1.1 Wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors
Situationsbericht 2021/2022

1.1 Wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors

Hohe wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft

Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht heute (2020) zwar nur 0,8 Prozent, am Produktionswert der deutschen Volkswirtschaft 1,0 Prozent und an den Erwerbstätigen rund 1,3 Prozent aus, doch ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wesentlich größer. Die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei erzielte 2020 einen Produktionswert von 59,8 Milliarden Euro. Das ist erheblich mehr als der Produktionswert des gesamten deutschen Textil-, Bekleidungs- und Schuhgewerbes mit 22,1 Milliarden Euro, des Papiergewerbes mit 39,5 Milliarden Euro oder der pharmazeutischen Industrie mit 53,9 Milliarden Euro.

Einkäufe der Landwirtschaft stützen die übrige Wirtschaft

Landwirte fragen viele Betriebsmittel, Investitionsgüter und Dienstleistungen nach. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Höfe nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung über Wartungsarbeiten bis hin zu Tiergesundheits- und Qualitätsüberwachung. Die produktionsbedingten Ausgaben der deutschen Landwirtschaft betrugen 2020 44,7 Milliarden Euro, wovon 9,7 Milliarden Euro auf Investitionen in Bauten und Maschinen entfallen. Zu den betriebsbedingten Ausgaben kommen u. a. die privaten Konsumausgaben der Land- und Forstwirte hinzu, die sich 2020 auf 7,5 Milliarden Euro beliefen.

Jeder 10. Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung

Das Agribusiness umfasst die gesamte Lebensmittelkette und damit alle Schritte von der Urproduktion bis zum Verbraucher: Die Landwirtschaft gewinnt mit Produktionsmitteln aus den vorgelagerten Wirtschaftsbereichen die pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, die vom Ernährungsgewerbe, also dem Handwerk und der Industrie, weiterverarbeitet werden. Hinzu kommen der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel sowie die Gastronomie.

Volkswirtschaftliche Eckdaten des Sektors Land-, Forstwirtschaft und Fischerei (2020)

• Produktionswert: 59,8 Milliarden Euro
(- 3,6 Prozent gegenüber 2019)

• Bruttowertschöpfung: 24,8 Milliarden Euro
(- 8,5 Prozent gegenüber 2019)

• Erwerbstätige: 580.000 Personen
(- 3,2 Prozent gegenüber 2019)

• Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen: 42.693 Euro
(- 5,5 Prozent gegenüber 2019)

Quelle: Statistisches Bundesamt

Das Agribusiness ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige

Das Agribusiness hatte in 2020 in rund 700.000 Betrieben insgesamt 4,4 Millionen Beschäftigte. Damit sind fast 10 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland direkt oder indirekt damit beschäftigt, Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen bzw. pflanzliche Rohstoffe für Nicht-Nahrungsmittelzwecke zu erzeugen. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze – vor allem in Landwirtschaft, Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel – ist im ländlichen Raum angesiedelt. Mit zahlreichen attraktiven Ausbildungsberufen und -plätzen stellt das Agribusiness jeden 8. Ausbildungsplatz in Deutschland. So starten jedes Jahr rund 160.000 junge Menschen im Agribusiness in ihr Berufsleben.

Schlüsselbranche Landwirtschaft

Der Erwerbstätigenanteil der Landwirtschaft am gesamten Agribusiness beträgt gut 12 Prozent. Das heißt: Einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz stehen sieben weitere Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen gegenüber. Das gesamte Agribusiness erbrachte 2020 einen Produktionswert von geschätzten 472 Milliarden Euro oder knapp 8 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktionswertes. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agribusiness gut 6 Prozent.

Landwirtschaftlicher Erwerbstätigenanteil bei 1,3 Prozent

In Deutschland übten 2020 580.000 Personen oder 1,3 Prozent aller Erwerbstätigen ihre überwiegende Erwerbstätigkeit in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei aus. Gut 38 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sind als eigenständige Unternehmer tätig. Ihr Anteil an den Selbständigen in Deutschland beläuft sich auf 5,5 Prozent. Gemessen am gesamten Arbeitsvolumen der deutschen Wirtschaft beträgt der Anteil der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei 1,6 Prozent.

Selbständige arbeiten länger

Ein Erwerbstätiger in Deutschland arbeitete im Jahr 2020 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt 1.324 Stunden. Überdurchschnittlich hoch fällt die Stundenzahl in der Land- und Forstwirtschaft mit 1.675 Stunden aus. Mit 2.246 Stunden liegen auch die Arbeitszeiten von Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft deutlich höher als bei den Selbständigen in der übrigen Wirtschaft mit 1.727 Stunden. Der Einsatz moderner Technik hat maßgebend dazu beitragen, dass körperliche Arbeit und Arbeitszeiten in der Landwirtschaft deutlich zurückgegangen sind. Der Umgang mit Natur, Umwelt und Tieren erfordert allerdings eine relativ hohe zeitliche Flexibilität.

Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft relativ stark gestiegen

Gemessen an der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen hat der Agrarsektor in Deutschland seine Produktivität in den letzten 20 Jahren stark gesteigert (+ 60 Prozent). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft stieg die Produktivität um 43 Prozent. In absoluten Zahlen bleibt jedoch ein Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen.

Moderne Landtechnik aus Deutschland stark gefragt

Die Landtechnik-Industrie ist ein wichtiger Vorlieferant der Landwirtschaft. In der Branche sind über 200 Unternehmen mit rund 39.000 Beschäftigten tätig. 2020 wurde in Deutschland Landtechnik im Wert von 6,15 Milliarden Euro verkauft. Ein Fokus der gegenwärtigen technologischen Entwicklung liegt auf der Vernetzung, Automatisierung und Autonomisierung von Arbeitsprozessen. Die Landtechnik-Industrie am Standort Deutschland erreichte 2020 mit einem Umsatz von 9,05 Milliarden Euro ein historisches Allzeithoch. Für 2021 wird mit einem Industrie-Umsatz auf noch höherem Niveau gerechnet. Das Exportgeschäft macht im Branchendurchschnitt rund 75 Prozent des Umsatzes aus.

Landtechnik-Handwerk und -Handel als Bindeglied

Die rund 5.600 in der Handwerksrolle eingetragenen Landmaschinen-Fachbetriebe machten mit ihren knapp 42.500 Mitarbeitern 2020 einen Umsatz von rund 10,9 Milliarden Euro. Das war gegenüber dem Vorjahr ein kräftiges Plus. Die Coronakrise hatte der Branche im Frühjahr 2020 zunächst einen Dämpfer gegeben, der aber im Laufe des Jahres mehr als überwunden werden konnte. Für 2021 rechnet der LandBauTechnik Bundesverband für das Landtechnik-Handwerk und den Landmaschinenhandel mit keinem weiteren Umsatzzuwachs. Dafür war die Nachfrage zu verhalten bzw. die Lieferfähigkeit der Industrie nicht sicher genug.

Lohnunternehmen und Maschinenringe senken die Technikkosten

Lohnunternehmen sind technische Dienstleister der Landwirte. 3.100 professionelle Lohnunternehmer mit gut 20.000 Vollzeitkräften und ebenso vielen saisonalen Teilzeitkräften erzielten 2020 einen Umsatz von etwa 3,7 Milliarden Euro, davon 2,4 Milliarden Euro im Einsatz für Land- und Forstwirte. Damit bleiben die Dienstleistungen für die Landwirtschaft von der Aussaat bis zur Ernte das Kerngeschäft der Lohnunternehmen. Für 2021 wird mit einem leicht steigenden Branchenumsatz gerechnet. Die von Landwirten gegründeten 239 Maschinenringe mit rund 186.000 landwirtschaftlichen Mitgliedsbetrieben erwirtschafteten 2020 mit ihren rund 10.000 Mitarbeitern und Betriebshelfern einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro. Mit dem Ziel, Maschinen besser auszulasten und zusätzliche Erwerbsquellen zu erschließen, haben sich die Maschinenringe in vielen Regionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Landwirtschaft und ländliche Räume sind untrennbar miteinander verbunden

Etwa 90 Prozent der Fläche Deutschlands zählen zu den ländlichen Räumen. Rund 57 Prozent der Einwohner Deutschlands leben in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land. Ländliche Räume sind Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Sie umfassen land- und forstwirtschaftliche Nutzräume ebenso wie Natur- und Erholungsräume.

Periphere ländliche Regionen vor großen Herausforderungen

Nach der Prognose des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBSR) bleibt die Bevölkerung bis zum Jahr 2040 mit einem Rückgang um ein Prozent auf 81,9 Millionen Personen relativ stabil, doch sind damit weiterhin deutliche regionale Veränderungen verbunden. Die Prognose geht von einer stark schrumpfenden Bevölkerung von bis zu 26 Prozent in peripher gelegenen Regionen aus, besonders in einigen ostdeutschen Regionen. Demgegenüber wird die Einwohnerzahl in den Ballungsräumen und ihrem Umland weiterhin steigen, teilweise um bis zu 10 Prozent. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Personen im erwerbsfähigem Alter gegenüber 2017 um 11 Prozent auf 44,3 Millionen im Jahr 2040. Besonders peripher gelegene Regionen stehen damit von großen Herausforderungen auf dem Arbeits- und Fachkräftemarkt. Ihnen fehlen vor allem die jungen Erwerbstätigen.

Regionen im Wettbewerb

Viele Gebiete stehen angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung vor allem junger Menschen vor der Aufgabe, eine sich selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und eine ausreichende Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Die Attraktivität ländlicher Räume als Arbeits-, Wohn- und Freizeiträume wird zunehmend von der Verfügbarkeit schnellen Internets und der regionalen Anbindung an überregionale Verkehrsinfrastrukturen geprägt. Das erleben auch landwirtschaftliche Betriebe, für die es besonders in Regionen mit rückläufigem Arbeitskräftepotential schwieriger wird, Berufsnachwuchs zu finden.

Umfrage zum Leben auf dem Land

Die große Mehrheit der Deutschen findet das Leben auf dem Land attraktiver als das Leben in der Stadt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar/Emnid aus 2020 hervor. Auf die Frage „Wo würden Sie am liebsten wohnen?“ sprachen sich 61 Prozent der mehr als 2.500 Befragten für das Leben in einem Dorf oder auf dem Land aus, nur 39 Prozent gaben an, lieber in der Stadt oder am Stadtrand leben zu wollen. Beim Landleben besonders geschätzt werden das Familienleben statt Single-Dasein, nachbarschaftliches Miteinander statt anonymes Nebeneinander, traditionelle Werte und eine hohe Lebensqualität in Verbindung mit Natur, Erholung und Freizeit. Das ehrenamtliche Engagement ist in ländlichen Räumen mit guter sozioökonomischer Lage besonders hoch.

Feld und Wald sind auch wertvoll für Freizeit und Tourismus

Auf der Skala der Erholungsaktivitäten rangieren die landschaftsbezogenen Freizeitaktivitäten vorn, wie Spazierengehen, Spielen im Freien, Wandern und Radfahren. Die Land- und Forstwirtschaft erhält und pflegt 28,9 Millionen Hektar Acker, Wiesen und Wald. Das sind mehr als 80 Prozent der Fläche. Deutschland ist damit als Kulturlandschaft geprägt.

Landtourismus erfreut sich großer Beliebtheit

9,35 Millionen Deutsche favorisierten in 2021 Urlaub auf dem Bauernhof/Land als bevorzugtes Reiseziel. Die Tendenz ist in  der Corona-Pandemie deutlich steigend. Das zeigen aktuelle Ergebnisse der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse. Als klare Hauptmotive für diese Urlaubsform werden die Ruhe des Landlebens, die Nähe zur Natur, die authentischen Einblicke in die Landwirtschaft und die persönliche Betreuung der Gastgeber angegeben. Bundesweit gibt es 160.000 entsprechende Bettenangebote. Unter den rund 10.300 von der Agrarstatistik erfassten landwirtschaftlichen Betrieben mit „Urlaub auf dem Bauernhof“ (knapp 4 Prozent aller Betriebe) befinden sich 2020 2.900 Ferienhöfe, die „Urlaub auf dem Bauernhof“ als rechtlich ausgelagerten Betrieb betreiben. Durch die Folgen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Lockdowns mussten die Anbieter von Urlaub auf dem Bauernhof in 2020 und 2021 erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen.

Hohe Erwartungen an die Landwirtschaft

Zahlreiche Befragungen zeigen unter dem Strich zwar eine hohe Wertschätzung der Landwirtschaft. Jedoch sind bei aller Wertschätzung aber auch die Erwartungen hoch. Nach einer repräsentativen Befragung von Kantar/Emnid im Auftrag der i.m.a aus Mai 2020 macht die Ansprüche der Bevölkerung an die Landwirtschaft deutlich: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln rangiert vor dem Einhalten von Tierwohlstandards und hat für die Menschen ebenso viel Bedeutung wie der Erhalt und die Pflege der Kulturlandschaften. Damit einher geht die Erwartung, dass sich die Landwirte für den Umwelt- und Klimaschutz engagieren und dabei zugleich fortschrittlich agieren, die Artenvielfalt fördern und zur Energieversorgung beitragen. Relativ wenig interessiert zeigen sich die Verbraucher in Deutschland dagegen an der Erzeugung günstiger Lebensmittel.

Besonders hoch sind die Erwartungen beim Tierwohl

Die hohen Erwartungen der Bevölkerung an die Landwirtschaft spiegeln sich besonders bei der Frage des Tierwohls und der artgerechten Tierhaltung wider. 91 Prozent der Bevölkerung erwarten von den Landwirten, dass die Tierwohlstandards eingehalten werden. Aber nur 39 Prozent sind der Meinung, dass diese Standards auch wirklich eingehalten werden. Auch bei Umwelt- und Klimaschutz sowie bei der Pflege und Erhaltung der Landschaft klaffen Wunsch und Wirklichkeit deutlich auseinander. In einem Punkt werden die Erwartungen der Bevölkerung an die Landwirtschaft allerdings übertroffen: Fast drei Viertel der Befragten erkennen an, dass die Landwirtschaft preiswerte Nahrungsmittel produziert. Erwartet hatten das gerade mal 46 Prozent der Bevölkerung.

Herausforderungen der Landwirtschaft aus Sicht der Verbraucher

Nach der repräsentativen Befragung von Kantar/Emnid im Auftrag der i.m.a aus dem Jahr 2020 bezeichnen 86 Prozent der Befragten den Klimawandel als künftig größte Herausforderung für die deutschen Landwirte. An zweiter Stelle folgt eine „unsichere Preis- und Einkommenssituation“ mit 80 Prozent. 77 Prozent sind die Schwierigkeiten bewusst, die mit der Suche nach einem Nachfolger für die Hofübergabe verbunden sind. Einer mangelnden Wertschätzung der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit sind sich bundesweit 69 Prozent der Befragten bewusst.