1.2 Jahrhundertvergleich
Situationsbericht 2020/21

1.2 Jahrhundertvergleich

Vor hundert Jahren war Deutschland noch Agrarstaat

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lag der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen bei 38 Prozent. Mit zunehmender Industrialisierung und mit der Entwicklung des Dienstleistungssektors sank der landwirtschaftliche Erwerbstätigenanteil fast kontinuierlich. Dieser betrug Anfang der 50er Jahre 24 Prozent und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts etwa 2 Prozent. 2019 lag der landwirtschaftliche Erwerbstätigenanteil nur noch bei 1,3 Prozent.

In den letzten 120 Jahren wurden enorme Produktivitätssteigerungen erzielt

Immer mehr Menschen werden von einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ernährt. Der Hektarertrag für Weizen zum Beispiel lag vor 120 Jahren bei 18,5 Dezitonnen. Heute (Durchschnitt 2014 bis 2019) liegt der Hektarertrag mit 76,9 Dezitonnen mehr als viermal so hoch.

Ein Landwirt ernährt heute 134 Personen

Ein Landwirt erzeugte 1900 Nahrungsmittel in einem Umfang, um etwa 4 Personen ernähren zu können. 1950 ernährte ein Landwirt 10 und 2018 134 Personen (ohne Erzeugung aus Auslandsfuttermitteln). Trotz dieser starken Produktivitätssteigerung blieb Deutschland stets ein Nettoimportland an Agrar- und Ernährungsgütern. 1900 lag der Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln bei 87 Prozent. Am Anfang des 21. Jahrhunderts liegt der deutsche Selbstversorgungsgrad bei starken jährlichen Schwankungen weiter deutlich unter 100 Prozent. Angesichts der Arbeitsteilung in einer globalisierten Wirtschaft und der vom Verbraucher gewünschten Vielfalt war der Selbstversorgungsgrad bis vor der Corona-Krise allerdings kaum noch von gesellschaftspolitischer Relevanz.

Fortschritt als Ursache für enorme Produktivitätssteigerung

Die enorme Erzeugungssteigerung hat ihre Ursache in der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Produktionsweisen. Moderne Maschinen und Ställe, die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldüngern sowie Zuchtfortschritte bei Pflanzen und Tieren haben dazu geführt, dass die Landwirte heute wesentlich stabilere und höhere Erträge erzielen als früher.

Leistungen enorm gestiegen

Brot und Brötchen gehören zu den Grundnahrungsmitteln in Deutschland, etwa 79 Kilogramm werden pro Kopf und Jahr verzehrt. Damit ist Deutschland in der Europäischen Union Spitzenreiter. Dank der erheblichen Ertragssteigerungen durch Züchtung und Anbautechnik „wachsen“ heute auf einem Hektar Weizen mit rund 80 Doppelzentner Ertrag etwa 9.400 Weizenbrote à 1 Kilogramm. Das Mehl von 850 Gramm Weizen reicht zum Backen von einem Kilogramm Brot. In einem solchen Brot ist das Mehl von 17.000 Körnern verarbeitet worden. 16.000 Körner wachsen je Quadratmeter. Zur Ernte dieser Körnermenge hat der Landwirt im Herbst knapp 400 Körner ausgesät. Mehr als das 40-fache kann er somit im Sommer nach genügend Regen und Sonne und ackerbaulicher Pflege ernten.

Immer weniger Landwirte erzeugen immer mehr

1900 gab es im damaligen Reichsgebiet noch über 5,6 Millionen Betriebe mit gut 26 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und 20,7 Millionen Großvieheinheiten an Nutztieren. Das sind 0,79 Großvieheinheiten je Hektar. In dem heutigen Deutschland sind es 266.600 Betriebe (2019), die rund 16,7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche bearbeiten und pflegen und 12,6 Millionen Großvieheinheiten halten, was 0,76 Großvieheinheiten je Hektar entspricht. 1950 waren es in den Grenzen des heutigen Deutschlands entsprechend noch 15,2 Millionen Großvieheinheiten. Die aus den heute 12,6 Millionen Großvieheinheiten resultierende Gesamterzeugung liegt gegenüber dem weitaus flächengrößeren Deutschland in den Grenzen von 1900 um ein mehrfaches höher.

Nur noch jeder siebte Euro für Nahrungs- und Genussmittel

Im langfristigen Vergleich zeigt sich eine enorme Steigerung des Wohlstandes der Verbraucher. Anfang des 20. Jahrhunderts betrug der Anteil der Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel am gesamten Konsum noch über 50 Prozent; heute beträgt dieser Anteil nur 14,0 Prozent (ohne Genussmittel 10,8 Prozent). Qualität und Verarbeitung der Nahrungsmittel haben sich in dieser Zeit enorm verbessert.