1.5 Lebensmittelhandel und Verbrauchertrends
Situationsbericht 2021/2022

1.5 Lebensmittelhandel und Verbrauchertrends

Marktmacht des Lebensmittelhandels ist groß

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in Deutschland ist der größte Absatzkanal für die deutschen Lebensmittelhersteller. Er erzielte 2020 einen Umsatz einschließlich Non Food von 267,1 Milliarden Euro. Durch die Corona-bedingten Mehrumsätze ist das gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 5,5 Prozent. Der darin enthaltene Food-Bereich stieg sogar um 5,9 Prozent auf 222,7 Milliarden Euro. Die Unternehmenskonzentration ist hoch, die fünf größten Unternehmen – Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi und Metro – vereinen knapp 79 Prozent Marktanteil auf sich. Ihnen gegenüber stehen über 6.100 überwiegend kleine und mittelständische Lebensmittelhersteller. Durch diese ungleich verteilten Verhandlungspositionen entstehen unter den Lebensmittelherstellern ein harter Qualitäts- und Preiswettbewerb und damit ein intensiver Wettbewerb um die Listenplätze der Handelsunternehmen.

Konzentration des Handels nimmt weiter zu

Die mit Abstand größte deutsche Handelskette ist die Edeka-Gruppe mit einem Umsatzanteil von 25,2 Prozent (2020). Danach folgen die Rewe-Gruppe mit 20,8 Prozent, die Schwarz-Gruppe (Lidl) mit 17,1 Prozent und die Aldi-Gruppe mit 11,4 Prozent. Die deutschen Konsumenten werden heute (2020) von 37.400 Filialen des Lebensmitteleinzelhandels täglich mit frischen Lebensmitteln und Getränken versorgt. Zehn Jahre zuvor (2010) waren es noch entsprechend 39.300 Geschäfte. Binnen 10 Jahren ist die Anzahl der Lebensmittelgeschäfte damit um 5 Prozent zurückgegangen. Für das Jahr 2021 erwarten die Lebensmittelhändler unter dem Strich ein Umsatzwachstum von knapp einem Prozent.

Discounter und Vollsortimenter im Wettbewerb

Im internationalen Vergleich ist der Marktanteil der Discounter in Deutschland mit 43,6 Prozent weiterhin sehr hoch. Während Vollsortimenter wie Edeka und Rewe verstärkt auf flexible Angebote (Aktionsgeschäft), Service, Eigenmarken und offensive Marketingstrategien setzen, bieten Discounter wie Aldi und Lidl günstigere Preise und nehmen mehr Markenartikel und Frischeprodukte in die Regale. Um sich am Markt zu profilieren, werden zunehmend Produktprogramme eingeführt, bei denen Nachhaltigkeitsaspekte im Vordergrund stehen.

Convenience mit den meisten Produktinnovationen

Das Lebensmittelangebot in Deutschland umfasst mehr als 170.000 Produkte. Gut 40.000 neue Produkte erweitern jährlich das Angebot und lassen auch neue Marktsegmente entstehen. Nur gut 13.000 davon behaupten sich über zwei Jahre hinaus, der Rest weicht neuen Trends. Fertigprodukte, im Englischen Convenience-Produkte genannt, liegen dabei auf Platz eins der wichtigsten Innovationstreiber. Auf Platz 2 und 3 der Innovationstreiber folgen nach einer aktuellen Trendstudie die Attribute „gesund“ und „nachhaltig“.

