7.1 Agrarpreise und Agrarrohstoffmärkte
Situationsbericht 2020/21

7.1 Agrarpreise und Agrarrohstoffmärkte

Wirtschaftsjahr 2019/20: Uneinheitliche Entwicklungen bei den Erzeuger- und Betriebsmittelpreisen

Sowohl die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte als auch die landwirtschaftlichen Betriebsmittelpreise sind im Wirtschaftsjahr 2019/20 (Juli 2019 bis Juni 2020) gegenüber dem Vorjahr im Mittel nahezu unverändert geblieben. Dabei waren die Entwicklungen bei den einzelnen Erzeugnissen und Betriebsmitteln sehr unterschiedlich. Erheblich unter Vorjahresniveau blieben im Wirtschaftsjahr 2019/20 die Erzeugerpreise für Kartoffeln und Getreide. Aber auch die Preise für Gemüse, Rinder und Milch verfehlten das Vorjahresniveau deutlich. Durch die globale Knappheitssituation infolge Afrikanischer Schweinepest (ASP) lagen die Schweinepreise dagegen um fast ein Viertel über Vorjahresstand. Auch für Eier, Schafe, Raps und Obst erzielten die Landwirte im Durchschnitt des Wirtschaftsjahres höhere Preise. Auf der Betriebsmittelseite stiegen vor allem die Preise für Düngemittel und Strom sowie für die Anschaffung und Unterhaltung von Maschinen und Gebäuden. Dagegen verbilligte sich der Einkauf von Treibstoffen und Futtermitteln deutlich.

Wirtschaftsjahr 2020/21 beginnt mit Druck auf die Erzeugerpreise

Seit Beginn des Jahres 2020 haben die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise kräftig nachgegeben. Im ersten Quartal des laufenden Wirtschaftsjahres 2020/21 lag das landwirtschaftliche Erzeugerpreisniveau um gut 6 Prozent unter dem Vorjahresstand. Starke Einbrüche sind bei den Kartoffel- und Schweinepreisen zu verzeichnen. Aber auch die Erzeugerpreise für Geflügel und Milch blieben hinter dem Vorjahresstand zurück. Dagegen erzielten die Landwirte für Obst deutlich mehr. Auch konnten sich die Getreide-, Raps-, Jungbullen- und Eierpreise im Jahresvergleich etwas erholen. Die Betriebsmittelpreise veränderten sich im Jahresvergleich im Mittel kaum. Während Energie- und Schmierstoffe sowie Düngemittel im Juli 2020 deutlich günstiger zu haben waren als ein Jahr zuvor, verteuerten sich vor allem Maschinen und Bauten.

AMI-Agrarrohstoff-Index mit Abwärtstendenz

Auch der Agrarrohstoff-Index der Agrarmarkt Informations-GmbH (AMI) für die 13 wichtigsten in Deutschland erzeugten Agrarprodukte zeigte im Jahresverlauf 2020 insgesamt eine deutliche Abwärtstendenz. Zu dieser Entwicklung hat vor allem der Einbruch der Schweinepreise beigetragen. Im November 2020 lag der AMI-Index mit 124 Punkten deutlich unter dem entsprechenden Vorjahresstand (- 8 Prozent).

Überwiegend positive Preistendenz bei wichtigen Agrarrohstoffen

Der FAO-Preisindex für die wichtigsten weltweit gehandelten Agrarrohstoffe konnte im Oktober 2020 im fünften Monat in Folge einen Zuwachs verzeichnen. Mit 100,9 Punkten erreichte der Index im Oktober 2020 einen Stand, der um gut 3 Prozent über dem Stand des Vormonats und um 6 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert lag. Milch, Getreide, Zucker und pflanzliche Öle zeigten ähnlich positive Entwicklungen. Lediglich die internationalen Fleischpreise standen relativ stark unter Druck. Im Jahresvergleich beläuft sich der Rückgang der globalen Fleischpreise auf fast 11 Prozent.

Prognostiziert werden nominal steigende, aber real fallende Agrarpreise

FAO und OECD gehen in ihrer Landwirtschaftsprognose bis zum Jahr 2029 davon aus, dass ein Wachstum in der pflanzlichen Erzeugung vor allem durch steigende Erträge und in der Fleisch- und Milchproduktion sowohl über höhere Tierbestände als auch über verbesserte Tierleistungen stattfinden wird. Die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln dürfte in den kommenden Jahren bis 2029, auf Kalorienbasis gemessen, um 15 Prozent zulegen. Weiter gehen FAO und OECD in ihren Projektionen davon aus, dass das globale Agrarpreisniveau nominal ansteigen wird, aber unter Berücksichtigung der Inflation (real) sinken oder stagnieren wird.

