Die Mutterkuhhaltung in Deutschland
Die Mutterkuhhaltung nimmt innerhalb der deutschen Landwirtschaft eine regional bedeutsame Rolle ein und ist insbesondere in extensiven Grünlandregionen verortet. Mit einem Anteil von rund 15 % der Rinder umfasste sie im November 2025 etwa 618.000 Mutterkühe. Die Betriebsstrukturen sind noch stärker fragmentiert als in der ohnehin kleinteilig organisierten Bullenmast: 69 % der Haltungen halten weniger als 10 Mutterkühe. Auf diese Kleinstbetriebe entfallen 21 % der Mutterkühe. Die 1 % größten Betriebe mit über 100 Mutterkühen halten rund 20 % der Tiere. Die Kälber wachsen, anders als in der Aufzucht von Kälbern aus Milchviehbetrieben, bei den Kühen auf und werden abhängig von Geburtszeitpunkt, Milchleistung der Kuh, geplanten Verkaufsterminen und Futterverfügbarkeit, im Alter von 6 bis 10 Monaten abgesetzt. Die Absetzer wiegen dann zwischen 250 und 400 kg, wobei die Bullenkälber fast ausschließlich an Mastbetriebe verkauft werden und die Kuhkälber entweder in die Zucht oder ebenfalls in die Mast gehen.
Viele Höfe führen die Mutterkuhhaltung im Nebenerwerb oder als Einkommenskombination, häufig auf kleinteiligem, unwegsamem Dauergrünland. Die wichtigsten Erlöse stammen aus dem Verkauf von Absetzerkälbern und Zuchttieren, aber auch die Direktvermarktung von Rindfleisch spielt mitunter eine wichtige Rolle. Ergänzende Einnahmen sind über GAP-Ökoregelungen (z. B. Extensivierung des gesamten Dauergrünlands) und Agrarumwelt‑ und Klimamaßnahmen (AUKM) möglich. Größere Herden finden sich sowohl in den neuen Bundesländern als auch auf Mischbetrieben mit Acker‑ und Grünland. Die Mutterkuhhaltung wird gerne in Gebieten umgesetzt, in denen der Ackerbau ungeeignet ist. Zum Beispiel in Hanglagen, wiedervernässten Mooren, Küstenlagen und ökologisch sensiblen Gebieten ist sie eine bewährte Haltungsform. Ein wesentlicher Vorteil ist die Erhaltung von Grünlandflächen, denn ohne Beweidung würden viele Standorte verbuschen oder bewalden, mit spürbaren Folgen für die biologische Vielfalt. Die Futterbasis der Rinder ist überwiegend Dauergrünland, meist extensiv bewirtschaftet und teils auf standortschwächeren Flächen, je nach umweltrechtlichen Vorgaben und Flächenangebot. Mutterkuhsysteme können im Gegensatz z. B. zur Milchviehhaltung geringere Futterqualitäten gut verwerten. Eine auf hohe Tageszunahmen ausgerichtete, intensive Rindermast ist für Extensivstandorte ebenfalls wenig geeignet: Die magere Futtergrundlage passt nicht zu den Ansprüchen intensiv wachsender Tiere, und eine grasbetonte Endmast kann zu gelblicher Fettabdeckung führen, die im Markt nicht geschätzt wird. Beweidetes Dauergrünland trägt zur Kohlenstoffbindung im Boden und in der Vegetation bei und schafft wertvolle Lebensräume für zahlreiche Insekten‑, Vogel‑ und Pflanzenarten. Der enge Bezug der Mutterkuhhaltung zur extensiven Weidewirtschaft sichert kulturhistorisch gewachsene Agrarlandschaften, die wiederum Lebensraum für gefährdete Arten sind – und Anziehungspunkte für den Tourismus.
Die Mutterkuhhaltung ist durch große Rassevielfalt mit über 35 herdbuchlich registrierten Fleischrinderrassen geprägt und trägt damit, insbesondere über die Zuchtarbeit in spezialisierten Betrieben, zum Erhalt genetischer Vielfalt bei. Mutterkuhherden werden in Deutschland typischerweise weidebasiert und eher extensiv gehalten – mit Weidegang in der Vegetationsperiode und Winterhaltung im Stall (z. B. auf Tiefstreu- oder Tretmistverfahren). Regional, rasse- und betriebsabhängig gibt es auch ganzjährige Freilandhaltungen. Witterungsschutz entsteht zum einen über naturräumliche Strukturen wie Baumgruppen, Hecken oder Geländekanten, zum anderen über mobile Unterstände bzw. Zeltsysteme, die bei Bedarf verlässlich Schatten, Windschutz und trockene Liegeflächen bereitstellen. In Deutschland ist vor allem die Kältetoleranz der Tiere gefragt, welche sich mit Windschutz, trockenen Liegeflächen und passendem Management zuverlässig abfedern lässt. Hitzetoleranz spielt demgegenüber eine untergeordnete Rolle, weil länger anhaltende Hitzeperioden bislang selten ein begrenzender Faktor sind. Perspektivisch werden thermotolerante Zuchtlinien und genetische Varianten (z. B. SLICK‑Träger) als Forschungsansätze für Hitzetoleranz diskutiert.