Corona-Pandemie sorgt für Trend beim Kochen

80 bis 90 Prozent aller in Deutschland konsumierten Lebensmittel sind Fertigprodukte. Während Versorgungssicherheit und lange Haltbarkeit die Ursprungsideen von Fertigprodukten waren, stehen heute die Arbeitsverringerung im Haushalt, schnelle und einfache Nahrungszubereitung sowie die Anpassung an einen flexiblen Lebensstil im Vordergrund. Soziodemografische Trends wie die steigende Anzahl an Ein-Personen-Haushalten oder eine höhere Erwerbstätigenquote befördern diese Entwicklung. Hinzu kommt ein Wertewandel, der zu einer höheren Freizeitorientierung und einem Rückgang von festen Mahlzeitstrukturen führt. Auch mehr Flexibilität im Berufsleben sorgt für eine Abkehr von traditionellen Ernährungsmustern. 82 Prozent der Menschen in Deutschland sehen in Fertigprodukten eine große Erleichterung im Alltag. Gleichzeitig aber geben nach einer forsa-Umfrage von Anfang 2021 77 Prozent der Deutschen an, gerne zu kochen. Rund die Hälfte der Befragten (52 Prozent) kocht nahezu jeden Tag – das sind 13 Prozentpunkte mehr als noch Anfang 2020. Der starke Anstieg gegenüber dem Vorjahr ist der Corona-Krise geschuldet. Ideen für neue Gerichte und Rezepte kommen dabei am häufigsten aus dem Internet (68 Prozent).

Umsatzeinbruch in der Gastronomie

Der Außer-Haus-Markt ist in Deutschland nach dem Lebensmitteleinzelhandel der zweitwichtigste Absatzkanal. Er litt in 2020 und auch 2021 erheblich unter den Lockdowns der Corona-Krise. 2020 wurden beim Außer-Haus-Markt „nur“ 53,6 Milliarden Euro umgesetzt (ohne Verpflegung im Gesundheitssektor). Gegenüber dem Vorjahr sind das gut 35 Prozent weniger. Dieser Markt umfasst im Wesentlichen vier Teilbereiche: Die klassische Bediengastronomie in Gaststätten, Restaurants und Hotels (gegenüber 2019 minus 44,9 Prozent), Imbisse und Schnellrestaurants (- 16,8 Prozent), die Erlebnisgastronomie (- 46,2 Prozent) sowie die Arbeits- und Ausbildungsplatzverpflegung (- 44,8 Prozent). In 2021 wird auf Grund der insgesamt weniger starken Corona-bedingten Absatzbeschränkungen wieder mit einem Anstieg des Außer-Haus-Marktes gerechnet, der aber das Minus des Vorjahres bei weitem nicht ausgleichen kann.

Immer mehr Menschen hierzulande probieren zudem Lieferdienste aus. 2021 gaben 67 Prozent der Befragten einer forsa-Umfrage im Rahmen des BMEL-Ernährungsreports 2021 an, sich mindestens einmal im Monat fertige Gerichte nach Hause liefern zu lassen. Anfang 2020 lag der entsprechende Anteil noch bei 58 Prozent.

Steigende Nachfrage nach vegetarischen und veganen Produkten

Mehr Menschen verzichten teilweise oder ganz auf Lebensmittel vom Tier. Die Anzahl der Menschen in Deutschland, die sich selbst als Vegetarier einordnen, lag im Jahr 2021 laut der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse unter 23.000 Bürgern im Alter von 14 Jahren an bei 7,5 Millionen. Damit waren es rund eine Million Personen mehr als noch ein Jahr zuvor. Der Anteil an Befragten, die sich vegetarisch ernähren, liegt damit bei gut 10 Prozent. Der Anteil der Veganerinnen und Veganer ist 2021 auf 2 Prozent gestiegen.

Tierwohlaspekte treten immer mehr in der Vordergrund

Gefragt nach Gründen für den Kauf der Alternativprodukte, ist nach Angaben des BMEL-Ernährungsreportes 2021 die Neugier entscheidend (71 Prozent). Für 59 Prozent, und damit deutlich mehr als 2020, sind Tierschutzgründe ausschlaggebend. Bei Fleisch und Wurstwaren wird nach einer groß angelegten Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus 2021 Qualität stark mit nicht unmittelbar wahrnehmbaren Aspekten wie Tierhaltung und Regionalität verknüpft. Daneben wird die Wertigkeit auch über die Sensorik vermittelt, in erster Linie über den Geschmack. Der Trend des auf diese Weise nachhaltiger werdenden Fleischkonsums kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Anzahl von Fleischprodukten mit Nachhaltigkeitskennzeichnung seit 2017 stark zugenommen hat.

