1.5 Lebensmittelhandel und Verbrauchertrends
Situationsbericht 2020/21

1.5 Lebensmittelhandel und Verbrauchertrends

Marktmacht des Lebensmittelhandels ist groß

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in Deutschland ist der größte Absatzkanal für die deutschen Lebensmittelhersteller. Er erzielte 2019 einen Umsatz einschließlich Non Food von 252,7 Milliarden Euro. Das sind gegenüber dem Vorjahr 2,0 Prozent mehr. Der darin enthaltene Food-Bereich stieg um 2,1 Prozent auf 210,0 Milliarden Euro. Die Unternehmenskonzentration ist hoch, die fünf größten Unternehmen – Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi und Metro – vereinen dabei knapp 76 Prozent Marktanteil auf sich. Ihnen gegenüber stehen über 6.100 überwiegend kleine und mittelständische Lebensmittelhersteller. Durch diese ungleich verteilten Verhandlungspositionen entstehen unter den Lebensmittelherstellern ein harter Qualitäts- und Preiswettbewerb und damit ein intensiver Wettbewerb um die Listenplätze der Handelsunternehmen.

Konzentration des Handels nimmt weiter zu

Die mit Abstand größte deutsche Handelskette ist die Edeka-Gruppe mit einem Umsatzanteil von 24,5 Prozent (2019). Danach folgen die Rewe-Gruppe mit 17,7 Prozent, die Schwarz-Gruppe (Lidl) mit 16,5 Prozent und die Aldi-Gruppe mit 11,7 Prozent. Die deutschen Konsumenten werden heute (2019) von 37.400 Filialen des Lebensmitteleinzelhandels täglich mit frischen Lebensmitteln und Getränken versorgt. Zehn Jahre zuvor (2009) waren es noch entsprechend 40.400 Geschäfte. Binnen 10 Jahren ist die Anzahl der Lebensmittelgeschäfte damit um gut 7 Prozent zurückgegangen. Für das Jahr 2020 erwarten die Lebensmittelhändler unter dem Strich ein Umsatzwachstum von 2 bis 3 Prozent. Corona bedingte enorme Umsatzsteigerungen im Lebensmitteleinzelhandel stehen starke Einbußen im Großverbraucherbereich gegenüber. 

Discounter und Vollsortimenter im Wettbewerb

Im internationalen Vergleich ist der Marktanteil der Discounter in Deutschland mit 44,9 Prozent weiterhin sehr hoch. Während Vollsortimenter wie Edeka und Rewe verstärkt auf flexible Angebote (Aktionsgeschäft), Service, Eigenmarken und offensive Marketingstrategien setzen, bieten Discounter wie Aldi und Lidl günstigere Preise und nehmen mehr Markenartikel und Frischeprodukte in die Regale. Um sich am Markt zu profilieren, werden zunehmend Produktprogramme eingeführt, bei denen Nachhaltigkeitsaspekte im Vordergrund stehen.

Convenience mit den meisten Produktinnovationen

Das Lebensmittelangebot in Deutschland umfasst mehr als 170.000 Produkte. Gut 40.000 neue Produkte erweitern jährlich das Angebot und lassen auch neue Marktsegmente entstehen. Nur gut 13.000 davon behaupten sich über zwei Jahre hinaus, der Rest weicht neuen Trends. Fertigprodukte, im Englischen Convenience Produkte genannt, liegen dabei auf Platz eins der wichtigsten Innovationstreiber. 83,5 Prozent der weltweiten Produktneuheiten in 2018 beanspruchen nach einer Trendstudie von BVE und Innova Market Insights dieses Qualitätsmerkmal für sich. Auf Platz 2 und 3 der Innovationstreiber folgen die Attribute „gesund“ (53,6 Prozent) und „nachhaltiger Konsum“ (44,9 Prozent). Dabei kombinieren Produktneuheiten heute in der Regel mehr als nur eines dieser Attribute.

