1.4 Ernährungswirtschaft
Situationsbericht 2019/20

1.4 Ernährungswirtschaft

Ernährungsindustrie ist ein starker Zweig der deutschen Wirtschaft

Die deutsche Ernährungsindustrie die die landwirtschaftlichen Erzeugnisse be- und verarbeitet, erreichte 2018 einen Gesamtumsatz von 179,6 Milliarden Euro – davon 120,1 Milliarden Euro im Inland und 59,5 Milliarden Euro im Ausland. Der Export ist für die Ernährungsindustrie ein wichtiges Standbein – jeder dritte Euro (33,0 Prozent) wird im Ausland verdient. Die Exporte gingen gegenüber dem Vorjahr etwas zurück (- 1,0 Prozent), wohingegen das Inlandsgeschäft leicht zunahm (+ 0,5 Prozent). 2018 waren in 6.119 Betrieben der Ernährungsindustrie rund 608.600 Menschen beschäftigt. Die stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägte Ernährungsindustrie ist nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau der drittgrößte Arbeitgeber in der deutschen Industrie und bietet vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Die deutsche Lebensmittelindustrie ist nach Frankreichs Ernährungsindustrie die umsatzstärkste in Europa. Mit insgesamt 170.000 verschiedenen Produkten gibt es kaum ein Produktsegment, das nicht in Deutschland hergestellt wird.

2019: Stabiles Inlandsgeschäft, etwas höherer Export

Nach der Stagnation in 2018 konnten die Umsätze in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 wieder zulegen und gegenüber dem entsprechenden Vorjahresstand eine Steigerung von 2,6 Prozent erzielen. Triebfeder des Umsatzwachstums war besonders das Inlandsgeschäft (+ 2,7 Prozent). Auch das Exportgeschäft mit einem Umsatzwachstum von 2,3 Prozent trägt zur Sicherung der Ertragslage der Lebensmittelhersteller bei. Der Export ist zwischen 2008 und 2018 um 44 Prozent gestiegen und trägt heute (2018) rund 33 Prozent zum Gesamtumsatz bei. 2008 lag der Anteil noch bei knapp 27 Prozent. Sichere, qualitativ hochwertige Lebensmittel sind ein Markenzeichen im Export. 78 Prozent der deutschen Lebensmittelexporte werden im europäischen Binnenmarkt abgesetzt. Besonders gefragt sind deutsche Süß-, Backwaren, Fleisch- und Milchprodukte.

Ernährungsindustrie ist trotz Konzentrationsprozessen mittelständisch strukturiert

Angesichts der dominanten Marktposition des Lebensmittelhandels kann die Ernährungsindustrie gestiegene Kosten häufig nur schwer auf die Verkaufspreise überwälzen. Die Konzentration der Unternehmen der Ernährungsindustrie hat zwar weiter zugenommen, ist aber im Vergleich zum Lebensmitteleinzelhandel oder zu anderen Wirtschaftsbereichen weiterhin relativ gering. 90 Prozent der Unternehmen der deutschen Ernährungsindustrie gehören dem Mittelstand an. Der Umsatzdurchschnitt je Betrieb liegt bei rund 29,4 Millionen Euro. Die 10 größten Unternehmen vereinigen nur etwa 15 Prozent des Branchenumsatzes auf sich.

Immer weniger Bäckereien und Fleischereien

Die Zahl der Bäckereien und Fleischereien geht weiter zurück. Ende 2018 wurden in der Betriebsstatistik des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) insgesamt 10.900 Bäckereien gezählt. Ende 2008 waren es in Deutschland noch 15.300 Betriebe, was einem Rückgang von 29 Prozent entspricht. Für das Fleischerhandwerk verzeichnet die Statistik für Ende 2018 12.900 Betriebe. Zehn Jahre zuvor lag die Zahl der Fleischerbetriebe noch bei 18.300 (- 30 Prozent). Gründe für diese Entwicklung sind komplexer werdende Rahmenbedingungen im Lebensmittelhandwerk und ein harter Wettbewerb, insbesondere um die Gunst des Einzelhandels.