Lust auf Gemüse und Obst gestiegen

76 Prozent der Anfang 2021 von forsa befragten Verbraucher essen Obst und Gemüse täglich. Ein Jahr zuvor waren es noch entsprechend 70 Prozent. Für 99 Prozent von ihnen gilt: Sie greifen zu Gemüse und Obst, weil es ihnen schmeckt. Zudem begründen es 96 Prozent auch mit gesundheitlichen Aspekten. Absolute Spitzenreiter auf den täglichen Speiseplänen sind daneben Milchprodukte wie Käse und Joghurt (64 Prozent). Alternativen zu tierischen Produkten wie Soja-Drinks, Tofu-Würstchen oder vegane Käse-Alternativen nehmen acht Prozent der Befragten nach eigenen Angaben mindestens einmal täglich zu sich. Besonders bei den 14- bis 29-Jährigen sind diese Produkte beliebter geworden. 17 Prozent essen diese mindestens einmal täglich.

Veggie-Trend

Laut GfK-Haushaltspanel gaben die privaten Haushalte 2020 rund 1,25 Milliarden Euro für vegetarische und vegane Alternativen zu Fleisch- und Milcherzeugnissen aus. Dabei ist die Margarine als „Mutter aller pflanzenbasierten Alternativen“ nicht berücksichtigt. Auch Ei-Alternativen sind nicht dabei. Im Jahr 2020 produzierten die Unternehmen hierzulande im Vergleich zum Vorjahr knapp 39 Prozent mehr Fleischersatzprodukte: Von knapp 60.400 Tonnen stieg die Produktion nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf gut 83.700 Tonnen. Der Wert dieser Produkte erhöhte sich binnen Jahresfrist von 273 auf 375 Millionen Euro (+37 Prozent). Trotz dieses Anstiegs fällt der Wert von pflanzlichen Fleischersatzprodukten im Vergleich zu Fleischprodukten verhältnismäßig gering aus. Der Wert von in Deutschland produziertem Fleisch und Fleischerzeugnissen betrug im Jahr 2020 rund 38,6 Milliarden Euro – und damit mehr als das Hundertfache des Wertes der Fleischersatzprodukte wie zum Beispiel vegetarischer Brotaufstrich, Tofu-Produkte, vegetarische oder vegane Lebensmittel, die dem äußeren Anschein nach Wurst ähneln. Bei Fleisch aus Zellkulturen („In-vitro-Fleisch“) übersteigen die Produktionskosten die Kosten traditioneller Produkte immer noch um ein Vielfaches.

Der Konsum von Hafer-Lebensmitteln ist ausgehend von einem relativ niedrigen Niveau stark gestiegen. Die Verarbeitungsmengen in den Hafermühlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren um 70 bis 80 Prozent erhöht. Produktinnovationen wie Porridge-Mischungen oder verschiedene Arten von Haferdrinks beflügeln das Wachstum. Die Hafer-Anbauflächen in Deutschland sind zwischen 2011 und 2021 um 34.000 Hektar auf 177.000 Hektar ausgedehnt worden.

Ansprüche an Lebensmittel steigen und werden immer vielfältiger

Proteinreiche, vegetarische, vegane, amerikanische oder mit Superfoods angereicherte Lebensmittel (Funktional Food) sind die Trendprodukte der letzten Jahre. Aber auch Produkte mit besonderen Merkmalen wie regional, nachhaltig, Fair Trade und Bio sind am Markt ständig verfügbar. Auf alle ernährungsphysiologischen Eigenschaften von glutenfrei, laktosefrei, kalorienarm bis eiweiß- oder ballaststoffreich wird Rücksicht genommen. Die Produktauswahl wächst. Zu jedem Produkt bzw. Fertigprodukt gibt es eine vermehrte Zahl von Alternativen. Gleichzeitig können sich die Konsumenten auf Grund von Digitalisierungsfortschritten einfacher im Markt orientieren, schneller bezahlen oder personalisierter einkaufen.

