Teller, Trog, Tank: Populäre Formel, falsche Prämisse
In der Landwirtschaft wird nicht am Reißbrett entschieden, welche Verwendung die Flächen haben. Boden, Klima und Standort geben im Grundsatz vor, was wo angebaut werden kann.
- Auf Grünland wächst Gras – kein Weizen, kein Gemüse. Die Tierhaltung ist die einzige sinnvolle Nutzung dieser Flächen für die Ernährung.
- Nicht jede Ackerfläche eignet sich für Nahrungsmittelkulturen. Viele Böden tragen wirtschaftlich nur Futtergetreide oder Mais.
- Koppelprodukte und Nebenströme der Verarbeitung verbinden Teller, Trog und Tank.
- Haupttreiber der Lebensmittelteuerung waren meist Energiekosten und Geopolitik – nicht die landwirtschaftliche Flächennutzung.
- Seit 1992 sind ca. 1,18 Millionen Hektar Agrarland unwiederbringlich verloren gegangen. Wenn über Flächenkonkurrenz diskutiert werden soll, dann muss hierüber gesprochen werden.
Der Boden entscheidet
Die Teller-Trog-Tank-Formel suggeriert, Landwirte könnten frei wählen, ob sie eine Fläche für Nahrung, Futter oder Energie nutzen. Das entspricht nicht der Realität. Boden, Wasserhaushalt, Klima und Topografie bestimmen, was an einem Standort sinnvoll und wirtschaftlich anbaubar ist. Auf den rund 4,7 Millionen Hektar Dauergrünland in Deutschland wächst Gras – das ist schlichtweg eine Standorteigenschaft. Diese Flächen lassen sich nicht in Getreide- oder Gemüseäcker umwandeln. Die Tierhaltung, welche dieses Grünland nutzt, ist damit kein Konkurrent der Nahrungsmittelproduktion, sondern ihr Komplement: Sie veredelt das, was der Boden hergibt, in Milch, Fleisch und Käse.
Und auch auf Ackerland gilt, dass nicht jeder Hektar Weizen oder Gemüse trägt. Bodenqualität, Niederschläge und Fruchtfolgenotwendigkeiten legen fest, welche Kulturen agronomisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Und genau dieser Zusammenhang – dass derselbe Rohstoff je nach Qualität, Ernte und Verarbeitung unterschiedliche Nutzungspfade nimmt – erklärt, warum viele Flächen für Nachwachsende Rohstoffe keine Alternative zur Nahrungsmittelproduktion sind, sondern deren logische Ergänzung.
Wie Kreisläufe zeigen, dass die Konkurrenz nicht existiert
Darüber hinaus entstehen entlang der gesamten Agrar- und Lebensmittelkette erhebliche Mengen nicht essbarer Biomasse: Kleie aus der Getreidemüllerei, Zuckerrübenschnitzel,
Biertreber, Presskuchen aus der Ölsaatenverarbeitung, Molke aus der Milchverarbeitung. Diese Nebenströme sind keine Abfälle, sondern wichtige Bestandteile der Kreisläufe und verbinden Teller, Trog und Tank auf nachhaltige Weise.
Im Futterbereich machen Koppelprodukte Nährstoffe nutzbar, die für den menschlichen Verzehr ungeeignet wären. Fasern und Stärkederivate fließen in die stoffliche Nutzung. Erst am Ende der Kaskade steht die energetische Verwertung wie etwa Biogas aus Gülle, deren Gärreste als Wirtschaftsdünger auf die Flächen zurückfließen. Das Kaskadenmodell beansprucht keine zusätzlichen Primärflächen, sondern nutzt, was ohnehin anfällt. Richtig gestaltet, bestätigt es in der Praxis: Eine echte Konkurrenz zwischen Teller, Trog und Tank entsteht dort gar nicht erst.
