1.4 Ernährungswirtschaft
Situationsbericht 2020/21

1.4 Ernährungswirtschaft

Ernährungsindustrie ist ein starker Zweig der deutschen Wirtschaft

Mehr als vier Fünftel der landwirtschaftlichen Erzeugung werden zu hochwertigen Lebensmitteln über das Lebensmittelhandwerk und die Ernährungsindustrie zu hochwertigen Lebensmitteln weiterverarbeitet. Die deutsche Ernährungsindustrie erreichte 2019 einen Gesamtumsatz von 185,3 Milliarden Euro – davon 123,1 Milliarden Euro im Inland und 62,2 Milliarden Euro im Ausland. Der Export ist für die Ernährungsindustrie ein wichtiges Standbein – jeder dritte Euro (33,6 Prozent) wird im Ausland verdient. Die Exporte stiegen gegenüber dem Vorjahr etwas stärker an (+ 4,5 Prozent) als das Inlandsgeschäft (+ 2,5 Prozent). 2019 waren in 6.123 Betrieben der Ernährungsindustrie rund 618.700 Menschen beschäftigt. Die stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägte Ernährungsindustrie ist nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau der drittgrößte Arbeitgeber in der deutschen Industrie und bietet vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Die deutsche Lebensmittelindustrie ist nach Frankreichs Ernährungsindustrie die umsatzstärkste in Europa. Mit insgesamt 170.000 verschiedenen Produkten gibt es kaum ein Produktsegment, das nicht in Deutschland hergestellt wird.

2020: Stabiles Inlandsgeschäft, schwächerer Export

Nach der relativ guten Entwicklung in 2019 blickte die deutsche Ernährungsindustrie bis zur Corona-Krise positiv in die Zukunft. Vor allem Rückgänge im Außer-Haus-Verzehr sowie die Corona bedingte weltweite Wirtschaftsrezession machten ein Umsatzwachstum schwieriger. Dennoch stiegen die Umsätze in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahr leicht an  (+ 1,5 Prozent). Dabei gingen die Exporte allerdings etwas zurück (- 0,4 Prozent). Der Export ist zwischen 2009 und 2019 um 59 Prozent gestiegen und trägt heute (2019) knapp 34 Prozent zum Gesamtumsatz bei. 2009 lag der Anteil noch bei knapp 27 Prozent. Sichere, qualitativ hochwertige Lebensmittel sind ein Markenzeichen im Export. 77 Prozent der deutschen Lebensmittelexporte werden im europäischen Binnenmarkt abgesetzt. Besonders gefragt sind deutsche Süß-, Backwaren, Fleisch- und Milchprodukte.

Ernährungsindustrie ist trotz Konzentrationsprozessen mittelständisch strukturiert

Angesichts der dominanten Marktposition des Lebensmittelhandels kann die Ernährungsindustrie gestiegene Kosten häufig nur schwer auf die Verkaufspreise überwälzen. Die Konzentration der Unternehmen der Ernährungsindustrie hat zwar weiter zugenommen, ist aber im Vergleich zum Lebensmitteleinzelhandel oder zu anderen Wirtschaftsbereichen weiterhin relativ gering. 90 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Ernährungsindustrie arbeiten in Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern. Durch die überwiegend ländlichen Produktionsstandorte sichert die Branche Stabilität und Beschäftigung in allen Regionen Deutschlands. Der Umsatzdurchschnitt je Betrieb liegt bei rund 30,3 Millionen Euro. Die 10 größten Unternehmen vereinigen nur etwa 15 Prozent des Branchenumsatzes auf sich.

Immer weniger Bäckereien und Fleischereien

Die Zahl der Bäckereien und Fleischereien geht weiter zurück. Ende 2019 wurden in der Betriebsstatistik des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) insgesamt 10.500 Bäckereien gezählt. Ende 2009 waren es in Deutschland noch 15.000 Betriebe, was einem Rückgang von 30 Prozent entspricht. Für das Fleischerhandwerk verzeichnet die Statistik für Ende 2019 12.600 Betriebe. Zehn Jahre zuvor lag die Zahl der Fleischerbetriebe noch bei 17.700 (- 29 Prozent). Gründe für diese Entwicklung sind komplexer werdende Rahmenbedingungen im Lebensmittelhandwerk und ein harter Wettbewerb, insbesondere um die Gunst des Einzelhandels.

Raiffeisen-Genossenschaften 2019 mit stabilen Umsätzen

Die Raiffeisen-Genossenschaften sind mit ihren 111.600 Beschäftigten Marktpartner von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel. Ihre Zahl ist über die Jahre deutlich rückläufig und vor allem dem Fusions- und Kooperationsbestreben der Unternehmen geschuldet. Die 1.984 Raiffeisen-Genossenschaften erzielten 2019 einen Umsatz von 64,9 Milliarden Euro. Das war etwas mehr als im Vorjahr (+ 2,2 Prozent). Die genossenschaftlich organisierte Milchwirtschaft verzeichnete 2019 einen Umsatz von 13,5 Milliarden Euro. Die Vieh- und Fleischgenossenschaften generierten 2019 Umsätze in Höhe von 7,2 Milliarden Euro. Umsatzstärkste Genossenschafts-Sparte ist mit 37,5 Milliarden Euro die Warenwirtschaft. 
Ausgehend von rund 266.600 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland und rund 423.000 Mitgliedschaften von Landwirten, Winzern und Gärtnern ist statistisch betrachtet jeder Betrieb an nahezu zwei Genossenschaften beteiligt.

Fleischbranche mit einem Umsatz von 46,3 Milliarden Euro

Der Umsatz der Fleischbranche mit ihren 128.200 Beschäftigten betrug in 2019 46,3 Milliarden Euro, davon 11,4 Milliarden Euro oder 24,6 Prozent im Auslandsgeschäft. Die Fleischbranche macht mit ihrem Umsatz ein Viertel (25,0 Prozent) des Gesamtumsatzes des deutschen Ernährungsgewerbes aus.

Drei Schlachtunternehmen beliefern 58 Prozent des Marktes

Die Konzentration in der Fleischbranche schreitet weiter fort. Die drei größten Schlachtunternehmen – Tönnies, Vion und Westfleisch – schlachteten 2019 58 Prozent der 55,2 Millionen in Deutschland geschlachteten Schweine. Das Ranking der Schweine-Schlachtunternehmen führt die Tönnies-Gruppe mit 16,7 Millionen Schweine-Schlachtungen an. An zweiter Stelle rangiert die Westfleisch mit 7,7 Millionen Tieren, dicht gefolgt vom niederländisch-deutschen Vion-Konzern mit 7,6 Millionen Schweinen. Bei den Rinderschlachtungen führt der Vion-Konzern die Rangliste vor der Tönnies-Gruppe und der Westfleisch.

Handelsketten mit Fleischwerken

Die Konzentration im Schlachtviehbereich kommt auch darin zum Ausdruck, dass viele Schlachtunternehmen durchgehende Verarbeitungsketten vom Lebendtier bis zum verpackten Frischfleisch oder zur Wurst aufgebaut haben. Bedeutende Akteure sind mittlerweile die Fleischwerke des Handels. Spitzenreiter ist Kaufland/Lidl mit einem Jahresumsatz von 849 Millionen Euro. Unter den 10 umsatzstärksten Fleischwerken des Handels mit einem Gesamtumsatz von 5,0 Milliarden Euro (2019) befinden sich sieben regionale Edeka-Fleischwerke (Edeka Südwest Fleisch, Bauerngut, Rasting, Südbayerische Fleischwaren, Fleischwerk Edeka-Nord, Hessengut und Franken-Gut). Auf sie entfällt ein Umsatz von 3,1 Milliarden Euro.

Molkereibranche weiter im Umbruch

Im Ranking der weltweit größten Milchverarbeiter führt der Nestlé-Konzern, gefolgt vom französischen Unternahmen Lactalis und Dairy Farmers of America. Unter den TOP 20-Molkereien der Welt befinden sich mit dem Deutschen Milchkontor (Platz 11) und Müller Milch (Platz 20) auch zwei deutsche Unternehmen. Experten gehen von einem weiteren Konzentrationsprozess der Milchverarbeitungsunternehmen aus.

Deutsche Milchwirtschaft wächst über den Export

Die deutsche Milchwirtschaft ist mit einem Umsatz von 28,4 Milliarden Euro (ohne Speiseeis) und rund 41.500 Beschäftigten (2019) die zweitgrößte Sparte der deutschen Ernährungsindustrie. 32 Prozent der von den Molkereien verarbeiteten Milch ist für den Export bestimmt. Rund zwei Drittel der in Deutschland erzeugten Milch wird von genossenschaftlichen Unternehmen verarbeitet. Die Zahl der Milch verarbeitenden Unternehmen in Deutschland hat im Zeitverlauf stark abgenommen. 2019 gab es noch 213 Milch verarbeitende Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten. Täglich werden von den deutschen Molkereien zusammen rund 87.000 Tonnen Milch zu hochwertigen Lebensmitteln verarbeitet.

Mühlenbranche mit rasantem Strukturwandel

Mit rund 6.000 Beschäftigten erwirtschaftete die Mühlenbranche im Wirtschaftsjahr 2019/20 einen Jahresumsatz von rund 2,75 Milliarden Euro. Die Mühlen vermahlen jährlich etwa ein Drittel der deutschen Weizen- und Roggenernte. Der Trend zu größeren Mühlen-Einheiten hält weiter an. 1950/51 gab es in Deutschland 18.935 Mühlen, heute sind es noch gut 550 Mühlen, davon 186 Mühlen mit einer jährlichen Vermahlungsleistung von mindestens 1.000 Tonnen. 40 große Mühlen mit einer Jahresvermahlung von 50.000 Tonnen und mehr haben einen Anteil an der Gesamtvermahlung von 80 Prozent. Mit rund 8,7 Millionen Tonnen Getreide (2019/20), davon 8,2 Millionen Tonnen Brotgetreide, beliefern die Mühlen Backgewerbe und Lebensmittelindustrie, Handel und Verbraucher. Etwa 11 Prozent der Mahlerzeugnisse werden exportiert. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Mühlen gehen 30 Prozent der Erzeugnisse an Handwerksbäcker, 55 Prozent an Betriebe der Backwaren- und Lebensmittelindustrie, 10 Prozent an Spezialverarbeiter wie Teig- und Nudelwarenhersteller und nur etwa 5 Prozent an den Endverbraucher. Mühlennachprodukte, wie Kleie oder Nachmehle, werden zu Futtermitteln verarbeitet. 

Deutsche Zuckerwirtschaft wird von vier Unternehmen bestimmt

Von 61 Unternehmen der Zuckerindustrie in den Jahren 1950/51 existieren heute noch vier mit insgesamt 20 Fabriken, rund 5.700 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,1 Milliarden Euro (2019). Die Südzucker AG in Mannheim, die Nordzucker AG in Braunschweig, die Pfeifer & Langen GmbH & Co.KG in Köln und die niederländische Cosun Beet Company GmbH & Co. KG mit der Zuckerfabrik in Anklam teilen sich den deutschen Markt. 25.800 Landwirte beliefern diese Unternehmen mit Zuckerrüben. 
Auch in Europa sind die drei verbliebenen deutschen Unternehmen führend und produzieren zusammen etwa die Hälfte des EU-Zuckers. Der größte Zuckerhersteller der Welt ist mit 19.200 Beschäftigten die Südzucker-Gruppe. Sie erreichte in der Kampagne 2019/20 eine Zuckerproduktion aus Rüben von 4,5 Millionen Tonnen. Vom Gesamtumsatz des Südzuckerkonzerns in Höhe von 6,7 Milliarden Euro (2019/20) entfallen 2,3 Milliarden Euro auf den Zuckerbereich. 
Gut 85 Prozent der deutschen Zuckererzeugung gehen an die Zucker verarbeitende Industrie, das Handwerk und die chemische Industrie. 15 Prozent werden als Haushaltszucker über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft.
 

Deutsche Brauereien relativ kleinstrukturiert

In 1.548 Braustätten in Deutschland mit ihren 28.100 Beschäftigten wurden 2019 rund 5.000 Biersorten gebraut. Der Bierausstoß lag bei 91,6 Millionen Hektolitern, der Umsatz bei gut 8,3 Milliarden Euro. Gut 17 Prozent der deutschen Bierproduktion werden exportiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch bei Bier ist in den letzten Jahren zurückgegangen und lag 2018 bei 100 Litern pro Person. Corona bedingt wird für 2020 sogar mit einem stärkerem Rückgang des Bierkonsums gerechnet. Nach den Ausstoßzahlen stehen deutsche Brauereien damit an fünfter Stelle hinter China, den USA, Brasilien und Mexiko. Ein regionaler Schwerpunkt der Biererzeugung liegt in Bayern, wo sich fast jede zweite deutsche Braustätte befindet. Unter den vierzig größten Brauereien der Welt befinden sich sieben deutsche Gruppen: Die Radeberger-Gruppe belegt als größtes deutsches Unternehmen Platz 23 mit 11,6 Millionen Hektolitern. Die sieben größten deutschen Brauereien machen zusammen nur einen Weltmarktanteil von 2,6 Prozent aus. Weltmarktführer ist die in Belgien ansässige Brauereigruppe AB InBev, die 29,3 Prozent der weltweiten Bierproduktion von 1.913 Millionen Hektolitern Bier herstellt, gefolgt von Heineken (NL) mit 12,6 Prozent und der China Resources Snow Breweries mit 6,0 Prozent (2019).