Geschmack und Gesundheit haben beim Essen den höchsten Stellenwert

Was beim Essen wichtig ist, prägt auch den Einkauf. Mit rund 96 Prozent der gut 1.000 von forsa Anfang 2021 repräsentativ befragten Bundesbürger legt eine große Mehrheit der Befragten Produkte in den Einkaufskorb, die ihnen schmecken. Für Menschen jeden Alters ist damit der Geschmack nach wie vor das bedeutsamste Kriterium bei der Essensauswahl. Sehr wichtig ist für die Befragten auch, dass die Lebensmittel aus ihrer Region kommen (82 Prozent) und dass das jeweilige Gemüse oder Obst gerade Saison hat (78 Prozent). 54 Prozent der Befragten achten zudem auf Inhaltsstoffe oder den Kaloriengehalt eines Produkts. Der Preis spielt für 48 Prozent eine Rolle beim Einkauf, das gilt vor allem für Jüngere von 14 bis zu 29 Jahren: Unter ihnen geben 60 Prozent an, sehr auf den Preis zu achten.

Siegel immer wichtiger

Das Vertrauen in Nahrungsmittel ist gestiegen: 83 Prozent der Befragten aus der forsa-Studie im BMEL-Ernährungsreport 2021 vertrauen voll und ganz oder eher der Sicherheit der Lebensmittel in Deutschland. Im Vorjahr waren es 74 Prozent. Viele Verbraucher interessiert aber auch, wie die Produkte hergestellt wurden. Immer mehr schauen beim Einkauf daher auf Siegel: 68 Prozent der Befragten achten auf das Regionalfenster, das über die regionale Herkunft eines Produkts informiert. Auf das Biosiegel achten 64 Prozent und damit mehr Befragte als noch ein Jahr zuvor (50 Prozent). Auf Tierwohllabel, welche Fleisch aus besonders tiergerechter Haltung kennzeichnen, achten 55 Prozent.

Nutri-Score – neues Kennzeichnungssystem

Das im November 2020 auf freiwilliger Basis eingeführte Nährwertkennzeichen Nutri-Score wurde bereits zwei Monate später im Januar 2021 von 44 Prozent der Verbraucher wahrgenommen. Es soll verschiedene Produkte innerhalb einer Produktgruppe miteinander hinsichtlich ihres Nährwerts vergleichbar machen. Die fünfstufige Farb-Buchstabenkombination des Nutri-Score reicht von einem grünen A bis zu einem roten E und zeigt den Nährwert eines Lebensmittels an. Zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung kann Nutri-Score allerdings nur bedingt beitragen, da diese in der Regel aus einer Kombination verschiedener Nahrungsmittel besteht. Am deutschen Nutri-Score-System nahmen Anfang Oktober 2021 233 Unternehmen mit 452 Marken teil.

Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL)

Die ZKL empfiehlt, „die derzeitige Inflation von Kennzeichnungssystemen unterschiedlicher und nicht durchschaubarer Güte“ abzubauen. An ihre Stelle müssten verbindliche staatliche, EU-weit harmonisierte Mindeststandards für Nachhaltigkeitskennzeichnungen treten. Sie nennt fünf Bereiche, für die auf europäischer Ebene verständliche und verbindliche Kennzeichnungen eingeführt werden sollten. Das sind die Tierwohlkennzeichnung, eine Kennzeichnung der Herkunft für die Primärzutaten in verarbeiteten Lebensmitteln, Mindeststandards für die Kennzeichnung von Regionalität, die Nährwertkennzeichnung in Form eines wissenschaftlich fundierten Nutri-Scores sowie perspektivistisch eine Nachhaltigkeitskennzeichnung, und zwar basierend auf wissenschaftlich festgelegten Kriterien.

Quelle: ZKL

„Green Claims“ als Kaufkriterium

Informationen über verwendete Inhaltsstoffe, Herkunft und Anbaubedingungen der Rohwaren und zunehmend auch über den ökologischen Fußabdruck entwickeln sich immer mehr zu einem Kaufkriterium. Bekannte und bereits am Markt etablierte Angaben wie „Frei von Zusatzstoffen“ und „Bio“ sind allerdings immer noch wichtige Kriterien, warum sich deutsche Verbraucher für ein bestimmtes Produkt entscheiden. Zusätzliche Angaben wie pflanzenbasierte Rezepturen, faire Arbeitsbedingungen und Tierwohl sowie eine nachhaltige Rohwarenbeschaffung und Produktion haben in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. In einer 2020 unter deutschen Verbrauchern durchgeführten Innova Market Insights-Umfrage bejahten drei von vier Teilnehmenden die folgende Aussage: „Für mich ist die Produktinformation sehr wichtig. Ich möchte wissen, was das Produkt enthält.“ Knapp die Hälfte (47 Prozent) gab darüber hinaus an, dass sie mehr über die Herstellung ihrer Lebensmittel und den Ursprung der Zutaten erfahren will. Lebensmittelhersteller reagieren darauf mit zusätzlichen Angaben und Labels auf den Verpackungen, QR- und Tracking-Codes mit weiterführenden Informationen und ausführlichen Berichten auf Webseiten.

