstoffe anbelangt. Preisausschläge noch oben und nach unten fielen geringer aus als in den Vorjahren.


Einfluss der Finanzmärkte auf die Agrarmärkte
Kapitalanleger suchen auch auf den Rohstoffmärkten nach rentierlichen Anlagemöglichkeiten. Begünstigt wird diese Entwicklung durch ein niedriges Zinsniveau bzw. eine lockere Geldpolitik der Notenbanken in vielen Industrieländern, die die Konjunktur ankurbeln soll. Spekulative „Blasen“ an den Terminmärkten („Preisübertreibungen“) können in dem von Angebot und Nachfrage bestimmten Termin- und Derivatemärkten dann entstehen, wenn die Markttransparenz nicht voll gegeben ist.


Dollarkurs spielt für den internationalen Handel eine wichtige Rolle
Der internationale Rohstoffhandel wird überwiegend auf US-Dollar-Basis abgewickelt. Wechselwirkungen gegenüber dem Dollar nehmen Einfluss auf die Warenströme. Anfang November 2012 gab es für einen Euro fast 1,30 US-Dollar. Den bisherigen Tiefstwert in 2012 erreichte der Euro mit 1,21 US-Dollar Ende Juli. Je schwächer der Euro gegenüber dem US-Dollar, umso besser laufen die deutschen Exportgeschäfte, da die Unternehmen günstiger auf dem Weltmarkt anbieten können. Andererseits verteuern sich Importe vor allem bei Rohstoffen und Energie.


Energie- und Agrarpreise stehen in engem Zusammenhang
Die Entwicklung der Getreide-, Ölsaaten- und Zuckerpreise steht in einer Wechselbeziehung zu der kaufkräftigen Nachfrage nach Nahrungsmitteln und der Nachfrage nach Bioenergie, die wiederum vor allem vom Rohölpreis abhängt. Agrarrohstoffe können auf Dauer nicht billiger als Öl oder Kraftstoff sein. Bei Rohölpreisen von zum Beispiel mehr als 100 US-Dollar je Barrel ist die energetische Getreideverwertung auch bei Getreidepreisen um die 200 Euro je Tonne wettbewerbsfähig. Hohe Energiepreise stützen also die Weltagrarpreise, besonders die für Getreide, andere pflanzliche Rohstoffe und auch für Holz. Allerdings führt eine Energieverteuerung auch zu kräftiger Kostensteigerung in der Landwirtschaft (Dünger, Diesel, Maschinen, Strom) mit entsprechenden Folgen für die Agrarpreise.


Etwa 3 Prozent der Weltackerfläche für Biokraftstoffe
Von der gesamten weltweiten Landfläche sind 1,5 Milliarden Hektar Ackerland. 97 Prozent der Ackerflächen dienen der Nahrungsmittelerzeugung, nur etwa 45 Millionen Hektar oder 3 Prozent werden nach Schätzungen für 2011 für den Anbau von Energiepflanzen wie Getreide, Ölpflanzen und Zuckerrohr/Zuckerrüben genutzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Biokraftstofferzeugung zu einem hohen Anteil pflanzliche Nebenprodukte (Getreide: circa 40 Prozent Schlempe; Raps: circa 60 Prozent Schrot) anfallen, die als Futtermittel Verwendung finden und damit die Netto-Inanspruchnahme von Flächen für Energiezwecke deutlich kleiner ausfallen lassen.


Wachstum vor allem bei Pflanzenöl und Zucker
Prognosen von OECD/FAO über die Erzeugung von Bioethanol und Bio-diesel für das Jahr 2021 führen zu einer Flächeninanspruchnahme von 70 bis 80 Millionen Hektar, und das vor allem auf Grund höherer Verwendung von Pflanzenölen, Zucker und anderen Biomassestoffen. Nicht Getreide, sondern Pflanzenöle und Zucker sind nach dieser Prognose die Träger des Wachstums auf den Biokraftstoffmärkten.


Zwei Drittel der Biokraftstoffe stammen aus den USA und Brasilien
Von der globalen Biokraftstoff-erzeugung (Bioethanol und Biodiesel) des Jahres 2012 entfallen 44 Prozent auf die USA und 20 Prozent auf Brasilien. Auf diese beiden Länder entfallen vor allem auf Grund von mittelbarer und unmittelbarer Förderung damit zwei Drittel des globalen Energiepflanzenanbaus. Weitere 15 Prozent entfallen auf die EU und 7 Prozent auf China. Eine deutsche Besonderheit ist die mittelbare Förderung des Anbaus von Bioenergiepflanzen für Biogasanlagen.