Effekte der schwächelnden Welt-Konjunktur

Die globalen Preise landwirtschaftlicher Rohstoffe hängen auch vom Wetter ab. Rekord- oder Missernten fallen relativ stark ins Gewicht. Gemeinsam aber ist allen Rohstoffen, dass ihr Verbrauch an die wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt ist, wenn auch bei Metallen und mineralischen Rohstoffen stärker als bei Nahrungsmitteln. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen den globalen Energie- und Nahrungsmittelpreisen, nicht nur bei Bioenergie, sondern auch durch die energieabhängige Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte. Angesichts der schwächelnden Welt-Konjunktur infolge der Corona-Pandemie erwarten Analysten tendenziell keine steigenden Rohstoff- und Energiepreise. Wachsende Handelskonflikte und zunehmende Unsicherheiten durch geopolitische Risiken dämpfen das Weltwirtschaftswachstum und damit den internationalen Handel mit Agrarprodukten zusätzlich. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seiner Prognose aus Oktober 2020 für das Jahr 2020 mit einem Schrumpfen der weltweiten Wirtschaftsleistung um 4,4 Prozent. 2021 soll die Weltwirtschaft dann wieder um 5,2 Prozent wachsen.

Volatilere Agrarpreise in der EU

Seit dem Abbau der EU-Agrarpreisstützung werden die heimischen Erzeugerpreise von der Situation auf den internationalen Agrarmärkten geprägt. Infolgedessen haben sich die Preisschwankungen (Volatilitäten) an den europäischen Agrarmärkten in den letzten Jahren deutlich erhöht. Preisschwankungen an den europäischen Getreidemärkten fallen in den letzten Jahren auf Grund reichlicher Versorgung etwas geringer aus. Bei Milch dagegen sind die Schwankungen weiterhin groß. Vor diesem Hintergrund gewinnen Preisabsicherungsinstrumente wie Warenterminmärkte für Anbieter und Käufer von Agrarrohstoffen an Bedeutung. Landwirte sichern sich im Vorfeld der Ernte vor allem über Vorkontrakte ab, denen Warentermingeschäfte des Handels zugrunde liegen.

Starker Nachfragezuwachs in aufstrebenden Volkswirtschaften

Mit steigenden Einkommen in den aufstrebenden Volkswirtschaften geht ein starker Nachfragezuwachs von Fleisch, Fisch und Geflügel, aber auch von Obst, Gemüse und Zucker einher. Um diesen decken zu können, werden steigende Mengen an Futtermitteln, insbesondere grobkörnigem Getreide und proteinhaltigen Nahrungsstoffen benötigt.

Preisabsicherung durch Vorkontrakte

Bei der Vermarktung von Getreide und Raps nutzen viele Landwirte Vorkontrakte zur Preisabsicherung. Nach Ergebnissen des Konjunkturbarometer Agrar gaben im März 2020 43 Prozent der Verkaufsgetreide anbauenden Landwirte an, Vorkontrakte mit Abnehmern wie Handel und Mühlen über ihre anstehende Ernte oder Teile davon abgeschlossen zu haben oder zu planen. Der entsprechende Wert für die Raps anbauenden Betriebe lag im März 2020 bei 64 Prozent.

Einfluss der Finanzmärkte auf die Agrarmärkte

Kapitalanleger suchen auch auf den Rohstoffmärkten nach rentierlichen Anlagemöglichkeiten. Begünstigt wird diese Entwicklung durch ein niedriges Zinsniveau bzw. eine lockere Geldpolitik der Notenbanken in vielen Industrieländern, die die Konjunktur ankurbeln soll. Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, können spekulative „Blasen“ an den Terminmärkten („Preisübertreibungen“) in der Regel nur dann entstehen, wenn in den von Angebot und Nachfrage bestimmten Börsenplätzen keine ausreichende Markttransparenz gegeben ist. Bislang konnten derartige Marktverzerrungen an den Agrarterminmärkten nicht nachgewiesen werden.