Trotz vieler Vorteile stehen Mutterkuhhalter vor zahlreichen wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen. Die extensive Haltung birgt Herausforderungen bei Hygiene- und Biosicherheitsmaßnahmen. Der Schutz vor Tierseuchen auf Weiden ist grundsätzlich schwieriger, als im Stall, da Futter- und Tränkebereiche für Unbefugte und (Wild-)Tiere zugänglich sind. Maßnahmen am Tier, wie Impfungen sind mit erheblichem Zeitaufwand und Stress für die Tiere verbunden. Insbesondere Tierseuchen, die die Reproduktionsleistung negativ beeinflussen, sind eine große Herausforderung. Ein weiteres Problem stellt die zunehmende Wolfspopulation dar, die speziell in den Abkalbephasen zu Rissen der Kälber führen kann. Hinzu kommen administrative Aufwände für Dokumentation und Tierkennzeichnung sowie Änderungen in der Agrarförderung und neue Umweltauflagen, die die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen.
Um diesen Schwierigkeiten entgegenzuwirken, sind gezielte Maßnahmen erforderlich. Diese betreffen neben dem Abbau und der Verhinderung von weiteren Nachweis- und Dokumentationspflichten die Verbesserung der Rentabilität. Ökologisch wertvolle Leistungen der Mutterkuhhaltung, wie die CO2-Senken auf entsprechend gemanagten Weidsystemen, die Landschaftspflege oder der Förderung von Biodiversität werden aktuell wenig honoriert. Die verstärkt regionale und direkte Vermarktung von Rindfleisch aus Mutterkuhbetrieben ist ein vielversprechender Ansatz, um den Absatz zu steigern. Der Weg der Direktvermarktung birgt jedoch auch einige Herausforderungen, wie ein enormer Zeitaufwand und regulatorische Auflagen. Es gilt, auch diese Leistungen der Mutterkuhhaltung stärker in die Vermarktung einzubeziehen. Verbraucher wünschen sich beispielsweise laut Umfragen die kuhgebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung. Ein Haltungssystem, in dem Kälber bei ihren Müttern aufgezogen und natürlich gesäugt werden, ist mit der Mutterkuhhaltung der Systemstandard und der größte Unterschied zur Fresseraufzucht mit früher Trennung und technikgestützter Milchtränke. Eine gesellschaftliche Honorierung dieser Tierwohlleistung erfolgt mitunter in der Direkt‑ und Regionalvermarktung, während in der standardisierten Rindermast‑Vermarktung eine explizite Vergütung bislang eher die Ausnahme ist.
Eine Vorzüglichkeit der Mutterkuhhaltung liegt darin, dass sie Tierwohl, die angepasste Nutzung extensiver Grünlandstandorte sowie messbare Beiträge zu Landschaftspflege und Biodiversität zu einem regional verankerten, resilienten Gesamtsystem verbindet. Vor dem Hintergrund einer anhaltenden inländischen Nachfrage nach Rindfleisch und regional rückläufigen Milchviehbeständen steigt die Bedeutung, dass die Mutterkuhhaltung dazu beiträgt, die entstehende Kälberlücke zu schließen und die Versorgung mit heimischem Rindfleisch zu sichern. Der DBV setzt sich für einen gezielten Ausbau der Mutterkuhhaltung ein.
Quellen:
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<https://www.tll.de/www/daten/publikationen/richtwerte/muk_rw.pdf> [tll.de] - BMEL‑Statistik (2026). Grünland – Daten zu Umfang, Nutzung, Funktionen <https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/bodennutzung-und-pflanzliche-erzeugung/gruenland> [bmel-statistik.de]
- BfN‑Schriften 539 (2019). Grünlandschutz in Deutschland; <https://www.bfn.de/publikationen/bfn-schriften/bfn-schriften-539-gruenlandschutz-deutschland-treiber-der> [bfn.de]
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- BLE – Bericht zur Markt‑ und Versorgungslage Fleisch (2025).
<https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0611090-2025.pdf> [bmel-statistik.de] - Wochenblatt dlv (2020; Rechenbeispiel). Deckungsbeitrag Mutterkuhhaltung <https://www.wochenblatt-dlv.de/sites/wochenblatt-dlv.de/files/2020-12/Deckungsbeitrag-Mutterkuhhaltung.pdf> [wochenblatt-dlv.de]
- BMEL/BMLEH (Portal). Öko‑Regelungen – Überblick & Kombinierbarkeit; 2026‑Anpassungen
<https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-und-foerderung/direktzahlung/oeko-regelungen.html> [bmleh.de] - BMEL/BMLEH (Dez 2024). Anpassungen der Öko‑Regelungen ab 2025
<https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Landwirtschaft/EU-Agrarpolitik-Foerderung/anpassungen-oeko-regelungen-2025.pdf> [bmleh.de] - Landwirtschaftskammer Niedersachsen (2025/2026). ÖR 4 – Extensivierung des gesamten Dauergrünlands; https://www.lwk-niedersachsen.de/lwk/news/41670_%C3%96ko-Regelung_4_-_Extensivierung_des_gesamten_Dauergruenlands_vom_Betrieb [lwk-niedersachsen.de]
- Baden‑Württemberg – Infodienst (2025). Öko‑Regelungen – Merkblätter & Kombis <https://foerderung.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Agrarpolitik/Oeko-Regelungen> [foerderung...haft-bw.de]