Was sollte auf den Verpackungen stehen?

Verpackungen sollen aus Sicht der Verbraucher vor allem informativ sein. Rund 88 Prozent der von forsa Anfang 2021 befragten Bundesbürger erwarten, dass sie bei Produkten tierischen Ursprungs Angaben zu den Haltungsbedingungen finden. Frauen geben das etwas häufiger an als Männer (93 Prozent versus 83 Prozent). In der Rangliste der wichtigsten Angaben folgen gesetzlich vorgeschriebene Angaben zum Mindesthaltbarkeitsdatum (86 Prozent), zum Zutatenverzeichnis und zum Herkunftsland (je 85 jeweils Prozent). Ähnlich vielen Befragten sind Angaben zur umweltverträglichen Erzeugung und zu fairen Produktionsbedingungen wichtig (jeweils 84 Prozent). Vor allem Angaben zur umweltverträglichen Erzeugung haben an Bedeutung gewonnen. Binnen eines Jahres ist der Anteil derer um acht Prozentpunkte gestiegen, denen solche Angaben wichtig bis sehr wichtig sind.

Lebensmittel aus der Region weiter im Aufwärtstrend

Lebensmittel sollen aus der Region kommen – darauf legen 82 Prozent der Befragten beim Einkauf Wert. Damit ist der Anteil seit 2016 (73 Prozent) weiter deutlich gestiegen. Besonders den über 60-Jährigen (89 Prozent) und Frauen (88 Prozent) ist dies wichtig. Vergleichsweise weniger wichtig ist das Kriterium für die 14- bis 29-Jährigen (70 Prozent). Je nach Produkt gibt es aber Unterschiede: Vor allem bei frischem Gemüse und Obst sowie Eiern ist die regionale Herkunft wichtig – für je 86 Prozent der Befragten ist sie von Bedeutung. Bei Fleisch und Wurstwaren gilt das für drei Viertel der Befragten (78 Prozent). Deutlich weniger achten hingegen beim Kauf von haltbar gemachtem Gemüse und Obst (24 Prozent) oder bei Teigwaren (18 Prozent) auf die regionale Herkunft.

Was ist regional?

Bundesweit gibt es nahezu unzählige Marken, Qualitätszeichen und Siegel, die Regionalität betonen. Allerdings sind Bezeichnungen wie „aus der Region“ und „heimisch“ nicht geschützt. Die Anbieter von regionalen Erzeugnissen können selbst bestimmen, wie groß ihre Region ist. Auch wird der Begriff „regional“ in der Bevölkerung unterschiedlich interpretiert. Dies reicht von einem Umkreis von 10 bis 50 km, über das Bundesland bis hin zu Deutschland. Mit regionalen Lebensmitteln verbinden Verbraucher Geschmack, Qualität und Frische, aber auch Heimat, einen engeren Bezug zum Lebensmittel, kurze Transportwege, Schließung von Nährstoffkreisläufen und Unterstützung der regionalen Wirtschaft. Mit der Corona-Krise haben sich die Ess- und Einkaufsgewohnheiten besonders im Hinblick auf die Bedeutung und Wertschätzung von regionalen Lebensmitteln geändert. Das Interesse an der Herkunft der Lebensmittel ist weiter deutlich gestiegen.

Regionalfenster

Das vom BMEL 2014 eingeführte „Regionalfenster“ soll eine zuverlässige und transparente Kennzeichnung beim Einkauf von regionalen Lebensmitteln schaffen. Rund 5.200 Lebensmittel, Blumen und Zierpflanzen deutschlandweit tragen das Deklarationsfeld „Regionalfenster“ (Stand Juli 2021). Als Lizenznehmer sind über 900 Anbieter registriert. Am häufigsten gekennzeichnet sind Gemüse und Kräuter, Obst, Fleisch und Wurst.

Regionalfenster: Die Definition der Region muss klar und transparent sein, z. B. durch die Angabe von administrativen Grenzen (Benennung eines Landkreises, eines Bundeslandes etc.) oder durch die Angabe eines Radius bzw. Umkreises in Kilometern (z. B. „aus dem Radius 100 km um XY“ oder „aus dem Umkreis 50 km um XY“). Die Region muss kleiner als Deutschland sein, sie kann jedoch bei Naturräumen Staats- oder Ländergrenzen überschreiten. Mindestens ein Teil der definierten Region muss in Deutschland liegen. Der Hersteller kann die Regionsangabe frei wählen, sie muss jedoch für den Verbraucher eindeutig nachvollziehbar sein.

Regionale Lebensmittel stehen vor allem für Frische

Regionale Ware wird im Vergleich zu anderen Lebensmitteln als frischer (77 Prozent) wahrgenommen. Bei Bio-Ware haben nur 29 Prozent der Verbraucher in Deutschland diesen Eindruck. Die meisten regionalen Produkte werden im Lebensmitteleinzelhandel gekauft.

Gentechnikfrei

Mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel versehene Produkte werden immer häufiger vermarktet. Mittlerweile tragen mehr als 15.500 Lebensmittel in Deutschland diese Kennzeichnung. Tierische Erzeugnisse wie Eier, Fleisch- oder Milchprodukte dürfen das Siegel nur tragen, wenn die hierfür gehaltenen Tiere nicht mit gentechnisch veränderten Futtermitteln ernährt wurden. Produkte mit „Ohne Gentechnik“-Siegel haben 2020 einen Gesamt-Jahresumsatz von 12,6 Milliarden Euro erzielt. Für 2021 wird von Experten des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik ein Umsatz von 13,1 Milliarden Euro erwartet, davon entfallen 71 Prozent auf Milch und Milcherzeugnisse.

Trend zu digitalem Shopping auch bei Lebensmitteln

Der Lebensmittelhandel im Internet hat in der Corona-Krise in Deutschland einen kräftigen Schub erhalten. Mit der Pandemie brachen viele Konsumenten mit ihren Gewohnheiten und kauften häufiger Lebensmittel online. Dennoch hält die E-Food-Branche in Deutschland immer noch einen eher geringen Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt. Im Jahr 2020 kam der Online-Handel mit Lebensmitteln auf einen Umsatz von knapp 1,8 Milliarden Euro und damit auf einen Marktanteil von rund zwei Prozent. Das waren 0,4 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Gemessen am gesamten E-Commerce-Umsatz von 83,2 Milliarden Euro sind das 2,2 Prozent. Überwiegend werden Süßwaren, Fertiggerichte, Konserven und spezielle Lebensmittel im Web gekauft. Fleisch- und Wurstwaren, Milchprodukte sowie Obst und Gemüse rangieren hingegen unten auf der Online-Einkaufsliste. Auch werden Lebensmittel aus der landwirtschaftlichen Direktvermarktung über das Internet vermarktet.

Wachsende Bedeutung der Direktvermarktung

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben dazu geführt, dass die privaten Haushalte 2020 deutlich mehr für frische Lebensmittel ausgaben als noch 2019 (+ 13 Prozent). Die Direktvermarktung verzeichnete dabei im Frische-Bereich neben dem Online-Handel die höchsten Zuwachsraten. Die Direktvermarktung von Lebensmitteln steht wie kein anderer Vertriebsweg für den Verkauf von regionalen Produkten. Zielgruppe sind Verbraucher, die wissen möchten, woher ihre Lebensmittel kommen und dazu den direkten Kontakt zum Erzeuger suchen. Regionale Lebensmittel werden häufig mit hoher Qualität, Frische und mit etwas höheren Preisen in Verbindung gebracht. Die landwirtschaftliche Direktvermarktung konnte 2020 auf rund 3,15 Milliarden Euro Jahresumsatz zulegen. Die Fördergemeinschaft „Einkaufen auf dem Bauernhof“ hat das Ziel, in der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ein markantes Profil zu vermitteln, mit dem sich Direktvermarkter von anderen Einkaufsstätten eindeutig unterscheiden.

Kennzeichnung des Lebensmitteleinzelhandels

Um das Haltungssystem der Tiere bei Kauf von Fleischwaren schnell zu erkennen, haben die großen Lebensmittelhändler in Deutschland seit dem 1. April 2019 eine einheitliche „Haltungsform“-Kennzeichnung eingeführt. Die Lebensmittelkennzeichnung auf Fleischprodukten ist bei fast allen Händlern zu finden – ob im Supermarkt oder beim Discounter. Die einheitliche „Haltungsform“-Kennzeichnung unterscheidet vier Stufen, siehe Kasten. Die Umsetzung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens läßt weiter auf sich warten.

Die vier Stufen der einheitlichen „Haltungsform“- Kennzeichnung

 

Stufe 4: Premium

Mit dem grünen Label der Stufe 4 wird z. B. Biofleisch gekennzeichnet, das die Anforderungen an die europäische Öko-Verordnung und ihre Richtlinien erfüllt. Aber auch Fleisch aus anderen Programmen kann so gekennzeichnet werden, wenn die entsprechenden Mindestanforderungen eingehalten werden.

Stufe 3: Außenklima

Mit dem orangefarbenen Label der Stufe 3 wird Fleisch gekennzeichnet, das von Tieren stammt, die u.a. mehr Platz im Stall und Außenklimakontakt haben.

Stufe 2: Stallhaltung Plus

Mit dem blauen Label der Stufe 2 wird Fleisch gekennzeichnet, das aus einer Haltung stammt, die über die gesetzlichen Standards hinausgeht – darunter fällt auch das Fleisch aus Betrieben der Initiative Tierwohl. Das bedeutet u.a., Tiere haben mindestens zehn Prozent mehr Platz im Stall als gesetzlich vorgeschrieben und es steht ihnen zusätzliches Beschäftigungsmaterial zur Verfügung.

Stufe 1: Stallhaltung

Fleisch von Tieren, das mit dem roten Label der Stufe 1 gekennzeichnet ist, kommt aus Tierhaltung, die dem gesetzlichen Standard entspricht und QS zertifiziert ist.

Initiative Tierwohl mit hoher Marktdurchdringung

Die Initiative Tierwohl (ITW) ist ein Zusammenschluss der Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und des Lebensmitteleinzelhandels. Tierhalter, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen, setzen Tierwohlkriterien um, die über die gesetzlichen Standards hinausgehen. Mit Stand Juni 2021 nehmen an der ITW 7.500 Schweine und 2.700 Geflügel haltende Betriebe teil. Damit werden 80 Prozent der in Deutschland erzeugten Hähnchen und Puten sowie 34 Prozent der erzeugten Mastschweine nach den Vorgaben der Initiative Tierwohl gehalten. An der ITW beteiligen sich des Weiteren 64 Schlachtbetriebe und 10 Unternehmensgruppen aus Handel und Gastronomie. Für die Umsetzung der Tierwohl fördernden Maßnahmen erhielt der Landwirt bislang ein bestimmtes vom Lebensmittelhandel finanziertes Tierwohlentgelt, mit dem der entstehende Mehraufwand kompensiert werden soll.

ITW entwickelt sich weiter

Seit Januar 2021 sind die teilnehmenden Schweine- und Geflügelhalter in die dritte Programmphase der Initiative Tierwohl getreten. Mit den erweiterten Anforderungen ist auch die Finanzierung der Tierwohlleistungen umgestellt worden. Das neue Finanzierungsmodell folgt dem marktwirtschaftlichen Prinzip, nämlich der Bezahlung für eine Leistung – in diesem Fall das Tierwohl-Plus im Stall. Schweinemäster zum Beispiel erhalten einen Preisaufschlag in Höhe von 5,28 Euro pro Mastschwein über ihren ITW-Schlachtbetrieb.