5.1 Konjunkturentwicklung
Situationsbericht 2021/2022

5.1 Konjunkturentwicklung

Krise allmählich überwunden?

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute gehen in ihrem Herbstgutachten für 2021 von einem Aufschwung aus, der deutlich kleiner ausfällt als noch im Frühjahr 2021 erwartet. Es wird mit einer Zunahme der Bruttosozialproduktes um 2,4 Prozent gerechnet. Beeinträchtigungen durch Pandemie und Lieferengpässe werden sich der Prognose zufolge nach und nach auflösen, sodass in 2022 mit einem Wirtschaftswachstum um 4,8 Prozent gerechnet werden kann. Die Wirtschaftsforschungsinstitute nennen drei große Herausforderungen, die den Wachstumstrend in den kommenden Jahrzehnten prägen werden: die Alterung der Bevölkerung, der Klimawandel sowie die Digitalisierung.

Agrarkonjunktur und gesamtwirtschaftliche Entwicklung hängen zusammen

Abgesehen von den Jahren 2015 und 2016 (Milchkrise) und der aktuellen Coronakrise zeigt sich ein weitgehender Gleichlauf der Trends in der Landwirtschaft und der Gesamtwirtschaft. Dies ergibt ein Vergleich des Konjunkturbarometer Agrar mit dem ifo Geschäftsklimaindex.

Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft rückläufig

Nach Schätzung der Wirtschaftsforschungsinstitute nimmt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland 2021 gegenüber dem Corona-Krisenjahr 2020 kaum zu. Ein deutlicher Anstieg um etwa 450.000 Personen wird allerdings für 2022 erwartet. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft dürfte auch in 2021 weiter abnehmen, und zwar schätzungsweise um etwa 20.000 auf 560.000, und folgt damit dem Trend der letzten Jahre.

Konjunkturbarometer Agrar – Repräsentative Befragung zur wirtschaftlichen Lage und Investitionsbereitschaft

Das Investitions- und Konjunkturbarometer Agrar untersucht, wie Landwirte ihre wirtschaftliche Situation und die Rahmenbedingungen einschätzen und welche Investitionen sie planen. Dazu führt das Marktforschungsinstitut Produkt + Markt im Auftrag des Deutschen Bauernverbandes, der Landwirtschaftlichen Rentenbank und des VDMA Fachverbandes Landtechnik viermal im Jahr eine repräsentative Befragung bei mindestens rund 850 Landwirten durch. In der Dezember-Erhebung gibt es entsprechend 1.500 Befragte.

Berechnung des Konjunkturbarometer-Index:

• In den Index des Konjunkturbarometer Agrar gehen die Antworten auf zwei Fragen an die landwirtschaftlichen Betriebsleiter ein.

− Wie ist die aktuelle wirtschaftliche Lage des Betriebes?

− Wie sind die Zukunftserwartungen für die nächsten 2 bis 3 Jahre?

• Zur Berechnung des Index wird jeweils der Saldo der prozentualen positiven und negativen Antworten auf die beiden oben genannten Fragen gebildet. Die beiden Salden der wirtschaftlichen Lage und der Zukunftserwartungen werden zu einem Indexwert zusammengefasst.

• Der Indexwert 0 entspricht dem langjährigen Mittel der Jahre 2000 bis 2006.

Quelle: Deutscher Bauernverband

Relativ starker Anstieg bei den Nahrungsmittelpreisen

Die Inflationsrate in Deutschland, gemessen am Verbraucherpreisindex, dürfte in 2021 auf Grund der Mehrwertsteuerabsenkung in der 2. Jahreshälfte 2020 (Basiseffekt), der Einführung der CO2-Bepreisung zu Jahresanfang 2021 sowie durch deutlich höhere Energie- und Rohstoffpreise auf gut 3 Prozent ansteigen. Die Preise für Nahrungsmittel steigen in 2021 mit geschätzten plus 3,0 Prozent in etwa so stark an wie die übrigen Lebenshaltungskosten.

Zurückhaltung bei den Investitionen

Während in der gewerblichen Wirtschaft Lieferengpässe eine Erholung der Investitionen verschieben, sind die Gründe für die Investitionszurückhaltung in der Landwirtschaft vor allem unklare politische und gesetzgeberische Rahmenbedingungen und fehlende Planungssicherheit. Das zeigt sich nach den Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar besonders in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.

Investitionstätigkeit der Landwirte bleibt verhalten

Laut Konjunkturbarometer Agrar vom September 2021 bleibt die Investitionstätigkeit der Landwirte eher verhalten. Nur 30 Prozent der Landwirte wollen in den sechs Folgemonaten investieren. Das für diesen Zeitraum geplante Investitionsvolumen liegt mit 5,3 Milliarden Euro um 0,3 Milliarden Euro über dem entsprechenden Vorjahresstand. Deutlichen Mehrinvestitionen in Technik steht ein verminderter Kapitaleinsatz bei Erneuerbaren Energien und in Wirtschaftsgebäude gegenüber.

Eine deutliche Mehrheit der Landwirte ist im September 2021 der Auffassung, dass momentan weniger in die Landwirtschaft hinein investiert wird als noch vor 2 bis 3 Jahren. Unter den TOP 2-Gründen für die geringere Investitionsbereitschaft werden vor allem „wenig Planungssicherheit“ (56 Prozent) und „hohe gesetzliche Auflagen“ (47 Prozent) angeführt. Erst an dritter und vierter Stelle folgen „schwierige Marktlage“ (40 Prozent) und „hohe Investitionskosten“ (29 Prozent). „Wenig Planungssicherheit“ wird besonders häufig von den Tier haltenden Landwirten sowie von den Landwirten mit größeren Betrieben im Norden und Osten Deutschlands genannt. „Hohe gesetzliche Auflagen“ beklagen vor allem die Veredlungsbetriebe.