Raiffeisen-Genossenschaften 2018 mit stabilen Umsätzen

Die Raiffeisen-Genossenschaften sind mit ihren 111.400 Beschäftigten Marktpartner von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel. Ihre Zahl ist über die Jahre deutlich rückläufig und vor allem dem Fusions- und Kooperationsbestreben der Unternehmen geschuldet. Die 2.024 Raiffeisen-Genossenschaften erzielten 2018 einen Umsatz von 63,6 Milliarden Euro. Das war nur wenig mehr als im Vorjahr (+ 0,1 Prozent). Die genossenschaftlich organisierte Milchwirtschaft verzeichnete 2018 einen Umsatz von 13,1 Milliarden Euro. Die Vieh- und Fleischgenossenschaften generierten 2018 Umsätze in Höhe von 6,6 Milliarden Euro. Beide Genossenschaftssparten zusammen haben 2018 im Vergleich zu 2017 Umsatzeinbußen von 5 Prozent zu verzeichnen. Umsatzstärkste Genossenschafts-Sparte ist mit 37,0 Milliarden Euro und einem Zuwachs von gut 4 Prozent die Warenwirtschaft. Ausgehend von rund 266.700 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland und rund 412.000 Mitgliedschaften von Landwirten, Winzern und Gärtnern ist statistisch betrachtet jeder Betrieb an nahezu zwei Genossenschaften beteiligt.

Fleischbranche mit einem Umsatz von 42,6 Milliarden Euro

Der Umsatz der Fleischbranche mit ihren 123.400 Beschäftigten betrug in 2018 42,6 Milliarden Euro, davon 10,5 Milliarden Euro oder 24,7 Prozent im Auslandsgeschäft. Die Fleischbranche macht mit ihrem Umsatz fast ein Viertel (23,7 Prozent) des Gesamtumsatzes des deutschen Ernährungsgewerbes aus.

Immer weniger Schlachtunternehmen beliefern den Markt

Die Konzentration in der Fleischbranche schreitet weiter fort. Die drei größten Schlachtunternehmen – Tönnies, Vion und Westfleisch – schlachteten 2018 57 Prozent der 56,7 Millionen in Deutschland geschlachteten Schweine. Das Ranking der Schweine-Schlachtunternehmen führt die Tönnies-Gruppe mit gegenüber Vorjahr unverändert 16,6 Millionen Schweine-Schlachtungen an. An zweiter Stelle rangiert der niederländisch-deutsche Vion-Konzern, der in Deutschland 2018 8,0 Millionen Schweine schlachtete, gegenüber Vorjahr - 5 Prozent. Auf Platz drei folgt die Westfleisch mit 7,8 Millionen Schweinen, gegenüber Vorjahr ebenfalls - 5 Prozent. Bei den Rinderschlachtungen führt der Vion-Konzern die Rangliste vor der Tönnies-Gruppe und der Westfleisch.

Handelsketten mit Fleischwerken

Die Konzentration im Schlachtviehbereich kommt auch darin zum Ausdruck, dass viele Schlachtunternehmen durchgehende Verarbeitungsketten vom Lebendtier bis zum verpackten Frischfleisch oder zur Wurst aufgebaut haben. Bedeutende Akteure sind mittlerweile die Fleischwerke des Handels. Spitzenreiter ist Kaufland/Lidl mit einem Jahresumsatz von 849 Millionen Euro. Unter den 10 umsatzstärksten Fleischwerken mit einem Gesamtumsatz von 4,6 Milliarden Euro (2018) befinden sich sieben regionale EDEKA-Fleischwerke (Edeka-Südwest, Bauerngut, Rasting, Südbayerisches Fleischwerk, Nordfrische Center, Hessen-gut und Franken-Gut). Auf sie entfällt ein Umsatz von über 2,9 Milliarden Euro.

Molkereibranche weiter im Umbruch

Im Ranking der weltweit größten Milchverarbeiter führt der Nestlé-Konzern, gefolgt von den beiden französischen Unternahmen Lactalis und Danone. Unter den TOP 20-Molkereien der Welt befinden sich mit dem Deutschen Milchkontor (Platz 13) und Müller Milch (Platz 20) auch zwei deutsche Unternehmen. Experten gehen von einem weiteren Konzentrationsprozess der Milchverarbeitungsunternehmen aus.

Deutsche Milchwirtschaft wächst über den Export

Die deutsche Milchwirtschaft ist mit einem Umsatz von 27,1 Milliarden Euro (ohne Speiseeis) und rund 40.400 Beschäftigten (2018) die zweitgrößte Sparte der deutschen Ernährungsindustrie. 32 Prozent der von den Molkereien verarbeiteten Milch ist für den Export bestimmt. Rund zwei Drittel der in Deutschland erzeugten Milch wird von genossenschaftlichen Unternehmen verarbeitet. Die Zahl der Milch verarbeitenden Unternehmen in Deutschland hat im Zeitverlauf stark abgenommen. 2018 gab es noch 158 Milch verarbeitende Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten. Täglich werden von den deutschen Molkereien zusammen rund 86.900 Tonnen Milch zu hochwertigen Lebensmitteln verarbeitet.