Sinkender Dollarkurs dämpft EU-Agrarexport in Drittländer

Der globale Handel mit Agrarprodukten wird nicht nur durch Angebot und Nachfrage beeinflusst. Erhebliche Bedeutung haben auch die Wechselkurse. Der internationale Agrarrohstoffhandel wird überwiegend auf US-Dollar-Basis abgewickelt. Eine Euro-Stärke gegenüber dem US-Dollar wirkt sich auf die deutschen Exportgeschäfte negativ aus, da die Unternehmen teurer auf dem Weltmarkt anbieten. Die Importe von Rohstoffen und Gütern verbilligen sich dagegen, was sich entlastend auf die Produktionskosten auswirkt. Im Laufe des Jahres 2020 hat der Euro gegenüber dem US-Dollar an Wert gewonnen. Lag der Kurs Anfang des Jahres 2020 bei 1,12 US-Dollar/Euro, waren es im September 2020 1,19 US-Dollar/Euro. Im November 2020 fiel der Wert wieder etwas auf 1,17 US-Dollar/Euro. Das waren immer noch gut 5 Prozent mehr als im November 2019. Damit sind Exporte in den US-Dollarraum etwas teurer, Importe dagegen etwas billiger geworden.

Zusammenhang zwischen Energie- und Agrarpreisen

Die Entwicklung der Getreide-, Ölsaaten- und Zuckerpreise steht in einer Wechselbeziehung zu der kaufkräftigen Nachfrage nach Nahrungsmitteln und der Nachfrage nach Bioenergie, die wiederum vor allem vom Rohölpreis abhängt. Hohe Energiepreise stützen also die Weltagrarpreise, besonders bei Getreide, anderen pflanzlichen Rohstoffen und auch bei Holz. Niedrige Energiepreise führen tendenziell zu einem Druck auf die Agrarpreise.
Der Ausbau der Bioenergie bzw. der nachwachsenden Rohstoffe bietet den Landwirten Chancen für eine alternative Vermarktung ihrer Erzeugnisse. Die Preise am Energiemarkt bilden grundsätzlich die Preisuntergrenze für landwirtschaftliche Produkte. Durch die Koppelproduktion, z.B. bei Raps für Biodiesel und für Rapsschrot-Futtermittel, wird die Anfälligkeit der Verarbeitungskette gegen Preisschwankungen gemindert.

5 Prozent der Weltackerfläche für Biokraftstoffe

Von der gesamten weltweiten Landfläche sind 1,5 Milliarden Hektar Ackerland. 5 Prozent davon oder rund 80 Millionen Hektar werden für den Anbau von Energiepflanzen wie Getreide, Ölpflanzen und Zuckerrohr/Zuckerrüben genutzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Biokraftstofferzeugung zu einem hohen Anteil pflanzliche Nebenprodukte (Getreide: circa 40 Prozent Schlempe; Raps: circa 60 Prozent Schrot) anfallen, die als Futtermittel Verwendung finden und damit die Netto-Inanspruchnahme von Flächen für Energiezwecke etwa um die Hälfte kleiner ausfallen lassen. Nach Einschätzung des Internationalen Getreiderates (IGC) werden im Wirtschaftsjahr 2020/21 gut 16 Prozent der Weltgetreideernte (ohne Reis) für die Erzeugung von Ethanol und Stärke genutzt. 45 Prozent der Weltgetreideernte werden zu Futterzwecken eingesetzt.

„Spekulation“ verantwortlich für Hunger in der Welt?

Wissenschaftliche Analysen kommen zu dem Schluss, dass „Spekulation“ nicht den oft behaupteten Einfluss auf das Preisgeschehen am Weltmarkt hat. Analysten sehen die fundamentalen Nachfrage- und Angebotstrends bei Agrarrohstoffen als entscheidend an. Hunger und Armut sind häufig Folge von schlechter Regierungsführung, Korruption, Bürgerkriegen, Wetterextremen, Marktabschottung und unzureichenden Eigentums- und Nutzungsrechten. Verstärkt wird der Hunger durch die Folgen des Klimawandels. Die Agrarmärkte in den ärmeren Ländern sind oft wenig funktionsfähig. Dazu gehören vor allem schlechte Infrastrukturen und abgeschottete Märkte. So ist zum Beispiel in Afrika nur 15 Prozent des Handels innerafrikanisch. Zum Vergleich: In Europa werden 70 Prozent der Waren innerhalb der EU gehandelt.

Zahl der Hungernden weiter angestiegen

Die FAO definiert Unterernährung als die Aufnahme von zu wenig Kalorien, die jeder Mensch für ein gesundes und produktives Leben benötigt. In 2019 traf das auf fast 690 Millionen Menschen oder rund 9 Prozent der Weltbevölkerung zu. Das waren 10 Millionen mehr als in 2018 und 60 Millionen mehr als fünf Jahre zuvor. Nach vielen Jahren des Rückgangs nimmt die Zahl der Hungernden seit 2014 wieder zu. Nach Schätzungen der FAO dürfte die Zahl der chronisch hungernden Menschen in 2020 auf Grund der Corona-Pandemie um etwa 130 auf 820 Millionen angestiegen sein. Zusammen haben zwei Milliarden Menschen, ein Viertel der Weltbevölkerung, keinen regelmäßigen Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Lebensmitteln. Dem stehen etwa 1,9 Milliarden Menschen gegenüber, die als übergewichtig gelten, davon fast 700 Millionen als fettleibig.