Relativ schlechte Stimmungslage unter den deutschen Landwirten

Nach den Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar für den Monat September 2021 hat sich die Stimmungslage unter den deutschen Landwirten im Herbst 2021 gegenüber relativ stabilen Frühjahrs- und Sommerwerten wieder verschlechtert. Der Indexwert des Konjunkturbarometer Agrar fällt mit 10,6 im September gegenüber 14,7 aus der vorangegangenen Befragung von Juni deutlich schwächer aus. Sowohl die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage als auch die Erwartung an die zukünftige wirtschaftliche Lage haben sich gegenüber Sommer eingetrübt.  

Zukunftserwartungen schlechter als die aktuelle Lage

Auf der Notenskala von 1 bis 5 wird die aktuelle wirtschaftliche Situation im Durchschnitt der Betriebe im September 2021 mit 3,19 etwas günstiger beurteilt als die zukünftigen Aussichten mit einem Wert von 3,26. Die aktuelle wirtschaftliche Lage hat sich gegenüber Juni in den Veredlungsbetrieben drastisch verschlechtert. Ackerbaubetriebe schätzen ihre wirtschaftliche Lage auf Grund enttäuschter Ernteerwartungen ebenfalls schlechter ein als im Sommer. Die Bewertung der Futterbaubetriebe bleibt unverändert. Im Jahresvergleich werden zwar die Preise für Getreide, Rindfleisch und Milch spürbar besser bewertet. Wirtschaftlich belastend werden dagegen aber die Preise für Schweine und wichtige Betriebsmittel wie Dünge-, Futtermittel und Energie eingeschätzt.

Liquiditätslage insgesamt kaum verändert

Die betriebliche Liquidität hat sich im Durchschnitt der Betriebe gegenüber Sommer 2021 geringfügig verbessert. Im September 2021 gaben 15 Prozent der Betriebe an, dass ihre Liquiditätslage angespannt oder sehr angespannt ist. Besonders hoch ist dieser Anteil unter den Veredlungsbetrieben (30 Prozent).

Spuren der Corona-Krise in der Landwirtschaft

Die Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren weiterhin auch in der Landwirtschaft. Im September 2021 fühlen sich 7 Prozent der repräsentativ befragten Landwirte von der Corona-Krise in ihrem Wirken beeinträchtigt (September 2020 8 Prozent) und 13 Prozent wollen ihre geplanten Investitionen deswegen auf unbestimmte Zeit verschieben (September 2020 18 Prozent). Während 20 Prozent der Landwirte angeben, durch die Corona-Pandemie Umsatzverluste erlitten zu haben, gehen 12 Prozent davon aus, zu Corona bedingten neuen Absatzchancen gekommen zu sein. Nur noch 20 Prozent der Landwirte teilen die Einschätzung, dass mit der Corona-Situation die Landwirtschaft wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt. In der September-Erhebung 2020 waren es noch 25 Prozent. 35 Prozent der Landwirte (September 2020 44 Prozent) sind dagegen der Meinung, dass durch das Virus die Sorgen und Nöte der landwirtschaftlichen Betriebe aus dem Blick geraten.

Landwirte beklagen zunehmend eine unzureichende Internetversorgung

Nach Befragungsergebnissen im Rahmen des Konjunkturbarometer Agrar sind die Landwirte in Deutschland mit ihrer Internetversorgung zunehmend unzufrieden. 46 Prozent der im Juni 2021 befragten Landwirte sehen in einer unzureichenden Internetversorgung ein Haupthemmnis bei der weiteren Digitalisierung der Landwirtschaft. Zwei Jahre zuvor (Juni 2019) waren es nur 39 Prozent der befragten Landwirte. Mit Ausnahme von Landwirten in Schleswig-Holstein, dem Bundesland mit der derzeit höchsten Breitbandverfügbarkeit in Deutschland, wird die unzureichende Internetversorgung von den Landwirten in allen Bundesländern deutlich häufiger als Hindernisgrund genannt. Der voranschreitende Netzausbau kann offensichtlich nicht Schritt halten mit den gestiegenen Anforderungen der Landwirte und des ländlichen Raums.

Digitalisierungschancen überwiegen

Eine wachsende Mehrheit der Landwirte sieht in der Digitalisierung große Chancen. Nach den Befragungsergebnissen aus Juni 2021 sehen 70 Prozent der befragten Landwirte in der Digitalisierung eine Chance für den eigenen Betrieb. Im Juni 2019 waren es noch entsprechend 62 Prozent. Für nur 9 Prozent der Landwirte überwiegen die Risiken (Juni 2019 8 Prozent). Der Rest steht der Digitalisierung indifferent gegenüber.

Zu den TOP-3-Hemmnissen der Digitalisierung der Landwirtschaft sehen die Landwirte neben einer unzureichenden Internetversorgung in den „hohen Investitionskosten“ das Haupthemmnis (Juni 2021 53 Prozent, Juni 2019 49 Prozent). Mit großem Abstand in den Nennungen folgen dann an dritter und vierter Stelle die „Sorge um die IT-Sicherheit und Datensicherheit“ (31 Prozent) sowie „um den Verlust der Hoheit über die eigenen Daten“ (28 Prozent). Die entsprechenden Werte für Juni 2019 lagen bei 30 bzw. 24 Prozent. Digitale Kompetenzen werden immer selbstverständlicher. Landwirte sehen unzureichende Kompetenzen nur zu einem geringen Teil als Digitalisierungshemmnis (Juni 2021 19 Prozent, Juni 2019 20 Prozent).