Selbstversorgung: Solide im Schnitt, ungleich in der Verteilung
Deutschland deckt im Mehrjahresdurchschnitt rechnerisch rund 84 % des Nahrungsmittelbedarfs aus heimischer Erzeugung, allerdings mit großen Unterschieden. Bei Obst liegt die Selbstversorgungsrate bei nur etwa 18 %, bei Gemüse bei rund 40 %. Besonders der Gemüseanbau erfordert spezifische Böden und Klimabedingungen, die in Deutschland nur begrenzt vorhanden sind – ein weiteres Beispiel dafür, dass Flächennutzung nicht beliebig umschichtbar ist. Beim Weizen dagegen ist Deutschland mit einem Selbstversorgungsgrad von rund 108 % im Wirtschaftsjahr 2024/25 zwar noch Exporteur, dieser Überschuss schrumpft jedoch, weil Wetterextreme und steigende Produktionsauflagen das Angebot stärker drücken als den Verbrauch.
Deutschland füttert seine Nutztiere überwiegend aus heimischer Erzeugung. Rund 97 % der Futtermittelmengen kommen aus dem Inland – den Löwenanteil stellen Raufutter wie Gras- und Maissilagen, also das, was auf Wiesen und Weiden wächst. Beim Eiweiß sieht es differenzierter aus, 88 % des Futtereiweißes (Rohprotein) stammen aus heimischen Quellen und die Importabhängigkeit liegt somit bei rund 12 %. Importiert werden vor allem Eiweißträger auf Sojabasis oder auch Rapsschrot, welche maßgeblich zur Eiweißversorgung beitragen. Im europäischen Vergleich liegt die Importabhängigkeit beim Rohprotein im EU‑Durchschnitt bei etwa 25 %. Deutschland ist damit deutlich besser aufgestellt als die EU insgesamt.
Was Lebensmittelpreise wirklich antreibt
Die Flächennutzung war in Deutschland nicht der Haupttreiber der erheblichen Lebensmittelteuerung der letzten Jahre. Ein Blick auf die tatsächlichen Preisschübe zeigt ein klares Muster: Ausgelöst werden sie regelmäßig durch externe Schocks – nicht durch die Anbauplanung auf heimischen Äckern.
Geopolitische Krisen und Handelsstörungen sind der wirkungsmächtigste Treiber. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, schnellten Weizenpreise an den Terminmärkten innerhalb weniger Tage um mehr als 30 % in die Höhe. Beide Länder stellen zusammen rund ein Viertel der globalen Weizenexporte und sind bei Körnermais, Sonnenblumenöl und Ölsaaten ebenfalls Schlüssellieferanten. Die Blockade ukrainischer Schwarzmeerhäfen unterbrach Lieferketten, auf die importabhängige Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten mit über 50 % ihrer Getreideimporte angewiesen waren – eine globale Kettenreaktion, die in Deutschland in Form massiver Düngemittel- und Betriebsmittelkostensteigerungen ankam.
Energie- und Gaspreise wirken als direkter Multiplikator: Stickstoffdünger wird großenteils aus Erdgas synthetisiert. Die Gaspreisexplosion 2021/22 trieb die Düngemittelpreise auf ein Mehrfaches des Vorkrisenniveaus und erhöhte die Produktionskosten aller landwirtschaftlichen Betriebe – unabhängig davon, was sie angebaut haben.
Wetterextreme und Erntestörungen in wichtigen Exportregionen haben ähnliche Effekte. Als Indien im Frühjahr 2022 eine außergewöhnliche Hitzewelle erlebte, sanken die Weizenerträge um bis zu 15 % woraufhin die Regierung umgehend ein Exportverbot verhängte – was die ohnehin angespannten Weltmärkte weiter belastete. Pakistan verlor im selben Jahr nach Überschwemmungen einen erheblichen Teil seiner Reisernte; Ostafrika litt zeitgleich unter der schlimmsten Dürre seit vier Jahrzehnten. Solche regional entstehenden Ausfälle übertragen sich über eng verflochtene Weltmärkte rasch auf die Importpreise anderer Länder.
Pandemiebedingte Lieferkettenunterbrechungen – etwa durch fehlende Transportkapazitäten und Grenzschließungen während COVID-19 – haben zudem gezeigt, wie fragil globale Logistikketten sind: Die Zahl der unter Ernährungsunsicherheit leidenden Menschen verdoppelte sich zwischen 2019 und 2022 allein durch den Zusammenbruch von Lieferketten und steigende Kosten, noch bevor der Ukraine-Krieg die Lage weiter verschärfte.
Für Deutschland gilt zusammenfassend: Die dominanten Preistreiber bei Grundnahrungsmitteln sind Energiekosten, Betriebsmittelpreise, Frachtkosten und geopolitisch ausgelöste Angebotsschocks auf dem Weltmarkt. Diese Faktoren treffen alle Anbaukulturen gleichzeitig – unabhängig davon, ob auf einem Feld Weizen, Silomais oder Raps steht. Die Teller-Trog-Tank-Debatte liefert keine Erklärung für diese Preisschübe – und auch keine Lösung.
Der eigentliche Engpass: Dreißig Jahre Flächenverlust durch Bebauung
Während die Teller-Trog-Tank-Debatte über die Nutzung vorhandener Agrarfläche geführt wird, verliert Deutschland diese Fläche seit Jahrzehnten still und stetig an Beton und Asphalt. Zwischen 1992 und 2021 hat die Landwirtschaft nach Angaben des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und
Raumforschung rund 1,4 Millionen Hektar – mehr als 7 % ihrer Fläche – durch Umwidmung in Siedlungs- und Verkehrsflächen verloren [Angabe präzisieren: Quelle BBSR/Bundestag-Drucksache 20/7467 prüfen]. Allein die Zunahme von Siedlung und Verkehr betrug zwischen 1992 und 2023 rund 1,18 Millionen Hektar, überwiegend zu Lasten von Acker- und Grünland. Zum Vergleich: Die gesamte heutige Anbaufläche für Energiepflanzen in Deutschland beträgt laut FNR rund 2,1 Millionen Hektar – der irreversible Verlust durch Bebauung seit 1992 entspricht damit fast zwei Dritteln davon.
Dabei ist das Tempo zwar gesunken – von durchschnittlich 129 Hektar pro Tag in den Jahren 1997 bis 2000 auf heute rund 51 Hektar täglich –, aber keineswegs gestoppt. Das Ziel der Bundesregierung, den Verbrauch bis 2030 auf unter 30 Hektar täglich zu senken, ist noch nicht erreicht. Hinzu kommt, dass die Gesamtinanspruchnahme von Landwirtschaftsfläche durch alle Umwidmungsformen – Bebauung, Ausgleichsmaßnahmen, Waldaufforstung, Naturschutz – laut BMLEH zuletzt im Schnitt bei 117 Hektar pro Tag lag [Angabe präzisieren: Quelle BMLEH Bodenmarkt-Seite prüfen].
Anders als bei der Frage, welche Kultur auf einem Acker steht, ist versiegelter Boden dauerhaft verloren. Eine Gesellschaft, die ernsthaft über Ernährungssicherheit diskutiert, sollte diesen schleichenden Substanzverlust ins Zentrum rücken – nicht die Frage, ob auf einem Standort, der nun einmal Raps trägt, Speiseöl oder Biodiesel erzeugt wird.
Häufige Fragen
F: Können Landwirte einfach von Futter- auf Nahrungsmittelproduktion umstellen?
A: Jein. Boden, Standortklima und Fruchtfolgen bestimmen, was agronomisch und wirtschaftlich sinnvoll angebaut werden kann. Dauergrünland lässt sich nicht in Ackerland für Gemüse oder Getreide umwandeln.
F: Ist die Tierhaltung ein Konkurrent der Nahrungsmittelproduktion?
A: Nein. Ein Großteil der Futterflächen – rund 4,7 Mio. ha Dauergrünland – ist für direkte Nahrungsmittelerzeugung ungeeignet. Tierhaltung veredelt diese Flächen in Milch, Fleisch und Käse und ergänzt damit die Nahrungsmittelproduktion, statt ihr zu konkurrieren.
F: Verdrängt Bioenergie die Lebensmittelproduktion?
A: Nein. Viel Bioenergie-Biomasse entstammt Koppelprodukten und Nebenströmen, die ohnehin anfallen. Wo Ackerland für Energiepflanzen genutzt wird, handelt es sich häufig um Standorte, die für Nahrungsmittelkulturen agronomisch weniger geeignet sind – die vermeintliche Konkurrenz löst sich bei genauem Hinsehen meist auf.
F: Was verteuert in der Regel die Lebensmittelpreise wirklich?
A: Vor allem geopolitische Krisen, Energie- und Betriebsmittelkosten sowie Lieferkettenunterbrechungen – nicht die Flächennutzung in Deutschland. Das Muster gilt vom Ukraine-Krieg über die COVID-Pandemie bis zu Dürren in wichtigen Exportregionen.
F: Warum schwindet landwirtschaftliche Fläche – und wie viel ist das?
A: Seit 1992 hat Bebauung rund 1,4 Millionen Hektar Agrarland dauerhaft vernichtet. Das entspricht fast zwei Dritteln aller heutigen Energiepflanzen-Anbauflächen – und ist, anders als die Anbaukultur auf einem Feld, vollkommen irreversibel.
Unsere Einordnung
Die Teller-Trog-Tank-Debatte ist politisch wirkmächtig, aber agronomisch irreführend. Sie setzt voraus, was nicht gilt: dass Landwirtschaft eine Art Schieberegler ist, den Gesellschaft und Politik nach Bedarf verstellen können. In Wirklichkeit gibt der Boden den Anbau vor. Kaskadennutzung und Koppelprodukte zeigen außerdem, dass Teller, Trog und Tank in einem gut organisierten Agrarsystem keine Gegensätze sind, sondern Stufen eines effizienten Gesamtkreislaufs.
Die eigentliche strukturelle Bedrohung für die Ernährungs- und Rohstoffversorgung liegt woanders: im schleichenden, dauerhaften Verlust von Agrarfläche durch Bebauung – rund 1,4 Millionen Hektar seit 1992, täglich noch immer 51 Hektar. Wer die heimische Landwirtschaft stärken will, muss diesen Boden schützen. Daneben bleibt die Abhängigkeit von fossilen Energie- und Düngemittelimporten ein zentrales Risiko, wie wiederkehrende geopolitische Krisen immer wieder zeigen.
Der Deutsche Bauernverband setzt sich für politische Rahmenbedingungen ein, die Produktionskapazitäten erhalten, Flächenverluste begrenzen und verlässliche Betriebsbedingungen statt weiterer Auflagenerhöhungen bieten.
Stand: 12.03.2026 | Ansprechpartner: Katharina Geiger
Quellen/Belege:
∙ BZL/BLE (2026): Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln – https://www.landwirtschaft.de ∙ BLE/BZL (2025): Infografik Selbstversorgungsgrad 2023 – https://www.ble.de ∙ BMEL-Statistik: Versorgungsbilanzen Obst/Gemüse – https://www.bmel-statistik.de ∙ BLE/BZL (12/2025): Getreidebilanz 2024/25 – https://www.ble.de
∙ UBA/AGEE-Stat (03/2026): Erneuerbare Energien in Zahlen – https://www.umweltbundesamt.de ∙ BLE/BZL (09/2025): Eiweißbilanz – https://www.ble.de ∙ BMEL-Statistik: Futtermittel/Futteraufkommen 2023/24 – https://www.bmel-statistik.de
∙ DBV (2026): Faktencheck Futterversorgung der Nutztiere – https://www.bauernverband.de
∙ Destatis (08/2025): Siedlungs- und Verkehrsfläche wächst täglich um 51 Hektar – https://www.destatis.de
∙ BZL/Landwirtschaft.de: Verlust von Flächen – täglich gehen 51 Hektar verloren – https://www.landwirtschaft.de
∙ Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung / Bundestag-Drucksache 20/7467 (2023): Flächenrückgang Landwirtschaft 1992–2021 – https://www.bundestag.de ∙ BMLEH: Flächennutzung und Bodenmarkt – https://www.bmleh.de ∙ UBA: Flächennutzung in Deutschland – https://www.umweltbundesamt.de ∙ FNR (2025): Anbau nachwachsender Rohstoffe 2024 – https://www.fnr.de
∙ DBV Situationsbericht 2025/26, Kap. 2.1 Flächennutzung – https://www.situationsbericht.de
∙ Weltbank (04/2024): Commodity Markets Outlook – https://openknowledge.worldbank.org
∙ Wirtschaftsdienst (2023): Auswirkungen des Ukrainekrieges auf den globalen Agrar- und Ernährungssektor – https://www.wirtschaftsdienst.eu
∙ FAO/WFP (2022/2023): Globale Ernährungsunsicherheit und Ukraine-Krieg
∙ UNCTAD RMT 2025, Kap. III: Freight rates and maritime transport costs – https://unctad.org