Produktneuheiten setzen auch auf Gesundheit und Nachhaltigkeit

Fertigprodukte nehmen dem Verbraucher Küchenarbeit wie Schneiden, Würzen oder Erwärmen ab oder sind zum Teil sofort verzehrbar. Fertigprodukte unterscheiden sich nach der Art der Haltbarmachung (z.B. Gefrieren, Konservieren oder Verpacken) oder auch nach der Fertigungsstufe (z.B. küchenfertig, garfertig oder verzehrfertig). Heute kennt der Markt verschiedene Sortimente an Fertigprodukten, die verschiedene Haltbarmachungen und Fertigungsstufen miteinander kombinieren, angefangen bei den Tiefkühlprodukten, Konserven und Fixprodukten, über das rasch wachsende Segment an Kühlkost (engl. Chilled Food), bis hin zu den komplett vorbereiteten Mahlzeiten, die per Lieferdienst an die Haustür gebracht werden.

Wertewandel Richtung flexible Lebensstile

80 bis 90 Prozent aller in Deutschland konsumierten Lebensmittel sind Fertigprodukte. Während Versorgungssicherheit und lange Haltbarkeit die Ursprungsideen von Fertigprodukten waren, stehen heute die Arbeitsverringerung im Haushalt, schnelle und einfache Nahrungszubereitung sowie die Anpassung an einen flexiblen Lebensstil im Vordergrund. Soziodemografische Trends wie die steigende Anzahl an 1 Personen-Haushalten oder eine höhere Erwerbstätigenquote befördern diese Entwicklung. Hinzu kommt ein Wertewandel, der zu einer höheren Freizeitorientierung und einem Rückgang von festen Mahlzeitstrukturen führt. Auch mehr Flexibilität im Berufsleben sorgt für eine Abkehr von traditionellen Ernährungsmustern. 82 Prozent der Menschen in Deutschland sehen in Fertigprodukten eine große Erleichterung im Alltag. Gleichzeitig aber geben nach forsa-Befragungen 73 Prozent der Deutschen an, gerne zu kochen, und zwar quer durch alle Altersgruppen und unabhängig von Haushaltsgröße und Geschlecht. In der Corona-Krise geben 30 Prozent der Befragten an, häufiger Speisen selbst zubereiten. 28 Prozent nehmen häufiger als zuvor gemeinsam Mahlzeiten ein.

Wachsender Außer-Haus-Markt

Die Verbraucher haben heute einen beachtlichen Anteil ihrer Ernährung auf den Außer-Haus-Markt verlagert. Ernährung findet nicht mehr nur zu Hause, sondern mittlerweile überall statt. Gerade bei den Erwerbstätigen entfallen immer mehr Mahlzeiten auf den Konsum außer Haus. Gut jeder dritte Verbraucher frühstückt nicht mehr zu Hause und jeder zweite nimmt auch das Mittagessen nicht mehr zu Hause ein. Damit kommt Fertigprodukten eine wichtige Rolle als Alltagsbegleiter zu. Fertigprodukte, die sofort oder „on-the-go“ verzehrt werden können, erleben immer mehr Zuspruch. Snacks dienen dem Verbraucher immer mehr als schnelle Zwischenmahlzeit bei Zeitmangel oder kleinem Hunger.

Unterwegs Essen und Trinken

Der Außer-Haus-Markt ist in Deutschland nach dem Lebensmitteleinzelhandel der zweitwichtigste Absatzkanal. 2019 wurde beim Außer-Haus-Markt ein Umsatz von 82,8 Milliarden Euro erzielt (ohne Verpflegung im Gesundheitssektor). Gegenüber dem Vorjahr sind das 3,7 Prozent mehr. Dieser Markt umfasst im Wesentlichen vier Teilbereiche: Die klassische Bediengastronomie in Gaststätten, Restaurants und Hotels (32,3 Milliarden Euro), Imbisse und Schnellrestaurants (28,2 Milliarden Euro), die Erlebnisgastronomie (13,3 Milliarden Euro) sowie die Arbeits- und Ausbildungsplatzverpflegung (7,4 Milliarden Euro). Zu den positiven Treibern des Außer-Haus-Marktes zählten in 2019 das seit Jahren wachsende Frühstücksgeschäft, To-go-Produkte sowie steigende Bestellzahlen bei Lieferdiensten. In 2020 wird auf Grund der Auswirkungen der Corona-Pandemie insgesamt mit einem kräftigen Rückgang des Außer-Haus-Marktes gerechnet.

Weiter steigendes Gesundheitsbewusstsein

Nach Ergebnissen einer GfK-Befragung von knapp 20.000 Haushalten von November 2019 sind Ernährungstrends und -stile im Wandel. 39 Prozent der Haushalte achten darauf, ohne Fertiggerichte auszukommen. 38 Prozent wollen Nahrungsmittel ohne künstliche Zusatzstoffe verwenden, 36 Prozent legen Wert auf eine fettarme Ernährung. Erst an vierter Stelle bei den Nennungen steht ein eingeschränkter Fleischkonsum (29 Prozent). Nach Auffassung der GfK-Experten erklärt die dahinter stehende Auffassung, auf Fleisch nicht ganz verzichten wollen, den nachlassenden Trend zum Vegetarismus und Veganismus. Der Anteil von Vegetariern (5 Prozent) und Veganern (1 Prozent) ist nach dem BMEL-Ernährungsreport von Anfang 2020 im Jahresvergleich unverändert geblieben. 55 Prozent der Deutschen sind danach Flexitarier, also Fleischesser, die gelegentlich bewusst auf Fleisch verzichten.

Veggie-Trend in der Diskussion

Der Umsatz mit vegetarischen und veganen Lebensmitteln betrug 2019 1,2 Milliarden Euro. Die Mengen vegetarischer und veganer Fleischersatzprodukte in Deutschland werden für das 1. Quartal 2020 auf 20.000 Tonnen geschätzt (1. Quartal 2019 14.700 Tonnen). Das entspricht einem Produktionswert von 85 Millionen Euro. Im gesamten Jahr 2019 erzielte die Produktion von Fleischersatzprodukten einen Wert von 273 Millionen Euro. Diese Summe ist im Vergleich zur Fleischproduktion relativ gering. Der Produktionswert von Fleisch einschließlich Geflügelfleisch sowie verarbeitetem Fleisch lag 2019 zusammengerechnet bei 40,1 Milliarden Euro. 

Neuere umfassende wissenschaftliche Studien zweifeln vermeintliche Gesundheitsnachteile des Fleischverzehrs an. Sie belegen zudem, dass die Methan bedingten Klimaauswirkungen aus der Erzeugung von rotem Fleisch wie Rindfleisch erheblich überschätzt werden. Denn Methan wird in der Atmosphäre abgebaut zu CO2. Das CO2 wird dann zum Beispiel in den Futterpflanzen umgewandelt in Sauerstoff (Photosynthese). Somit wandert dieser Kohlenstoff zurück in den natürlichen Kreislauf. 
 

Ansprüche an Lebensmittel werden immer vielfältiger

Proteinreiche, vegetarische, vegane, amerikanische oder mit Superfoods angereicherte Lebensmittel (Funktional Food) sind die Trendprodukte der letzten Jahre. Aber auch Produkte mit besonderen Merkmalen wie regional, nachhaltig, Fair Trade und Bio sind am Markt ständig verfügbar. Auf alle ernährungsphysiologischen Eigenschaften von glutenfrei, laktosefrei, kalorienarm bis eiweiß- oder ballaststoffreich wird Rücksicht genommen. Die Produktauswahl wächst. Zu jedem Produkt bzw. Fertigprodukt gibt es eine vermehrte Zahl von Alternativen. Gleichzeitig können sich die Konsumenten auf Grund von Digitalisierungsfortschritten einfacher im Markt orientieren, schneller bezahlen oder personalisierter einkaufen.

Nutri-Score – neues Kennzeichnungssystem

Das im November 2020 auf freiwilliger Basis eingeführte Nährwertkennzeichen Nutri-Score soll auf einen Blick die Nährwerteigenschaften eines Lebensmittels erfassen und damit verschiedene Produkte innerhalb einer Produktgruppe miteinander hinsichtlich ihres Nährwerts vergleichbar machen. Die fünfstufige Farb-Buchstabenkombination des Nutri-Score reicht von einem grünen A bis zu einem roten E und zeigt den Nährwert eines Lebensmittels an. Zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung kann Nutri-Score allerdings nur bedingt beitragen, da diese in der Regel aus einer Kombination verschiedener Nahrungsmittel besteht.

Gentechnikfrei

Mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel versehene Produkte werden immer häufiger vermarktet. Mittlerweile tragen mehr als 14.500 Lebensmittel in Deutschland diese Kennzeichnung. Tierische Erzeugnisse wie Eier, Fleisch- oder Milchprodukte dürfen das Siegel nur tragen, wenn die hierfür gehaltenen Tiere nicht mit gentechnisch veränderten Futtermitteln ernährt wurden. Produkte mit „Ohne Gentechnik“-Siegel haben 2019 einen Gesamt-Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro erzielt. Für 2020 wird von Experten des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik ein Umsatz von 9,2 Milliarden Euro erwartet, davon entfallen gut zwei Drittel auf Milch und Milcherzeugnisse.

Verbraucher wollen frische Produkte

„Viel Natur und möglichst frisch“, über alle Generationen hinweg machen diese Charakteristika Lebensmittel für den Verbraucher authentisch. In den letzten Jahren ist die Frische-Orientierung der deutschen Haushalte stark gestiegen. Fast jeder zweite Verbraucher bevorzugt Lebensmittel aus dem Frischesortiment statt Konserven.

Geschmack und Gesundheit haben beim Essen den höchsten Stellenwert

Der Geschmack ist und bleibt das wichtigste Qualitätsmerkmal eines Lebensmittels aus Sicht der Verbraucher. Nach dem BMEL-Ernährungsreport 2020 legen 98 Prozent der gut 1.000 vom Forsa-Institut repräsentativ befragten Bundesbürger beim Essen Wert auf den Geschmack. Gleichzeitig ist 90 Prozent der Befragten gesundes Essen wichtig. Neben Geschmack und Gesundheit kommt es bei 52 Prozent der Befragten beim Essen auf eine einfache und schnelle Zubereitung an. Es folgen die Kriterien kalorienarm (33 Prozent) und Preis (32 Prozent).

Lebensmittel aus der Region weiter im Aufwärtstrend

Immer mehr Verbraucher legen Wert darauf, dass ihre Lebensmittel aus ihrer Region stammen. Nach dem BMEL-Ernährungsreport von Anfang 2020 ist dies für 83 Prozent der Befragten wichtig. Damit ist der Anteil seit 2016 (73 Prozent) weiter deutlich gestiegen. Bundesweit gibt es nahezu unzählige Marken, Qualitätszeichen und Siegel, die Regionalität betonen. Allerdings sind Bezeichnungen wie „aus der Region“ und „heimisch“ nicht geschützt. Die Anbieter von regionalen Erzeugnissen können selbst bestimmen, wie groß ihre Region ist. Auch wird der Begriff „regional“ in der Bevölkerung unterschiedlich interpretiert. Dies reicht von einem Umkreis von 10 bis 50 km, über das Bundesland bis hin zu Deutschland. Mit regionalen Lebensmitteln verbinden Verbraucher Geschmack, Qualität und Frische, aber auch Heimat, einen engeren Bezug zum Lebensmittel, kurze Transportwege, Schließung von Nährstoffkreisläufen und Unterstützung der regionalen Wirtschaft. Mit der Corona-Krise haben sich die Ess- und Einkaufsgewohnheiten besonders im Hinblick auf die Bedeutung und Wertschätzung von regionalen Lebensmitteln geändert. Das Interesse an der Herkunft der Lebensmittel ist weiter deutlich gestiegen.

Regionale Lebensmittel stehen vor allem für Frische

Regionale Ware wird im Vergleich zu anderen Lebensmitteln als frischer (77 Prozent) wahrgenommen. Bei Bio-Ware haben nur 29 Prozent der Verbraucher in Deutschland diesen Eindruck. Die meisten regionalen Produkte werden im Lebensmitteleinzelhandel gekauft.

Trend zu digitalem Shopping auch bei Lebensmitteln

Der Trend zur Online-Bestellung von Nahrungsmitteln setzt sich fort. Mit rund 1,6 Milliarden Euro Umsatz oder 0,8 Prozent am gesamten Lebensmittelhandel (2019) ist das noch ein relativ kleiner Markt, allerdings mit hohen Zuwachsraten von jährlich rund 20 Prozent in den letzten fünf Jahren. Überwiegend werden Süßwaren, Fertiggerichte, Konserven und spezielle Lebensmittel im Web gekauft. Fleisch- und Wurstwaren, Milchprodukte sowie Obst und Gemüse rangieren hingegen unten auf der Online-Einkaufsliste. Auch werden Lebensmittel aus der landwirtschaftlichen Direktvermarktung über das Internet vermarktet. Am gesamten Online-Handel (2019: 72,6 Mrd. Euro) macht der Handel mit Lebensmitteln 2,2 Prozent aus. Die Corona-Krise hat den Online-Handel mit Lebensmitteln beflügelt. Nach einer repräsentativen Befragung des Digitalverbandes Bitkom gaben im Mai 2020 30 Prozent der deutschen Verbraucher an, ihre Lebensmittel häufig bzw. hin und wieder im Internet zu bestellen. Vor der Corona-Krise waren es noch entsprechend 16 Prozent. 

Regionalfenster

Das vom BMEL 2014 eingeführte „Regionalfenster“ soll eine zuverlässige und transparente Kennzeichnung beim Einkauf von regionalen Lebensmitteln schaffen. Rund 4.930 Lebensmittel, Blumen und Zierpflanzen deutschlandweit tragen das Deklarationsfeld „Regionalfenster“ (Stand Juli 2020). Als Lizenznehmer sind 870 Anbieter registriert. Am häufigsten gekennzeichnet sind Gemüse und Kräuter, Obst, Fleisch und Wurst. Obwohl nach Befragungsergebnissen 83 Prozent der Deutschen Wert auf regionale Lebensmittel legen, kennt bislang nur jeder Dritte das „Regionalfenster“. Regionalfenster: Die Definition der Region muss klar und transparent sein, z. B. durch die Angabe von administrativen Grenzen (Benennung eines Landkreises, eines Bundeslandes etc.) oder durch die Angabe eines Radius bzw. Umkreises in Kilometern (z. B. „aus dem Radius 100 km um XY“ oder „aus dem Umkreis 50 km um XY“). Die Region muss kleiner als Deutschland sein, sie kann jedoch bei Naturräumen Staats- oder Ländergrenzen überschreiten. Mindestens ein Teil der definierten Region muss in Deutschland liegen. Der Hersteller kann die Regionsangabe frei wählen, sie muss jedoch für den Verbraucher eindeutig nachvollziehbar sein.

Hofladen auf einem Quadratmeter

Unter Beachtung der Lebensmittelhygiene und anderer Vorschriften haben in Deutschland bislang etwa 850 Landwirte in Automaten investiert, um vor allem Milch und Milchprodukte, aber auch andere hofeigene oder regionale Produkte direkt dem Verbraucher anzubieten. 10 Prozent der Betriebe mit Milchausgabeautomat wirtschaften als Öko-Betrieb. Die Automaten stehen oft auf den Höfen, daher sehen die Käufer, wo ihre Lebensmittel erzeugt werden. Die Produkte kosten zwar mehr als bei den Discounterketten, aber das Erleben und Wahrnehmen des landwirtschaftlichen Umfelds ist gratis. Für Landwirte ist der Automat in vielen Fällen der Einstieg in eine umfassendere Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte. Der durchschnittliche Absatz pro Jahr und Automat lag 2019 bei rund 13.000 Litern Milch, bei großen Unterschieden zwischen den Automaten-Betrieben. Durch das Corona-Geschehen ist der Absatz in 2020 stark angestiegen.

Wachsende Bedeutung der Direktvermarktung

Die Direktvermarktung von Lebensmitteln steht wie kein anderer Vertriebsweg für den Verkauf von regionalen Produkten. Zielgruppe sind Verbraucher, die wissen möchten, woher ihre Lebensmittel kommen und dazu den direkten Kontakt zum Erzeuger suchen. Regionale Lebensmittel werden häufig mit hoher Qualität, Frische und mit etwas höheren Preisen in Verbindung gebracht. Die landwirtschaftliche Direktvermarktung hat sich mit rund 2,6 Milliarden Euro Jahresumsatz in den letzten Jahren in etwa behauptet. Der Verkauf über das Internet bietet weitere Absatzpotentiale, während die Vermarktung auf den mittlerweile nur noch 3.300 Wochenmärkten rückläufig ist. Auch in der Gastronomie hält der Trend nach mehr regionalen Angeboten an. Allerdings hat das Corona-Jahr 2020 diese Trends zum Teil befördert oder auch durchbrochen.

Einheitliche „Haltungsform“-Kennzeichnung des Lebensmitteleinzelhandels

Hohe Erwartungen an die Landwirte haben die Verbraucher, wenn es um das Thema Tierwohl geht. Nach dem BMEL-Ernährungsreport von Anfang 2020 legen 66 Prozent der Deutschen besonderen Wert auf artgerechte Tierhaltung. Um das Haltungssystem der Tiere bei Kauf von Fleischwaren schnell zu erkennen, haben die größten Lebensmittelhändler in Deutschland seit dem 1. April 2019 eine einheitliche „Haltungsform“-Kennzeichnung eingeführt. Die Lebensmittelkennzeichnung auf Fleischprodukten ist bei fast allen Händlern zu finden – ob im Supermarkt oder beim Discounter. Die einheitliche „Haltungsform“-Kennzeichnung unterscheidet vier Stufen, siehe Kasten.

Die vier Stufen der einheitlichen „Haltungsform“- Kennzeichnung

Stufe 4: Premium
Mit dem grünen Label der Stufe 4 wird z. B. Biofleisch gekennzeichnet, das die Anforderungen an die europäische Öko-Verordnung und ihre Richtlinien erfüllt. Aber auch Fleisch aus anderen Programmen kann so gekennzeichnet werden, wenn die entsprechenden Mindestanforderungen eingehalten werden.
Stufe 3: Außenklima
Mit dem orangefarbenen Label der Stufe 3 wird Fleisch gekennzeichnet, das von Tieren stammt, die u.a. mehr Platz im Stall und Außenklimakontakt haben.
Stufe 2: Stallhaltung Plus 
Mit dem blauen Label der Stufe 2 wird Fleisch gekennzeichnet, das aus einer Haltung stammt, die über die gesetzlichen Standards hinausgeht – darunter fällt auch das Fleisch aus Betrieben der Initiative Tierwohl. Das bedeutet u.a., Tiere haben mindestens zehn Prozent mehr Platz im Stall als gesetzlich vorgeschrieben und es steht ihnen zusätzliches Beschäftigungsmaterial zur Verfügung.
Stufe 1: Stallhaltung
Fleisch von Tieren, das mit dem roten Label der Stufe 1 gekennzeichnet ist, kommt aus Tierhaltung, die dem gesetzlichen Standard entspricht und QS zertifiziert ist.

Initiative Tierwohl mit wachsender Marktdurchdringung

Die Initiative Tierwohl (ITW) ist ein Zusammenschluss der Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und des Lebensmitteleinzelhandels. Tierhalter, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen, müssen Tierwohlkriterien umsetzen, die über die gesetzlichen Standards hinausgehen. Mit Stand Herbst 2020 nehmen an der ITW 4.100 Schweine und 2.500 Geflügel haltende Betriebe teil. Damit werden 70 Prozent der in Deutschland erzeugten Hähnchen und Puten sowie 25 Prozent der erzeugten Mastschweine nach den Vorgaben der Initiative Tierwohl gehalten. An der ITW beteiligen sich des Weiteren 128 Schlachtbetriebe und 11 Unternehmensgruppen aus Handel und Gastronomie. Für die Umsetzung der Tierwohl fördernden Maßnahmen erhielt der Landwirt bislang ein bestimmtes vom Lebensmittelhandel finanziertes Tierwohlentgelt, mit dem der entstehende Mehraufwand kompensiert werden soll.

ITW entwickelt sich weiter

Am 1. Januar 2021 startet für die teilnehmenden Schweine- und Geflügelhalter die dritte Programmphase der Initiative Tierwohl. Während die Kriterien für die Geflügelhalter weitgehend bestehen bleiben, gibt es wichtige Änderungen für die Schweinehalter. Unter anderem muss Raufutter zusätzlich und separat zum eigentlichen Futter angeboten werden. Außerdem müssen Schweinehalter mindestens einmal pro Jahr an fachspezifischen Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen. Geflügel- und Schweinemäster erhalten in der neuen Programmphase einen von der Initiative definierten Tierwohl-Aufpreis. Das neue Finanzierungsmodell folgt dem marktwirtschaftlichen Prinzip, nämlich der Bezahlung für eine Leistung – in diesem Fall das Tierwohl-Plus im Stall.

Top oder Flop für geplantes staatliches Tierwohlsiegel?

Auf freiwilliger Basis soll ein staatliches Tierwohllabel in den Handel kommen, das sich von den Tiersiegeln des Lebensmitteleinzelhandels u.a. darin unterscheidet, dass die erste gekennzeichnete Stufe schon deutlich über den gesetzlichen Mindeststandards liegt. Auch soll es nicht nur die Haltung, sondern das ganze Leben eines Tieres einschließlich Aufzucht, Transport und Schlachtung betrachten. Experten sind sich darin einig, dass sich der Erfolg eines solchen Siegels im Wettbewerb mit den bereits bestehenden Siegeln entscheidet.