Hungerbekämpfung durch höhere Produktivität der Landwirtschaft

Zur Verbesserung der Welternährungssituation hält die FAO eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft und einen wachsenden Handel mit Agrarprodukten für notwendig. Das Wachstum der Weltwirtschaft habe dazu geführt, dass sich die Menschen mehr Lebensmittel leisten und Landwirte mehr Geld in moderne Agrartechnik investieren können. Um mehr Nahrungsmittel bei geringerem Ressourcenverbrauch zu produzieren, wird eine weitere Modernisierung und Professionalisierung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern gefordert. Gleichzeitig geht es darum, die massiven Nachernteverluste zu reduzieren und dabei in eine bessere Lagerhaltung zu investieren. Nicht zuletzt setzt eine erfolgreiche Landwirtschaft Bodeneigentum, Zugang zu Ausbildung, Märkten, Kapital und Betriebsmitteln ebenso voraus wie unternehmerische Freiräume und die Möglichkeit der Landwirte, sich politisch und wirtschaftlich unabhängig zu organisieren.

GAP hat kaum noch Auswirkungen auf Entwicklungsländer

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union hat nach Einschätzung von Wissenschaftlern nur relativ geringe negative wirtschaftliche Auswirkungen auf Entwicklungsländer. Dazu gehören nach Feststellung der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) fast nur noch die produktionsgekoppelten Direktzahlungen (10 Prozent aller Direktzahlungen), die es in Deutschland nicht mehr gibt. Die meisten Unterstützungsformen der GAP wie etwa die von der Produktion entkoppelten Direktzahlungen oder spezielle Unterstützungsmaßnahmen für benachteiligte Gebiete würden Landwirten nach Auffassung der Wissenschaftler zwar zusätzliche einkommenswirksame Liquidität sichern, hätten allerdings kaum Auswirkungen auf die Höhe der Produktionsmenge. Die Erzeugung werde im Gegenteil durch Agrarumweltmaßnahmen eher noch gesenkt. EU-Ausfuhrbeihilfen sind seit Dezember 2015 abgeschafft.

Europa bleibt ein global wichtiger Versorger mit Agrarrohstoffen

Der Anteil der Entwicklungs- und Schwellenländer an der Weltagrarerzeugung und am Weltagrarhandel wird nach FAO-Einschätzung künftig weiter wachsen. Für die Industrieländer wie die Länder der EU wird ebenso eine weitere, wenn auch verlangsamte Steigerung der Agrarerzeugung erwartet. Mit ihrer hohen Produktivität und Effizienz werden sie nach Prognosen der FAO weiter bedeutende Versorger der Weltagrarmärkte bleiben. Angesichts stagnierender Bevölkerung und weitgehend gesättigter Nahrungsmittelmärkte in Europa ergeben sich Marktpotenziale der europäischen Landwirtschaft beim Export und bei nachwachsenden Rohstoffen. Der Weltagrarhandel hat in den letzten Jahren kräftig zugenommen. Nach FAO-Angaben hat sich der Weltagrarhandel von 1995 bis 2018 auf 1,5 Billionen US-Dollar mehr als verdoppelt.

Bis 2050 Produktionssteigerung um die Hälfte

Bis zum Jahr 2050 müsste die globale Agrarproduktion gegenüber 2013 nach FAO-Angaben um 50 Prozent gesteigert werden, wenn den Anforderungen der voraussichtlich auf 9,8 Milliarden Menschen ansteigenden Weltbevölkerung und ihren wachsenden Bedürfnissen nachgekommen werden soll.

Weitere Produktivitätssteigerungen erforderlich

Da die produktiven landwirtschaftlichen Flächen kaum zunehmen werden, sind weitere Produktivitätssteigerungen erforderlich. Diese aber haben nach Analysen der FAO in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Gleichzeitig ist eine effizientere Nutzung der knapper werdenden Ressource Wasser angezeigt. Die Auswirkungen des Klimawandels verschärfen diese Knappheit.

