Nur wenige Kilometer südlich von Lübeck, zwischen Groß Grönau und Groß Sarau, liegt der Hof Ziegelhorst – ein Bioland-zertifizierter Betrieb mit besonderem Konzept. Hier arbeiten Menschen mit Behinderung gemeinsam mit landwirtschaftlichen und pädagogischen Fachkräften. Träger des Projekts ist die Diakonie Nord Nord Ost. Neben dem Anbau von Gemüse nach ökologischen Richtlinien bietet der Hof Raum für Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft. |
Schon beim Eintreffen fällt die idyllische Atmosphäre auf: eine Birkenallee, grasende Schafe und freundliche Gesichter. Statt eines klassischen Interviews beginnt mein Besuch mit einem spontanen Rundgang über das Gelände – begleitet von Theresa, Jenny und Jürgen, die mir mit Begeisterung von ihrer Arbeit erzählen.
Einblick in den Alltag
Im ersten Gewächshaus werden Setzlinge aus der selbstgebauten Wärmekammer umgetopft. Stolz zeigen mir die Mitarbeitenden ihre Arbeit: Tomaten, Bohnen, Gurken – alles wird sorgfältig gepflegt. Jürgen kontrolliert die Tomatenbindungen, Jenny erklärt die Bewässerung, und Theresa öffnet die Tür zur Wärmekammer. Die Leidenschaft für die Pflanzen ist spürbar. Weiter geht es zu den Flächen mit Salat, der bald geerntet und im hofeigenen Laden verkauft wird. Theresa überreicht mir einen frisch geschnittenen Salatkopf – ein Symbol für die Freude und den Stolz über das gemeinsam Erreichte.
Arbeit mit Sinn
Auch die Maisfelder werden gezeigt. Jenny demonstriert, wie die Pflanzen mit kleinen Wägelchen in die Erde gebracht werden – eine körperlich anspruchsvolle Arbeit, die Präzision erfordert. Jürgen erzählt von seiner Vorliebe für Wildblumen, die er als besonders bienenfreundlich empfindet. Der Hof Ziegelhorst ist mehr als ein landwirtschaftlicher Betrieb. Er ist ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Wertschätzung. Die Mitarbeitenden gestalten hier nicht nur Produkte, sondern auch Perspektiven.
Individuelle Förderung im Mittelpunkt
Am Rande der Arbeitsflächen ergibt sich ein persönlicher Austausch. Die Mitarbeitenden erzählen von ihren Hobbys und ihrer Zeit auf dem Hof. Jenny berichtet, dass sie zuvor ein Praktikum an einer Supermarktkasse gemacht hat – eine Erfahrung, die ihr wenig Freude bereitete, da dort kaum auf ihre Bedürfnisse eingegangen wurde. Ganz anders hier: Dirk und Anne bestätigen, dass die Arbeit auf dem Ziegelhof sich deutlich von anderen landwirtschaftlichen Betrieben unterscheidet. Die hauptamtlichen Mitarbeitenden pflegen einen engen Kontakt zu den Beschäftigten – Individualität und persönliche Bedürfnisse stehen klar im Vordergrund.
Beim Rundgang passieren wir Schafe und zwei Esel. Die Schafwolle wird im Hofladen verkauft. Auf dem Weg dorthin werfen wir noch einen Blick auf die Schnittblumenwiese, wo am Morgen bereits Mitarbeitende in der Sonne Unkraut jäteten.
Gemeinsames Mittagessen im Garten
Nach dem Besuch bei Enten und Gänsen setzen wir uns in den Garten. Es ist Mittagszeit, und nach und nach gesellen sich weitere Bewohner mit ihren Tellern zu uns. Bald sitzen über zehn Personen in der kleinen Sitzecke. Ein junger Mann erzählt von seiner Arbeit auf einem Nachbarbetrieb und betont die Bedeutung des Naturschutzes. Er lädt mich ein, ihn zu besuchen – dort könne man sogar Feldlerchen beobachten. Sein Fachwissen beeindruckt mich.
Plötzlich dreht sich das Gespräch: Die jungen Menschen stellen mir Fragen – wer ich bin, was ich hier mache. Ich erkläre, dass ich keine Journalistin bin, sondern Menschen mit Behinderung in der Landwirtschaft sichtbar machen möchte – und wie sehr mich der Hof und ihre Arbeit beeindruckt. Auf meine abschließende Frage nach Wünschen für die Zukunft sind sich alle schnell einig: Es brauche mehr Werbung für die Produkte, damit noch mehr Menschen den Hofladen besuchen.
Arbeiten mit Sinn in geschütztem Rahmen
Zum Abschied kaufe ich im Hofladen ein. Als ich meine Sachen ins Auto lege, fällt mein Notizblock unter dem Salatkopf hervor – alle Fragen sind beantwortet. Was ich mitnehme, neben dem frischen Gemüse: die spürbare Ruhe und Leichtigkeit der Menschen hier.
Der Ziegelhorst-Hof bietet Menschen mit Behinderung einen geschützten Raum für sinnstiftende, praktische Arbeit. Entscheidend ist nicht der Weg, sondern das Ergebnis – und jeder findet hier eine Aufgabe, die zu ihm passt. Vorgefertigte Denkmuster haben keinen Platz. Stattdessen stehen individuelle Lösungen im Vordergrund, getragen von einem Betrieb, der sich auf die Menschen einlässt.
Die Landwirtschaft bietet die nötige Vielfalt – und die Menschen mit Behinderung zeigen, dass sie mit eigenständigen, manchmal unkonventionellen Arbeitsweisen einen wertvollen Beitrag leisten. Der Hof Ziegelhorst ist ein Beispiel dafür, wie Inklusion in der Praxis gelingt – mit Anerkennung, Teilhabe und echter Wertschätzung.
Dr. Anna Bobrowski




Fotos: DBV/Diakonie Nord Nord Ost