Rund 6 Prozent des Weltgetreides für Biokraftstoffe
Vom Weltgetreideverbrauch werden 2012 voraussichtlich 143 Millionen Tonnen oder rund 6 Prozent für Biokraftstoffe genutzt. Vom globalen Pflanzenölvorkommen fließen derzeit etwa 13 Prozent in die Biodieselherstellung. In Europa wird der überwiegende Teil der Einsatzstoffe Raps und Getreide für Futtermittel genutzt (siehe Kapitel 2.2). Bei Zucker dienen 19 Prozent der Welterzeugung der Ethanolherstellung. Dabei handelt es sich zu 94 Prozent um Rohrzucker.


Nahrungsmittel- und Energie-Märkte hängen eng zusammen
Der Ausbau der Bioenergie bzw. der nachwachsenden Rohstoffe bietet den Landwirten für eine alternative Vermarktung ihrer Erzeugnisse eine strategische Chance. Die Preise am Energiemarkt bilden letztlich die Preisuntergrenze für landwirtschaftliche Produkte. Bewegen sich jedoch die Lebensmittelpreise oberhalb des energetischen Wertes der Produkte, geht die wirtschaftliche Attraktivität der bioenergetischen Verwertung verloren. Aber die Koppelproduktion, z.B. bei Raps für Biodiesel und für Futtermittel aus Rapsschrot, kann ihre Wettbewerbsfähigkeit eher erhalten. Eine reine Bioenergieerzeugung ist besonders empfindlich gegenüber hohen Rohstoffpreisen.


Wie kann die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden?
Das globale Produktionswachstum bei Agrarrohstoffen lag in der Dekade 2001 bis 2011 bei 2,6 Prozent pro Jahr. Für die Dekade 2011 bis 2021 schätzt die FAO das Wachstum auf nur 1,7 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig verlangsamt sich das Wachstum der Weltbevölkerung. Nach FAO-Einschätzung steigt die Erzeugung von Agrarrohstoffen pro Kopf der Weltbevölkerung weiterhin um jährlich 0,7 Prozent. Weiter weist die FAO darauf hin, dass sich die Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern ändern und zu steigendem Konsum von höherwertigen Lebensmitteln wie Fleisch- und Milchprodukten sowie Obst und Gemüse führen.


Bislang hielt Getreideproduktion mit Bevölkerungswachstum Schritt
Die Weltgetreideproduktion (ohne Reis) ist in den letzten Jahrzehnten in etwa so stark gewachsen wie die Weltbevölkerung. Allerdings schwanken die Ernten von Jahr zu Jahr. Während sich die Anbaufläche für Weizen und Futtergetreide in den letzten 30 Jahren insgesamt nur wenig verändert hat, sind die Hektarerträge um mehr als 70 Prozent gestiegen. Etwa 48 Prozent der Weltproduktion an pflanzlichen Erzeugnissen wird mit dem gezielten Einsatz von  Düngemitteln erzeugt.


Globale Ernährungssicherung langfristig auch mit Biomassenutzung möglich
Unter Berücksichtigung der zukünftigen Konsumgewohnheiten und der Bevölkerungsentwicklung wird der Flächenbedarf für die Nahrungsmittelproduktion in Deutschland und Europa langfristig zurückgehen. Das schafft nach einer aktuellen Untersuchung der Universität Hohenheim Perspektiven für die Biomasseerzeugung, ohne dafür Naturschutzflächen zu beeinträchtigen. Nach realitätsnahen Modellrechnungen können die Biomassenutzungsflächen weltweit bei gleichzeitiger Ernährungssicherung bis 2050 auf bis zu 300 Millionen Hektar ansteigen. Diese Potentiale werden vor allem in Europa, Nord- und Südamerika gesehen, kaum oder gar nicht in Afrika und weiten Teilen Asiens und Mittelamerikas. In Deutschland können bei der Fortschreibung gegenwärtiger Entwicklungstrends bis zu 7,5 Millionen Hektar (derzeit 2,5 Millionen Hektar) für den Non-food-Anbau zur Verfügung stehen, selbst wenn zusätzlich 2,4 Millionen Hektar für Nahrungsmittelexporte zur Sicherung der Welternährung verwendet würden.


Hunger auf der Welt rückläufig, aber noch groß
Nach dem Mitte Oktober 2012 von der FAO vorgelegten Welternährungsbericht ist die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt auf 870 Millionen zurückgegangen. Im langjährigen Vergleich von 1990-92 bis 2010-12 ging die Zahl der Unterernährten um 132 Millionen zurück. Auf Grund des gleichzeitig erfolgten Bevölkerungswachstums verringerte sich ihr Anteil von 18,6 Prozent der Weltbevölkerung auf 12,5 Prozent. Damit ist das Ziel der Vereinten Nationen, den Anteil der Hungerleidenden bis 2015 zu halbieren, in greifbare Nähe gerückt. Hauptursachen für Hunger werden in Kriegen, Korruption,  unzureichende Eigentums- und Nutzungsrechte und generell im Mangel an Good Governance gesehen. 
Suche

 

Herausgegeben vom Deutschen Bauernverband mit Unterst�tzung von: