1.1 Wirtschaftliche Bedeutung
Situationsbericht 2020/21

1.1 Wirtschaftliche Bedeutung

Hohe wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft

Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung macht heute (2019) zwar nur 0,8 Prozent, am Produktionswert der deutschen Volkswirtschaft 1,0 Prozent und an den Erwerbstätigen rund 1,3 Prozent aus, doch ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wesentlich größer. Die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei erzielte 2019 einen Produktionswert von 60,4 Milliarden Euro. Das ist erheblich mehr als der Produktionswert des gesamten deutschen Textil-, Bekleidungs- und Schuhgewerbes mit 24,2 Milliarden Euro, des Papiergewerbes mit 41,0 Milliarden Euro oder der pharmazeutischen Industrie mit 56,9 Milliarden Euro.

Einkäufe der Landwirtschaft stützen die übrige Wirtschaft

Landwirte fragen viele Betriebsmittel, Investitionsgüter und Dienstleistungen nach. Es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe aus Handel, Handwerk und Gewerbe, die wirtschaftlich stark mit der Landwirtschaft verbunden sind. Viele Höfe nutzen darüber hinaus eine breite Palette von Dienstleistungen. Diese reichen von der Beratung über Wartungsarbeiten bis hin zu Tiergesundheits- und Qualitätsüberwachung. Die produktionsbedingten Ausgaben der deutschen Landwirtschaft betrugen 2019 45,6 Milliarden Euro, wovon 10,2 Milliarden Euro auf Investitionen in Bauten und Maschinen entfallen. Zu den betriebsbedingten Ausgaben kommen u.a. die privaten Konsumausgaben der Land- und Forstwirte hinzu, die sich 2019 auf 7,4 Milliarden Euro beliefen.

Volkswirtschaftliche Eckdaten des Sektors Land-, Forstwirtschaft und Fischerei (2019)

  • Produktionswert: 60,4 Milliarden Euro (+ 7,6 Prozent gegenüber 2018)
  • Bruttowertschöpfung: 24,9 Milliarden Euro (+ 11,6 Prozent gegenüber 2018)
  • Erwerbstätige: 599.000 Personen (- 1,5 Prozent gegenüber 2018)
  • Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen: 41.563 Euro (+ 13,3 Prozent gegenüber 2018)

Quelle: Statistisches Bundesamt
 

Jeder 10. Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung

Das Agribusiness umfasst die gesamte Lebensmittelkette und damit alle Schritte von der Urproduktion bis zum Verbraucher: Die Landwirtschaft gewinnt mit Produktionsmitteln aus den vorgelagerten Wirtschaftsbereichen die pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, die vom Ernährungsgewerbe, also dem Handwerk und der Industrie, weiterverarbeitet werden. Hinzu kommen der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel sowie die Gastronomie.

Das Agribusiness ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige

Das Agribusiness hatte in 2019 in rund 700.000 Betrieben insgesamt 4,7 Millionen Beschäftigte. Damit sind gut 10 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland direkt oder indirekt damit beschäftigt, Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen bzw. pflanzliche Rohstoffe für Nicht-Nahrungsmittelzwecke zu erzeugen. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze – vor allem in Landwirtschaft, Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel – ist im ländlichen Raum angesiedelt. Mit zahlreichen attraktiven Ausbildungsberufen und -plätzen stellt das Agribusiness jeden 8. Ausbildungsplatz in Deutschland. So starten jedes Jahr rund 160.000 junge Menschen im Agribusiness in ihr Berufsleben.

Schlüsselbranche Landwirtschaft

Der Erwerbstätigenanteil der Landwirtschaft am gesamten Agribusiness beträgt gut 12 Prozent. Das heißt: Einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz stehen sieben weitere Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen gegenüber. Das gesamte Agribusiness erbrachte 2019 einen Produktionswert von geschätzten 499 Milliarden Euro oder 8 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktionswertes. Gemessen an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beträgt der Anteil des Agribusiness knapp 7 Prozent.

Landwirtschaftlicher Erwerbstätigenanteil bei 1,3 Prozent

In Deutschland übten 2019 599.000 Personen oder 1,3 Prozent aller Erwerbstätigen ihre überwiegende Erwerbstätigkeit in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei aus. 40 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sind als eigenständige Unternehmer tätig. Ihr Anteil an den Selbständigen in Deutschland beläuft sich auf 5,8 Prozent. Gemessen am gesamten Arbeitsvolumen der deutschen Wirtschaft beträgt der Anteil der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei 1,6 Prozent.

Selbständige arbeiten länger

Ein Erwerbstätiger in Deutschland arbeitete im Jahr 2019 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt 1.383 Stunden. Überdurchschnittlich hoch fällt die Stundenzahl in der Land- und Forstwirtschaft mit 1.718 Stunden aus. Mit 2.290 Stunden liegen auch die Arbeitszeiten von Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft deutlich höher als bei den Selbständigen in der übrigen Wirtschaft mit 1.906 Stunden. Der Einsatz moderner Technik hat maßgebend dazu beitragen, dass körperliche Arbeit und Arbeitszeiten in der Landwirtschaft deutlich zurückgegangen sind. Der Umgang mit Natur, Umwelt und Tieren erfordert allerdings eine relativ hohe zeitliche Flexibilität.

Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft relativ stark gestiegen

Gemessen an der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen hat der Agrarsektor in Deutschland seine Produktivität in den letzten 20 Jahren stark gesteigert (+ 54 Prozent). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der deutschen Wirtschaft stieg die Produktivität um 43 Prozent. In absoluten Zahlen bleibt jedoch ein Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen.

Moderne Landtechnik aus Deutschland stark gefragt

Die Landtechnik-Industrie ist ein wichtiger Vorlieferant der Landwirtschaft. In der Branche sind über 200 Unternehmen mit rund 39.000 Beschäftigten tätig. 2019 wurde in Deutschland Landtechnik im Wert von 6,2 Milliarden Euro verkauft. Der Fokus der gegenwärtigen technologischen Entwicklung liegt auf der Vernetzung, Automatisierung und Autonomisierung von Arbeitsprozessen. Die Landtechnik-Industrie am Standort Deutschland erreichte 2019 einen Umsatz von 8,6 Milliarden Euro. Für 2020 wird mit einem Umsatz auf ähnlich hohem Niveau gerechnet. Das Exportgeschäft macht im Branchendurchschnitt rund 75 Prozent des Umsatzes aus.

Landtechnik-Handwerk und -Handel als Bindeglied

Die rund 5.600 in der Handwerksrolle eingetragenen Landmaschinen-Fachbetriebe machten mit ihren knapp 44.500 Mitarbeitern 2019 einen Umsatz von rund 9,2 Milliarden Euro. Das war gegenüber dem Vorjahr ein kleines Plus. Für 2020 rechnet der LandBauTechnik Bundesverband für das Landtechnik-Handwerk und den Landmaschinenhandel mit einem weiteren moderaten Umsatzzuwachs. Die Coronakrise hatte der Branche im Frühjahr 2020 zunächst einen Dämpfer gegeben, der aber im Laufe des Jahres mehr als überwunden werden konnte. 

Lohnunternehmen und Maschinenringe senken die Technikkosten

Lohnunternehmen sind landtechnische Dienstleister der Landwirte. 3.400 Lohnunternehmer mit 18.500 fest angestellten Mitarbeitern und gut 15.000 saisonalen Aushilfen erzielten 2019 einen Umsatz von etwa 3,5 Milliarden Euro, davon 2,3 Milliarden Euro im Einsatz für Land- und Forstwirte. Damit bleiben die Dienstleistungen für die Landwirtschaft von der Aussaat bis zur Ernte das Kerngeschäft der Lohnunternehmen. Für 2020 wird mit einem mehr oder minder stabilen Branchenumsatz gerechnet. Die strengeren Düngeregelungen stellen Landwirtschaft und Lohnunternehmen vor große Herausforderungen. Für eine fachgerechte Düngung können Lohnunternehmen praxisgerechte Lösungen für Ackerbau und Viehhaltung anbieten. Die von Landwirten gegründeten 237 Maschinenringe mit rund 190.000 landwirtschaftlichen Mitgliedsbetrieben erwirtschafteten 2019 mit ihren rund 7.500 Mitarbeitern und Betriebshelfern einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro. Mit dem Ziel, Maschinen besser auszulasten und zusätzliche Erwerbsquellen zu erschließen, haben sich die Maschinenringe in vielen Regionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Landwirtschaft und ländliche Räume sind untrennbar miteinander verbunden

Etwa 90 Prozent der Fläche Deutschlands zählen zu den ländlichen Räumen. Rund 57 Prozent der Einwohner Deutschlands leben in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land. Ländliche Räume sind Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Sie umfassen land- und forstwirtschaftliche Nutzräume ebenso wie Natur- und Erholungsräume. 

Umfrage: Auf dem Land werden Traditionen gelebt

Die große Mehrheit der Deutschen findet das Leben auf dem Land attraktiver als das Leben in der Stadt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap aus 2018 hervor. Auf die Frage „Bevorzugen Sie ein Leben in der Stadt oder auf dem Land?“ sprachen sich 62 Prozent der mehr als 1.000 Befragten für das Leben auf dem Land aus, nur 36 Prozent gaben an, lieber in der Stadt leben zu wollen. Der Anteil der Landbefürworter war in Dörfern und Kleinstädten mit 85 Prozent besonders hoch. Aber auch in Mittel- und Großstädten wollten immerhin 45 Prozent der Befragten doch lieber auf dem Land leben. Eine von ARD-DeutschlandTREND durchgeführte Umfrage kommt zu ähnlichen Ergebnissen. 38 Prozent der Befragten wünschten sich, unabhängig von ihrem persönlichen Wohnort, auf dem Dorf und entsprechend 40 Prozent in der Kleinstadt zu leben. Nur gut ein Fünftel der Deutschen zieht das Leben in der Großstadt vor. 
Beim Landleben besonders geschätzt werden das Familienleben statt Single-Dasein, nachbarschaftliches Miteinander statt anonymes Nebeneinander, traditionelle Werte und eine hohe Lebensqualität in Verbindung mit Natur, Erholung und Freizeit.
 

Regionen im Wettbewerb

Viele Gebiete stehen angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung vor allem junger Menschen vor der Aufgabe, eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und eine ausreichende Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Die Attraktivität ländlicher Räume als Arbeits-, Wohn- und Freizeiträume wird zunehmend von der Verfügbarkeit schnellen Internets und der regionalen Anbindung an überregionale Verkehrsinfrastrukturen geprägt. Das erleben auch landwirtschaftliche Betriebe, für die es besonders in Regionen mit rückläufigem Arbeitskräftepotential schwieriger wird, Berufsnachwuchs zu finden.

Feld und Wald sind auch wertvoll für Freizeit und Tourismus

Auf der Skala der Erholungsaktivitäten rangieren die landschaftsbezogenen Freizeitaktivitäten vorn, wie Spazierengehen, Spielen im Freien, Wandern und Radfahren. Die Land- und Forstwirtschaft erhält und pflegt 28,9 Millionen Hektar Acker, Wiesen und Wald. Das sind 81 Prozent der Fläche. Deutschland ist damit als Kulturlandschaft geprägt.

Landtourismus erfreut sich großer Beliebtheit

Knapp 10.000 landwirtschaftliche Betriebe bieten bundesweit Urlaub auf dem Bauernhof an. Diese Betriebe verfügen über 138.000 Beherbergungsangebote und generieren jährlich rund 15 bis 16 Millionen Übernachtungen. Hinzu kommen ca. 17.000 Schlafgelegenheiten im Campingbereich (600.000 Übernachtungen) und 3.000 Schlafmöglichkeiten in Heuherbergen (75.000 Übernachtungen). Gute Buchungszahlen im Sommer 2020 konnten die Corona bedingten hohen Umsatzverluste aus dem Frühjahr nicht ausgleichen. Die Corona-Krise bietet große Chancen für eine positive Entwicklung der Nachfrage nach Urlaub auf dem Bauernhof. Gäste suchen vor allem Ruhe und Abstand, Nähe zur Natur, regionale Produkte, authentische Einblicke in die Landwirtschaft und die persönliche Betreuung der Gastgeber. Etwa 4,5 Millionen Menschen machen jedes Jahr in Deutschland Urlaub auf dem Bauernhof und geben dafür knapp 900 Millionen Euro aus, Tendenz steigend.

Hohe Erwartungen an die Landwirtschaft

Zahlreiche Befragungen zeigen unter dem Strich zwar eine hohe Wertschätzung der Landwirtschaft. Jedoch sind bei aller Wertschätzung aber auch die Erwartungen hoch. Nach einer ARD-DeutschlandTREND-Befragung von Februar 2020 sieht fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) das Erzeugen gesunder und hochwertiger Lebensmittel als wichtigste Aufgabe der deutschen Landwirtschaft an. Drei von zehn Befragten finden, die Landwirte sollten vorrangig das Tierwohl gewährleisten (29 Prozent). Für 16 Prozent steht der Umwelt- und Klimaschutz im Vordergrund. Nur vier Prozent sind der Meinung, dass die Landwirtschaft preisgünstige Lebensmittel erzeugen sollte. 
Die Corona-Krise hat nicht nur das Essverhalten vieler Menschen beeinflusst, sondern auch die Sicht auf die deutsche Landwirtschaft. Dies ist ein Ergebnis einer repräsentativen forsa-Umfrage unter 1.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft von Mai 2020. Demnach gaben 39 Prozent der Befragten an, dass die Landwirtschaft für sie in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen hat. Für 59 Prozent allerdings hat sich durch die Corona-Krise nichts geändert.

Besonders hoch sind die Erwartungen beim Tierwohl

Die hohen Erwartungen der Bevölkerung an die Landwirtschaft spiegeln sich besonders bei der Frage des Tierwohls und der artgerechten Tierhaltung wider. Nach dem BMEL-Ernährungsreport 2020 legen 66 Prozent der Befragten auf eine artgerechte Tierhaltung großen Wert. Faire Löhne finden 64 Prozent sehr wichtig. Die Qualität der Produkte ist für 63 Prozent von großer Bedeutung.