Mühlenbranche mit rasantem Strukturwandel

Mit rund 6.000 Beschäftigten erwirtschaftete die Mühlenbranche im Wirtschaftsjahr 2018/19 einen Jahresumsatz von rund 2,8 Milliarden Euro. Die Mühlen vermahlen jährlich etwa ein Drittel der deutschen Weizen- und Roggenernte. Der Trend zu größeren Mühlen-Einheiten hält weiter an. 1950/51 gab es in Deutschland 18.935 Mühlen, heute sind es noch gut 500 Mühlen, davon 190 Mühlen mit einer jährlichen Vermahlungsleistung von mindestens 1.000 Tonnen. 42 große Mühlen mit einer Jahresvermahlung von 50.000 Tonnen und mehr haben einen Anteil an der Gesamtvermahlung von 81 Prozent. Mit rund 8,7 Millionen Tonnen Getreide (2018/19), davon 8,3 Millionen Tonnen Brotgetreide, beliefern die Mühlen Backgewerbe und Lebensmittelindustrie, Handel und Verbraucher. Knapp 11 Prozent der Mahlerzeugnisse werden exportiert. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Mühlen gehen 30 Prozent der Erzeugnisse an Handwerksbäcker, 55 Prozent an Betriebe der Backwaren- und Lebensmittelindustrie, 10 Prozent an Spezialverarbeiter wie Teig- und Nudelwarenhersteller und nur etwa 5 Prozent an den Endverbraucher. Mühlennachprodukte, wie Kleie oder Nachmehle, werden zu Futtermitteln verarbeitet.

Deutsche Zuckerwirtschaft wird von vier Unternehmen bestimmt

Von 61 Unternehmen der Zuckerindustrie in den Jahren 1950/51 existieren heute noch vier mit insgesamt 20 Fabriken, rund 5.500 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro (2018). Die Südzucker AG in Mannheim, die Nordzucker AG in Braunschweig, die Pfeifer Langen GmbH Co.KG in Köln und die niederländische Suiker Unie GmbH Co.KG mit der Zuckerfabrik in Anklam teilen sich den deutschen Markt. 26.600 Landwirte beliefern diese Unternehmen mit Zuckerrüben. Auch in Europa sind die drei verbliebenen deutschen Unternehmen führend und produzieren zusammen etwa die Hälfte des EU-Zuckers. Der größte Zuckerhersteller der Welt ist mit 19.200 Beschäftigten die Südzucker-Gruppe. Sie erreichte in der Kampagne 2018/19 eine Zuckerproduktion aus Rüben von 4,7 Millionen Tonnen. Vom Gesamtumsatz des Südzuckerkonzerns in Höhe von 6,8 Milliarden Euro (2018/19) entfallen 2,6 Milliarden Euro auf den Zuckerbereich. Gut 88 Prozent der deutschen Zuckererzeugung gehen an die Zucker verarbeitende Industrie, das Handwerk und die chemische Industrie. Knapp 12 Prozent werden als Haushaltszucker über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft.

Deutsche Brauereien relativ kleinstrukturiert

In 1.539 Braustätten in Deutschland mit ihren 27.600 Beschäftigten wurden 2018 rund 5.000 Biersorten gebraut. Der Bierausstoß lag bei 93,7 Millionen Hektolitern, der Umsatz bei 8,3 Milliarden Euro. Knapp 17 Prozent der deutschen Bierproduktion werden exportiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch bei Bier ist in den letzten Jahren zurückgegangen und lag 2018 bei 102 Litern pro Person. Weltweit stehen deutsche Brauereien beim Bierausstoß an vierter Stelle hinter China, den USA und Brasilien. Ein regionaler Schwerpunkt der Biererzeugung liegt in Bayern, wo sich fast jede zweite deutsche Braustätte befindet. Unter den vierzig größten Brauereien der Welt befinden sich acht deutsche Gruppen: Die Radeberger-Gruppe belegt als größtes deutsches Unternehmen Platz 21 mit 11,0 Millionen Hektolitern. Die acht größten deutschen Brauereien machen zusammen nur einen Weltmarktanteil von 2,7 Prozent aus. Weltmarktführer ist die in Belgien ansässige Brauereigruppe AB Inbev, die 29,8 Prozent der weltweiten Bierproduktion von alljährlich knapp 2.000 Millionen Hektolitern Bier herstellt, gefolgt von Heineken (NL) mit 12,3 Prozent und der China Resources Breweries mit 6,4 Prozent (2018).