Effiziente Nutzung der Ressource Wasser

Fast alles Wasser der Erde ist Salzwasser. Nur 2,5 Prozent oder 35 Millionen km3 sind Süßwasser. Die größte Menge davon ist unerreichbar: Drei Viertel sind als Eis und Schnee gebunden und weitere fast 24 Prozent als fossiles Grundwasser in tiefen Gesteinsschichten eingeschlossen. Nur etwa 0,3 Prozent des Süßwasservorkommens (ca. 100.000 km3) sind zugängliche erneuerbare Süßwasserressourcen in Flüssen, Feuchtgebieten, Seen, Böden und der Atmosphäre. Weltweit werden jährlich rund 4.000 km³ Frischwasser entnommen. Die Süßwasserressourcen auf der Erde sind räumlich wie zeitlich nicht gleichmäßig verteilt. In vielen Regionen der Welt ist das nutzbare Wasser schon heute limitierend für die Entwicklung der Wirtschaft, gerade auch der Landwirtschaft. Besonders verschärft sich der Wassermangel in den heutigen Trockenregionen. Weitere Regionen stehen vor der Herausforderung zunehmender Wasserknappheit. Nach Einschätzung der UNESCO sind bis zum Jahr 2050 voraussichtlich 40 Prozent der globalen Getreideproduktion von knapper werdenden Wasserreserven bedroht.

Deutschland bei „virtuellem Wasser“ im Standortvorteil

Der Handel mit Agrarprodukten ist indirekt auch ein Handel mit virtuellem Wasser. Das ist jenes Wasser, das während der Produktion eingesetzt wird. Der Wasserbedarf landwirtschaftlicher Produkte variiert von Region zu Region teilweise sehr stark. Um ein Kilo Getreide in Marokko anzubauen, müssen etwa 2.700 Liter Wasser aufgewendet werden. Die gleiche Menge kann in Deutschland mit nur 520 Litern Wasser hergestellt werden, wie Wissenschaftler des PIK vorrechnen. Es zeigt sich, dass nicht die Menge des verbrauchten Wassers, sondern dessen Herkunft entscheidend ist. In Indien oder im Mittleren Osten lässt sich durch den Import von Agrarprodukten Wasserknappheit verringern. In Ländern Südeuropas hingegen verstärkt der Export bei einer Reihe von Produkten den Mangel an dieser Ressource.

„Wasserstress“ nimmt zu

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung (4 Milliarden Menschen) lebt nach dem UN-Weltwasserbericht 2020 in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr von Wassermangel bedroht sind. Weltweit haben aktuell 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. 4,2 Milliarden Menschen, also mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung, haben keine sicheren Sanitäranlagen. Etwa 900 Millionen Menschen praktizieren ihre Notdurft im Freien. Nach dem aktuellen UN-Weltwasserbericht wird sich der globale „Wasserstress“ in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen.

Weltweiter Agrarhandel kann Wasserstress mindern

Durch den globalen Handel mit Nahrungsmitteln aus landwirtschaftlicher Produktion lassen sich große Mengen Wasser einsparen. Das zeigt eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Wichtig für die Auswirkungen auf Knappheit ist danach vor allem die Herkunft des Wassers. In der deutschen Landwirtschaft wird zu 99 Prozent Regenwasser genutzt. Dagegen wird in vielen südlichen Ländern hauptsächlich auf die Bewässerung bzw. Brunnenwasser zurückgegriffen.

Kann die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden?

Inwieweit die Versorgung mit der globalen Nachfrage Schritt halten kann, hängt insbesondere mit dem globalen Bevölkerungswachstum zusammen. Nach Projektionen der Vereinten Nationen (UN) wird die Weltbevölkerung von derzeit 7,6 (2018) auf 9,8 Milliarden Menschen in 2050 ansteigen. Jährlich nimmt die Weltbevölkerung um mehr als 80 Millionen zu, was in etwa der Bevölkerung Deutschlands entspricht. Die globale Nachfrage wird ebenso durch eine höhere Kaufkraft und geänderte Ernährungsgewohnheiten geprägt. In den Schwellenländern ist mit einem weiter steigenden Konsum von höherwertigen Lebensmitteln wie Fleisch- und Milchprodukten sowie Obst und Gemüse zu rechnen. Hinzu kommt eine tendenziell wachsende Verwendung von Agrarrohstoffen für energetische und stoffliche Zwecke.

Bislang hielt die Getreideproduktion mit dem Bevölkerungswachstum Schritt

Die Weltgetreideproduktion (ohne Reis) ist in den letzten Jahrzehnten in etwa so stark gewachsen wie die Weltbevölkerung. Allerdings schwanken die Ernten von Jahr zu Jahr. Während sich die Anbaufläche für Weizen und Futtergetreide in den letzten 30 Jahren insgesamt nur wenig verändert hat, sind die Hektarerträge um mehr als 70 Prozent gestiegen. Nach wissenschaftlichen Studien würde die Weltproduktion an pflanzlichen Erzeugnissen ohne gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um ein Drittel niedriger ausfallen.